Das Wiener Wappen ist auch wesentlicher Bestandteil des Markenauftritts der Stadt Wien. © Manuel Swatek

 

Kleine Wiener Wappenkunde

Wir alle wissen, wie das Wappen für Wien aussieht. Doch wie ist es entstanden? Das Wiener Stadt- und Landesarchiv befasst sich in einer neuen Schau mit dessen Geschichte. Doch was haben Adler, Einhörner und Donaunymphen damit zu tun?

Es ist in Rot gehalten, mit einem weißen Kreuz in der Mitte. Wie das Wiener Wappen aussieht, lernen in der Bundeshauptstadt aufwachsende Kinder spätestens im Sachkundeunterricht in der Volksschule. Auch die Geschichte des jeweiligen Bezirkswappens wird mitunter im Unterricht durchgenommen. Doch wie ist das ikonische Wappen Wiens entstanden? Wann fand es erstmals urkundliche Erwähnung?

Der aktuelle Schwerpunkt des Wiener Stadt- und Landesarchivs trägt das Thema unmissverständlich im Titel: "Wiener Wappen und Siegel. Geschichte und Verwendung". Dabei werden Entstehung und Entwicklung der Wiener Wappen und Siegel in ihrer ganzen Vielfalt behandelt. Im Foyer des Archivs werden bis 24. Februar 2021 Objekte gezeigt, die als Quellen für ihre Geschichte stehen. Auch online werden Interessierte bedient: Eine interaktive Karte im Wien Geschichte Wiki zeigt den Gebrauch dieser städtischen Symbole im öffentlichen Raum, eine weitere setzt sich mit der Verwendung von Wappen auf Grenzsteinen im Wiener Raum auseinander.

Adler, Einhörner und Donaunymphen

Die beiden Kuratoren Christoph Sonnlechner und Manuel Swatek vom Wiener Stadt- und Landesarchiv standen dem Vorteilsclub ausführlich Rede und Antwort. Was Habsburger, Adler, Einhörner und Donaunymphen damit zu tun haben und warum "Wappen" und Waffen" den gleichen Wortstamm haben: All das und viel mehr erfahren Sie hier.

Der Vorteilsclub der Stadt Wien: Wie sieht das Wiener Wappen aus? Was ist darauf zu sehen?

Manuel Swatek: Das Wiener Wappen zeigt in rotem Feld ein silbernes Kreuz. Bei Wappen sind die Farben Weiß und Gelb mit Silber beziehungsweise Gold gleichzusetzen. In der Vollversion unseres Stadtwappens - man spricht von einem Vollwappen - ist dieser Wappenschild einem einköpfigen Adler auf die Brust gesetzt.

Warum gerade ein Adler? Warum gerade die Farben Rot und Weiß?

Christoph Sonnlechner: Der Adler geht auf das älteste Stadtsiegel aus der Zeit um 1230 zurück. Damals übernahm die Stadt das Wappentier des Stadtherrn, der Babenberger Herzöge, in ihr Siegel. Das heißt aber nicht, dass sich die Stadt damals den Adler als Wappentier zugelegt hat. Es war "bloß" das Siegelmotiv. Der Adler war ein typisches Symbol für Stärke. Die Farben Rot und Silber könnten vom österreichischen Landeswappen übernommen worden sein, dem Bindenschild.

 

Wann ist die erste Fassung des Wiener Wappens überliefert? Seit wann gibt es das Wappen in seiner jetzigen Form?

Swatek: Die ältesten Belege für das Wiener Wappen stammen vermutlich aus der Zeit um 1278. Die Wiener Münzherren prägten damals Silbermünzen, genannt Wiener Pfennige, auf denen sie ein Kreuzsymbol, wahrscheinlich den Kreuzschild, abbildeten. Da nicht alle Münzstätten damals Wappen besaßen, konnte sich Wien durch die Verwendung eines Wappens als bedeutendstes kommunales Zentrum in unserem Raum von den anderen Münzstätten absetzen.

Welche Metamorphosen hat es im Laufe der Zeit durchgemacht? Was war früher komplett anders, was ist geblieben?

Sonnlechner: Der Wiener Kreuzschild ist seit seiner Entstehung gleich geblieben. Als Kaiser Friedrich III. Wien 1461 ein Doppeladlerwappen verlieh, wurde die Sache kompliziert. Das alte Kreuzwappen fand im Wappenbrief Friedrichs keine Erwähnung. Da die Stadt darauf nicht verzichten wollte, da das Doppeladlerwappen eine große Ehre bedeutete, fand man kreative Lösungen. Wien besaß seither zwei Wappen. Die Repräsentanten kombinierten beide - und zwar in unterschiedlicher Form. Zum einen haben sie dem Doppeladler den Kreuzschild auf die Brust gelegt, zum anderen führte man beide Wappen nebeneinander.

