Von der Pferdetram zur Niederflurstraßenbahn. © Wiener Linien

 

Von einst bis heute: die Wiener Bim

Am 4. Oktober 1865 nahm die erste Pferdetramwaylinie ihren Betrieb auf. Sie gab den Startschuss für den öffentlichen Verkehr in Wien. Seither hat sich viel getan. Auf den Spuren der Wiener Straßenbahn reist CLUB WIEN durch die Zeitgeschichte.

Ob mit der U-Bahn, dem Bus oder der Straßenbahn: Die Öffis sind in Wien das beliebteste Verkehrsmittel. 2018 konnten sie pro Tag 2,6 Millionen Fahrten verbuchen und über das gesamte Jahr 965,9 Millionen Fahrgäste zählen. Das ist der fünfte Anstieg in Folge. Auch die 365-Euro-Jahreskarte ist beliebter denn je, besaßen 2018 doch bereits 822.000 Wienerinnen und Wiener eine. Transportiert werden all diese Menschen mit 450 Bussen, über 500 Straßenbahngarnituren und mehr als 150 U-Bahn-Zügen. Das Angebot wird dabei ständig erweitert und bereits 2025 sollen die ersten Fahrgäste mit der neuen U5 von A nach B gebracht werden. Eine Erfolgsgeschichte, die es in sich hat. Der öffentliche Verkehr startete vor über 175 Jahren mit einer eingleisigen normalspurigen Pferdetramway. Wie ist die Erfolgsgeschichte der Wiener Bim weitergegangen und welche Meilensteine wurden zurückgelegt? CLUB WIEN besuchte das Verkehrsmuseum Remise und hat vor Ort mit Museumsleiter Hans Baierl über die Wiener Bim und ihre Anfangszeiten gesprochen.

 

Wie alles begann …

Heutzutage kaum noch vorstellbar, wurden die Wienerinnen und Wiener bis rund 1848 von Sesselträgern durch die Stadt transportiert. Ein Transportmittel, das sich nur wenige leisten konnten und auch nur bedingt Zeit einsparte. Der erste Vorläufer für die heutige Straßenbahn wurde aber bereits einige Jahre zuvor in Betrieb genommen. 1840 bauten die Besitzerinnen und Besitzer eines Vergnügungsetablissements in der Brigittenau eine Pferdeeisenbahn. Die Eisenbahn, die auf Holzschienen fuhr, brachte täglich ab 14 Uhr Besucherinnen und Besucher im 15-Minuten-Intervall vom Donaukanal über den heutigen Gaußplatz und die Jägerstraße in die Brigittenau zum Kolosseum und zum Brigittakirtag. Ziel war, das Veranstaltungslokal für die Gäste leichter erreichbar zu machen. Bereits zwei Jahre später musste jedoch das Etablissement schließen und damit wurde auch Wiens erste Pferdeeisenbahn eingestellt.

Es dauerte über 20 Jahre, bis die erste öffentliche Pferdetramway in Betrieb genommen wurde. Am 4. Oktober 1865 startete mit der "Ersten privilegierten Kaiser-Franz-Joseph-Pferde-Eisenbahn" der öffentliche Massenverkehr in Wien. Pferdetramways galten damals noch als Eisenbahnen und fielen daher in die Zuständigkeit des k. u. k. Handelsministeriums. Die erste Strecke besteht, in nahezu derselben Linienführung, noch heute. Sie führte vom Schottenring, der heutigen Station Schottentor, über die Alser Straße und die Hernalser Hauptstraße hinaus nach Dornbach. Man fuhr also genau jenen Weg, den Fahrgäste heute mit dem 43er zurücklegen können. Zum Start waren 28 zweispännige Pferdetramway-Wagen der Nummer 238 "auf Schiene". Ein Jahr später verlängerte man die Strecke bis Dornbach. Die Pferdetramway brachte die Gäste zu den Gastronomiebetrieben, die sich am Stadtrand befanden, und diente so mehr dem Ausflugsverkehr als der Personenbeförderung.

