Architektin Eldine Heep und Designer Klemens Schillinger freuen sich über den Erfolg der "Wiener Kuchl". © Bohmann

Neustart mit der "Wiener Kuchl"

Wenn ehemals obdachlose Menschen wieder in eine Wohnung ziehen, steht eine Küche ganz oben auf der Wunschliste. Architektin Eldine Heep und Designer Klemens Schillinger haben in Kooperation mit Obdach Wien ein Do-it-yourself-Modell um 200 Euro entwickelt.

Christian Weschitz fährt mit der Hand behutsam über die Kanten. Vorsichtig schiebt er die Tür auf die Seite, klopft auch die Platte und nickt zufrieden. "Passt", sagt er. Der 65-Jährige hat seit Kurzem wieder eine eigene Wohnung. Das gibt ihm "ein gutes Gefühl, auch wenn die Einrichtung noch fehlt". Matratze, Essgeschirr, viel mehr gibt es noch nicht. Keine Möglichkeit, um zum Beispiel Einkäufe zu verstauen und sich häuslich einzurichten. Dass er jetzt zuschauen kann, wie seine neue Küche Stück für Stück wächst, macht ihn zufrieden. Mithelfen kann er krankheitsbedingt nicht. Beim Aufbau wollte er aber dennoch dabei sein. Schließlich geht es um einen Neustart in seinem Leben.

Christian Weschitz (links) holt sich Tipps bei Christian Edi, der die Küche schon nützt. © Bohmann

Kompakt, leicht zu transportieren und schnell aufzubauen

Eine ordentliche Küche, die wollen auch Menschen mit wenig Geld. Dank Architektin Eldine Heep und Designer Klemens Schillinger ist dies nun auch möglich. Die beiden haben die "Wiener Kuchl" entwickelt, die selbst zusammengebaut werden kann, rund 200 Euro kostet und an die Standardmaße im Gemeindebau angepasst ist. Gemeinsam mit Obdach Wien und dem MAK entstand eine kleine Küchenzeile, die sich sehen lassen kann: Fichten-Sperrholz, drei Bodenkästchen mit Schiebetüren, eine farblich variable Arbeitsplatte und ein in die Höhe wachsendes Wandelement, in das man auch Kräuterkörbe oder kleine Regale einhängen kann. Zwei Dinge waren dem Duo dabei wichtig: "Es muss alles zerlegbar und damit leicht transportierbar sein. Und alle Teile sollen in einem einzigen Baumarkt gekauft werden können, damit man sich die Herumfahrerei erspart." Das gesamte Material passt daher auf eine Transportrodel, die beim Baumarkt ausgeborgt werden kann. In drei bis vier Stunden kann die Küche dann zusammengebaut werden.

Das gesamte Material passt auf eine Transportrodel. Die gibt es im Baumarkt zum Ausborgen. © Bohmann

Küche steht für mehr als Kochen

Für Menschen wie Christian Weschitz, die nach einer Obdachlosigkeit wieder in eine Wohnung ziehen, sind das wichtige Kriterien. "In zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen kam immer wieder: Eine Küche ist zu teuer, es gibt zu wenig Platz, es fehlt das Werkzeug, man braucht ein Auto für den Transport", sagt Klemens Schillinger. "Wir haben das alles in die Konzeption einfließen lassen." Auch die Kostenfrage wurde berücksichtigt. Auf ganz billige Materialien wurde aber bewusst verzichtet. "Man sieht natürlich, dass es keine Maßküche ist", erklärt Eldine Heep. "Wir wollten aber keine Übergangslösung. Es sollte eine kompakte, funktionale kleine Küche werden, die sauber und fertig ausschaut. Andernfalls könnte man auch einfach Kisten in die Wohnung stellen." Diese elegante Lösung wurde mit gutem Grund gewählt. Küchen sind so etwas wie das Herzstück einer Wohnung. Das bestätigt auch Lena Kauer, Sozialarbeiterin von Obdach Wien. "Für Menschen, mit denen wir arbeiten, bedeutet Küche mehr als ein Platz zum Kochen. Sie steht für Ankommen und dafür, sich zu Hause zu fühlen."