Da man nach dem Ersten Weltkrieg die Symbole der Habsburger los werden wollte, hat man sich eine neue Version des Stadtwappens zugelegt. Der Doppeladler wurde als Zeichen des Kaiserhauses gesehen, das den Krieg maßgeblich zu verantworten hatte. Besonders beeilt hat man sich dabei allerdings nicht. Erst 1925 beschloss der Landtag ein Wappengesetz. Hier griff man auf das mittelalterliche Stadtsiegel zurück, das den Kreuzschild mit dem einköpfigen Adler zeigte.

Wie ist das Wiener Wappen überhaupt entstanden?

Swatek: Die Entstehung ist im Zusammenhang mit dem Erstarken der Wiener Bürgergemeinde im 13. Jahrhundert zu sehen. Nach dem Aussterben der Babenberger mussten die nachfolgenden Habsburger Rückhalt unter den politisch wichtigen Playerinnen und Playern im Land suchen, zu denen die Stadt Wien gehörte. Das konnte die Kommune ausnutzen und eine weitgehende Autonomie durchsetzen, die bis zum Ende des Mittelalters erhalten blieb. Dass sich Wien damals den heute noch verwendeten Kreuzschild als Wappen zulegte, war in erster Linie ein politisches Statement, mit dem man die neue Stellung zum Ausdruck brachte. Darüber hinaus spielte das Militärwesen in der damaligen städtischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Der Bürgermeister führte selbst hoch zu Ross das Aufgebot der Wiener an, die ihre Stadt selbst verteidigten. Für die Kennzeichnung der Wiener im Kampf benötigte man ein eigenes Wappen.

Ganz allgemein: Was ist der Unterschied zwischen Fahne, Flagge, Wappen und Siegel?

Swatek: Fahne, Flagge und Wappen sind in erster Linie ursprünglich einem militärischen Kontext als Feldzeichen zuzuordnen, das Siegel dem rechtlichen. Fahne und Flagge werden synonym verwendet, auch wenn Flagge prinzipiell die abstrakte Ausprägung des Motivs meint. Wappen sind schildförmige Zeichen. Siegel definieren sich durch ihre Funktion als Beglaubigungsmittel. Das Motiv des Siegels muss nicht mit dem des Wappens ident sein.

Seit wann gibt es überhaupt Stadtwappen? Und warum?

Sonnlechner: In Europa kommen Städtewappen im 12. Jahrhundert auf. Da das Wiener Wappen um 1278 erstmals fassbar ist, besaß Wien schon recht früh ein eigenes Wappen. Wappen wurden zunächst im militärischen Kontext verwendet, was auch bei Städten eine große Rolle spielte. Man darf nicht vergessen, dass die Bürger selbst ihre Stadt verteidigen mussten. Dass sich Städte Wappen zulegten, war auch ein Zeichen des Zusammengehörigkeitsgefühls und der städtischen Identität. Das hat bis heute Gültigkeit.

Welchen Zweck hatten Wappen einst?

Swatek: Wappen entstanden im frühen 12. Jahrhundert als Erkennungszeichen im Reiterkampf und Turnierwesen. Sie dienten zur Unterscheidung der einzelnen Kampfparteien. Dieser Zusammenhang wird auch aus der Wortherkunft deutlich, denn der Begriff "Wappen" hat dieselbe Wurzel wie "Waffen". Bald kennzeichnete man Gebäude und Gegenstände auch mit seinem Wappen.

Welche Bedeutung haben Wappen heute im Allgemeinen und das Wiener Wappen im Besonderen?

Sonnlechner: Rechtlich spielen Wappen heute im staatlichen Bereich eine Rolle, also bei Bund, Ländern und Gemeinden, aber auch im kirchlichen. Familienwappen kommt heute keine Relevanz mehr zu, die über den persönlichen Bezug hinausgeht. Nach dem Ende der Donaumonarchie wurden ja bekanntlich die Adelstitel abgeschafft, also auch die Adels- und Wappenverleihungen. Letztere kommen in Österreich nur mehr im kommunalen Bereich zum Tragen. Das Wiener Wappen dient wie eh und je als Erkennungszeichen der Stadt. Alle kennen es und können es sofort zuordnen. Es hat also die Funktion eines Logos. Daher war es nur folgerichtig, dass es 2019 wesentlicher Bestandteil des neuen Markenauftritts der Stadt Wien wurde.