Einige Jahrzehnte nach der Einführung der Eisenbahn als Verkehrsmittel kam der Gedanke auf, diese auch für die innerstädtische Personenbeförderung einzusetzen. So dauerte es nicht lange, bis neben den Pferdetramways auch Dampftramways den Wiener Verkehr eroberten. Neue Strecken wurden gebaut, etwa von Hietzing nach Perchtoldsdorf oder von der heutigen Augartenbrücke über Floridsdorf bis nach Stammersdorf.

Die Bim erobert Wien

Mit der Ernennung Karl Luegers zum Bürgermeister im Jahr 1897 brach in Wien das Zeitalter der elektrischen Wiener Straßenbahnen an. Lueger war maßgeblich an der Elektrifizierung der Stadt sowie am Bau des elektrischen Straßenbahnnetzwerks beteiligt. Die erste elektrische Bahn feierte am 28. Jänner 1897 ihre Premiere. Auf nahezu identischer Strecke fährt noch heute die Straßenbahnlinie 5.  In den nächsten drei Jahren wurden 150 Kilometer des Straßenbahnnetzes elektrifiziert und 33 Kilometer elektrische Strecken neu gebaut.

Im Zuge der Errichtung der städtischen Elektrizitätswerke am 1. Jänner 1902 übernahm die Stadt Wien am 1. Juli 1903 vertraglich die beiden größten Privatstraßenbahnunternehmungen BBG/WT (Bau- u. Betriebsgesellschaft für städtische Straßenbahnen/Wiener Tramwaygesellschaft) und NWT (Neue Wiener Tramwaygesellschaft) und das Unternehmen "Gemeinde Wien – städtische Straßenbahnen" wurde gegründet – gleichzeitig endete das Zeitalter der Pferdetramways. Das nunmehr städtische Gleisnetz hatte eine Gesamtlänge von circa 170 Kilometer, auf dem 945 elektrische Triebwagen und 888 Beiwagen für den Betrieb zur Verfügung standen.  

"Ausgedampft" hatte es sich erst ein paar Jahre später. Im Ersten Weltkrieg wurden Fahrer und Schaffner zum Militär eingezogen, weshalb Frauen deren Positionen erst als Schaffnerinnen, ab 1915 dann auch als Tramway-Fahrerinnen übernahmen. Erst 1922 war die Umstellung von Dampf- auf elektrische Triebwagen vollständig abgeschlossen. Nun war ganz Wien abgasfrei unterwegs und die elektrische Bim eroberte die Hauptstadt. Doch woher kommt eigentlich der beliebte Spitzname "Bim"?

Bim ist ein in Wien, Graz und Linz gebräuchlicher Name für die Straßenbahn. Es ist die Abkürzung für Bimmelbahn. Bimmeln meint das Betätigen der lauten Fußklingel durch die Fahrerin oder den Fahrer eines Straßenbahnzugs. Diese Fußklingel diente als akustisches Warnsignal und wurde auch immer zum Zeitpunkt der Abfahrt der Wagen betätigt.

Von Frauen als Fahrerinnen bis zu schaffnerlosem Betrieb

Die Einführung der elektrischen Straßenbahnen brachte viele Vorteile mit sich. Nicht nur, dass der Lärm- und die Geruchsbelästigung der Dampf- und Pferdetramways aus der Stadt gewichen waren, jetzt war es auch allen möglich, einfach von A nach B zu kommen. In den folgenden Jahren erweiterte die Gemeinde Wien ständig das Netz und es wurden auch fixe Haltestellen errichtet. Ab 1907 wurden die einzelnen Linien auf ein Buchstaben- und Ziffernsystem geändert, das teilweise noch heute Gültigkeit hat. Im Ersten Weltkrieg wurden Fahrer und Schaffner zum Militär eingezogen, weshalb Frauen ihre Positionen erst als Schaffnerinnen, ab 1915 dann auch als Tramway-Fahrerinnen übernahmen. Während des Zweiten Weltkrieg kam es zu einem Stillstand der Straßenbahnen. Deren Betrieb konnte aber bereits wenige Wochen nach Kriegsende wieder aufgenommen werden.