Sozialarbeiterin Lena Kauer zeigt Christian Weschitz, wie seine fertige Küche ausschauen wird. © Bohmann

Plan, Video und Profis helfen beim Aufbau

Zum Aufbauen der Küche braucht man nicht viel: Bretter, Schrauben, Akkuschrauber, Stanleymesser, Maßband und eventuell eine Handsäge. An die Mauer selbst muss nichts gebohrt werden. Bei Bedarf gibt es Unterstützung. "Wer so etwas noch nie gemacht hat, tut sich trotz Bauplan und Anleitungsvideo wahrscheinlich schwer", sagt Klemens Schillinger. Das gemeinsame Zusammenbasteln stärkt aber auch das Gemeinschaftsgefühl. Meistens mit von der Partie sind Christian und Karl, zwei Profis, was den Aufbau betrifft. Das zeigt sich vor allem bei Workshops, bei denen jeder Handgriff sitzt und auch der Schmäh ordentlich rennt. Die beiden waren auch unter den Ersten, bei denen die Küche zu Hause aufgestellt wurde. Beschwerden gibt es bis heute keine. Alles hält. Alles funktioniert. Ihre Erfahrungen geben sie jetzt gerne weiter. An die Supertramps zum Beispiel, ehemalige Obdachlose, die Stadtführungen machen und dabei auch von der "Wiener Kuchl" erzählen. "Dieser soziale Aspekt war uns bei dem Projekt sehr wichtig", sagt Klemens Schillinger. "Wenn man sieht, mit welcher Begeisterung die Küche aufgebaut und genutzt wird, ist das einfach nur schön."

Der gemeinsame Aufbau stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Der Schmäh rennt. © Bohmann

Auszeichnung SozialMarie 2018

Das Projekt wurde mittlerweile mit der SozialMarie, einem europaweiten Preis für soziale Innovationen, ausgezeichnet. Das freut alle Beteiligten. Lena Kauer: "Die Vernetzung und gegenseitige Unterstützung von Menschen in schwierigen Lebenslagen wird in der Sozialarbeit immer wichtiger. Die SozialMarie bestätigt uns darin, dass gemeinsam gute und nachhaltige Lösungen gefunden werden können." Wie viele "Wiener Kuchln" mittlerweile aufgestellt sind, kann sie nur schätzen. Schließlich kann sie jede und jeder kaufen. Auch in anderen Farben und Materialien. "Aber rund zwanzig für unsere Klientinnen und Klienten werden es schon sein." Für Christian Weschitz beginnt jetzt auf jeden Fall ein neues Kapitel in seinem Leben. "Essen warm machen und abwaschen geht leichter und die Wohnung wird mehr Wohnung", sagt er. Und darauf freut er sich.

Obdach Wien

Obdach Wien ist die größte Anbieterin innerhalb der Wiener Wohnungslosenhilfe. Die gemeinnützige GmbH wurde 2005 gegründet und betreut jährlich ca. 8.000 Menschen in 25 Einrichtungen. Das Angebotsspektrum von Obdach Wien reicht von der Straßensozialarbeit über betreute Wohneinrichtungen bis hin zu Unterkünften für geflohene Menschen im Rahmen der Grundversorgung. Die Angebote von Obdach Wien werden vom Fonds Soziales Wien gefördert.

Wenn ehemals wohnungslose Menschen wieder eine eigene Wohnung beziehen, fehlt es in den meisten Fällen an den Mitteln für eine ordentliche Küche. Im Rahmen eines Projekts von Obdach Wien (zuvor "wieder wohnen") und dem MAK in Kooperation mit Hunger auf Kunst und Kultur haben sie die "Wiener Kuchl" entwickelt. © Stadt Wien/Bohmann Verlag

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