Wo wurden Wappen verwendet, wo werden sie heute eingesetzt?

Swatek: Wappen wurden ursprünglich im militärischen Bereich verwendet. Der Wappenschild hat nicht umsonst seine Form vom Schild des Kämpfers. Ein weiterer Bereich war das Turnierwesen, der auch im städtischen Kontext eine gewisse Rolle spielte. Man darf nicht vergessen, dass die ersten Mitglieder der städtischen Führungsschicht im Mittelalter Adelige waren, die in der Stadt ihren Sitz hatten. Das Wappen war generell Symbol für seinen Träger. Man hat nicht nur Gebäude und persönliche Gegenstände mit seinen Wappen geschmückt, sondern auch Grabmäler. Die Stadt Wien benutzt ihr Wappen nicht nur im erwähnten Markenauftritt, sondern verwendet es auf vielfältige Weise. Sie schmückt damit, was sie errichtet, vom Gemeindebau bis zur U-Bahn-Station. Ebenso findet es sich auf offiziellen Schriftstücken und Ehrenzeichen.

Wie beeinflussten Fahnen, Siegel und Wappen einander? Was war zuerst da?

Sonnlechner: Siegel haben eine weit zurückreichende Geschichte. Wir kennen sie in der rechtlichen Funktion bereits seit dem Altertum. Wappen im heutigen Verständnis sind weitgehend dem mittelalterlichen Kriegswesen entsprungen. Sie dienten zunächst der Kennzeichnung von Truppen und wurde daher auf Schilden und Rüstungen angebracht. Fahnen trugen oft das Wappen beziehungsweise die Farben aus dem Wappen, denn diese dienten ebenfalls häufig einem militärischen Zweck.

Gibt es für jeden Wiener Gemeindebezirk ein eigenes Wappen? Welches ist das älteste, welches das neueste?

Swatek: Jeder Bezirk besitzt ein eigenes Wappen, das aus den Symbolen jener Teile - der ehemaligen Vorstädte, Vororte und Gemeinden - zusammengesetzt ist, die zum Bezirk zusammengeschlossen wurden. Die Stadt Wien hat erstmals 1904 für die damaligen Bezirke eigene Wappen anfertigen lassen. Anlass war ein kommunales Großprojekt, das Versorgungsheim Lainz, dessen Kirche man mit Bezirkswappen schmücken wollte. Da es 1938 und 1946/1954 zahlreiche Änderungen beim Stadtgebiet gab, hat man in den 1980er-Jahren eine Neufassung der Bezirkswappen vorgenommen. Die Bezirkswappen der Bezirke 1 bis 20 entstanden alle 1904, jenes von Floridsdorf um 1910, und jene von Donaustadt und Liesing erst bei der Neufassung, die 1992 ihren Abschluss fand. Das älteste Bezirkswappen ist jenes der Inneren Stadt, da dieses mit dem Stadtwappen ident ist.

Welches Wiener Bezirkswappen hat den ungewöhnlichsten "Inhalt"?

Swatek: Das liegt freilich sehr im Auge der Betrachterin beziehungswiese des Betrachters. Die abgeschnittene Zunge des heiligen Nepomuk, des Patrons von Zwischenbrücken, in den Bezirkswappen von der Brigittenau und Leopoldstadt kann erwähnt werden. Ebenso hervorheben könnte man das Einhorn, das in den Wappen von Kaiserebersdorf und Hundsturm vorkommt, aber auch die Nymphe im Meidlinger Bezirkswappen, die den Wienfluss symbolisiert. Auf eine biblische Geschichte geht die Riesentraube im Währinger Wappen zurück. Diese Riesentraube war ein Zeichen der übergroßen Fruchtbarkeit jenes Landes, in dem sprichwörtlich Milch und Honig flossen.

Im Foyer des Wiener Stadt- und Landesarchivs gibt es bis 24. Februar 2021 eine Ausstellung zum Thema. Was wird dort alles gezeigt?

Sonnlechner: Die Ausstellung besteht zwar nur aus vier Vitrinen, doch sind einige Highlights aus den Beständen des Archivs vertreten. Wir zeigen das Wiener Ehrenbürgerbuch mit seinem 1853 nach einem Entwurf des späteren Opernarchitekten Eduard van der Nüll angefertigten Prunkeinband, die originalen Entwürfe des Stadtwappens für das Wappengesetz 1925, aber auch den Siegelstempel des Großen Stadtsiegels von 1464.