Eine bis heute anhaltende Rationalisierungsmaßnahme fand in den Sechzigerjahren ihren Anfang. Aufgrund akuten Personalmangels bei den Wiener Linien rüstete man kurzerhand auf schaffnerlosen Betrieb um. Damals waren zahlreiche Drei-Wagen-Züge mit jeweils vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterwegs - neben der Fahrerin oder dem Fahrer fuhr zusätzlich eine Schaffnerin oder ein Schaffner pro Wagen mit. Um einzusparen, wurden anstelle von Zweiachswagen neue Gelenkswagen bestellt, die mit einer Schaffnerin oder einem Schaffner weniger auskamen.

Modernisierung der Wiener Bims

Die ersten Hochflur-Straßenbahnen gab es in Wien bereits 1927. Die Type M stellte zweifelsfrei einen Meilenstein in der Geschichte der Wiener Straßenbahn dar. Denn erstmals waren die Triebwägen geschlossen und zudem boten sie den Fahrgästen viel mehr Platz. Das Modell M war in Wien mehrere Jahrzehnte in Betrieb bis es 1959 durch die Hochflur-Straßenbahn des Typs E ersetzt wurde. Aufgrund einer zu schwachen Motorleistung, die das Fahren von Beiwagen nur schwer ermöglichte, setzte man aber bereits 1967 auf den Nachfolgetypen E1, der über einen stärkeren Motor verfügte. Einige Jahre später 1978 kam es zu einer weiteren Erneuerung und die Hochflur-Straßenbahn des Typs E1 wurde durch den Typ E2 ergänzt und in den folgenden Jahren ersetzt.

Jahrzehntelang sind die beliebten Hochflurgarnituren der Type E1 und E2 in Wien unterwegs. Mit den 1998 in Betrieb genommenen ULF-Straßenbahnen setzen die Wiener Stadtwerke einen weiteren wichtigen Schritt Richtung Modernisierung. Denn die Niederflur-Bims verweisen mit einer 18 Zentimetern über die weltweit niedrigste Einstiegshöhe. Mittlerweile sind mehr als die Hälfte der über 550 Triebwägen in der Niederflur-Variante unterwegs, wobei täglich über 400 Straßenbahn-Garnituren zum Einsatz kommen.

Flexity, eine Weltneuheit in Wien

Die neueste Bim-Generation hört auf den Namen Flexity und rollt bereits seit 2018 durch Wien. Mit einer Länge von 34 Metern bietet sie Platz für 211 Fahrgäste. Sie verfügt über eine Klimaanlage, Videoüberwachung, bietet zusätzliche Fahrgastinformationen und setzt zudem auf ein nachhaltiges Recyclingkonzept. Mit einer Einstiegshöhe von nur 21,5 Zentimetern ermöglicht die erste Straßenbahn des Modells Flexity über ein bequemes Ein- und Aussteigen. Die Flexity-Niederflurgarnituren sind in vielen weiteren Metropolen wie Berlin oder Marseille in Einsatz und gehören weltweit zu den beliebtesten Straßenbahnfahrzeugen. Nach und nach werden sie die alten Modelle ersetzen.

Von Autobussen und U-Bahnen

Bereits im 20. Jahrhundert lebten in Wien rund zwei Millionen Menschen, weshalb das bereits bestehende Straßenbahnnetzwerk stetig erweitert werden musste. Mit zunehmenden Autoverkehr sahen viele den Schienenverkehr immer mehr als Hindernis. Deshalb wollte man den gesamten öffentlichen Verkehr auf Untergrundbahnen und Busse verlagern. Auch aufgrund von Platzproblemen in engen Gassen wurden Busse bevorzugt. So wurde zusätzlich zu den elektrischen Straßenbahnen ein Busnetzwerk aufgebaut. Als am 17. November 1966 die Stadtplanungskommission der Gemeinde Wien den Bau der Wiener U-Bahn empfahl, dauerte es nicht mehr lange und Wien bekam seine erste Untergrundbahn.

Doch das ist eine andere Geschichte. Erfahren Sie mehr über die Wiener Linien im Verkehrsmuseum Remise oder auf www.wienerlinien.at.
 

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