Die MitarbeiterInnen der Rettungsleitstelle sind die ersten AnsprechpartnerInnen für Menschen in Not. © PID/Ismail Gökmen

 

Wien bei Nacht: Mit Notärztin und Notfallsanitätern im Einsatz

Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Wer bei dieser Frage an Restaurants, Kultur und Spaziergänge denkt, genießt das Leben. Notärztin Milena und ihre Kollegen sehen das nächtliche Wien auch mit anderen Augen. Wir haben sie eine Schicht lang begleitet.

Gemeinsam mitrund 100 KollegInnen wacht das Team der Wiener Berufsrettung heute Nacht über die Millionenmetropole. Mehr als 400 Notrufe handelt die Rettungsleitstelle, auch Notrufzentrale genannt, allein in dieser Zeit ab. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitstelle, die sogenannten Disponentinnen und Disponenten, sind die ersten Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für Menschen in Not. Mit ruhiger Konzentration fragen sie die anrufenden Patientinnen und Patienten und Ersthelferinnen und Ersthelfer nach den oft überlebenswichtigen Informationen, entscheiden über die Dringlichkeit und geben den AnruferInnen Anleitung zur Ersten Hilfe bis zum Eintreffen der Rettungskräfte.

 

Erster Einsatz: Schwerer Unfall

Dann muss es plötzlich schnell gehen. Eine etwa 25-jährige Frau ist mit dem Elektroroller gestürzt. Laut dem Ersthelfer, der 144 angerufen hat, war die Frau ohne Helm unterwegs und liegt bewegungslos auf der Straße. Während der Disponent in der Leitstelle noch mit dem Anrufer spricht, schickt er bereits einen Rettungswagen mit Notfallsanitäter Thomas. Da die Frau möglicherweise schwer verletzt ist, kommt auch Notärztin Milena, selbst Mutter einer 19-jährigen Tochter, zum Unfallort. Als das Rettungsteam des Rettungswagens (RTW) ankommt, liegt das Unfallopfer reglos quer über die Straße. Den Roller zu ihren Füßen, wird sie von Scheinwerfern des ankommenden Notarzteinsatzfahrzeuges (NEF) beleuchtet. Milena schließt ihre Uniformjacke und steigt aus dem Auto. Notfallsanitäter Thomas löst seinen Gurt, springt aus dem NEF und eilt zu der jungen Frau. Routiniert untersuchen beide die Frau nach dem "ABCDE-Schema" nach PHTLS Guidelines: Zuerst die Atmung überprüfen, wenn nötig beatmen, den Kreislauf (Circulation) sowie ein etwaige neurologische Probleme (Disability) erfassen und abschließend die weitere Vorgehensweise (Exploration) entscheiden.

Jetzt trifft ein weiteres Einsatzfahrzeug ein. Stefan kommt zu Milena und Thomas, die sich bereits um die Verletzte kümmern. Der 40-Jährige ist einer von drei Field Supervisors, der sogenannter FISU. Diese spezielle Funktion gibt es in Wien seit acht Jahren. Er kommt zu allen schweren Notfällen. Stefan, seit 20 Jahren Notfallsanitäter, Flugretter und Lehrer an der Rettungsakademie der Berufsrettung Wien, beobachtet den Einsatzablauf im Sinne des Qualitätsmanagements, unterstützt das Team vor Ort, gibt Feedback und setzt diese Erfahrungen auch für die Weiterbildung des Teams ein.

Während die Verletzte noch notfallmedizinisch versorgt wird, übernimmt die Leitstelle bereits die Koordination mit den Krankenhäusern. Die Patientin wird mit Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma und Wirbelsäulenverletzungen in den Schockraum des Donauspitals gebracht.

Warum dieser psychisch und physisch anspruchsvolle Beruf?

Bis zum nächsten Einsatz bleibt kurz Zeit für die Frage nach dem Warum. Auf der Rückfahrt in die Station erzählt Notärztin Milena, dass ihr der Arztberuf in die Wiege gelegt wurde: "Ich bin quasi im Kreißsaal bei meiner Mutter, einer Gynäkologin, aufgewachsen". Notfallsanitäter Thomas war mit elf Jahren bei der Feuerwehrjugend und machte später beim Bundesheer  die Ausbildung zum Rettungssanitäter. "Das anschließende Praktikum bei der Berufsrettung Wien hat mir so gefallen, dass ich mich beworben habe. Seit fünf Jahren bin ich dabei. Ich habe in unserer Rettungsakademie weitere Ausbildungen gemacht und bin jetzt 'Nofallsanitäter mit Notfallkompetenz Venenzugang'. Für uns ist Menschen zu helfen einfach eine Berufung. Viele, die als Zivildiener zur Rettung kommen, bleiben dabei."

Triathlon, Tourengehen, Klettern und Garteln

Der psychische und physische Druck ist hoch. Viele machen zum Ausgleich Sport. Harald, heute der Leitende Disponent des 16-köpfigen Teams der Rettungsleitstelle, läuft oft die 17 Kilometer zur Arbeit. Field Supervisor Stefan schaltet am besten beim Tourengehen und Klettern ab. Manche entspannen beim Garteln und Spazieren. Andere engagieren sich auch in ihrer Freizeit noch ehrenamtlich als NotfallsanitäterInnen. So auch Raphael. Der 33-Jährige leistet nach seiner Dienstzeit auch als freiwilliger Sanitäter in seiner Heimatgemeinde in Niederösterreich Erste Hilfe, als First Responder. Bei der Berufsrettung hat er die Dienstaufsicht über und arbeitet als Einsatzleiter bei diversen Großschadenslagen. Dazu untersteht ihm der Katastrophenzug der bei  Großschadens- und Katastropheneinsätzen, wie etwa Großbränden oder Gasunfällen, hinzugezogen wird.  "Wirklich abschalten kann ich nur im Urlaub, aber selbst da bleibe ich wachsam und habe einen 360 Grad-Blick auf meine Umgebung."

Bescheidenheit und Freude über die kleinen Dinge

Der Beruf hat aber auch Raphaels Blick auf das Leben verändert. "Man denkt anders, Alltagsprobleme relativieren sich. Ich würde mich als bescheidener als früher bezeichnen und freue mich über die kleinen Dinge, die das Leben bietet". Während seine KollegInnen zustimmen, fällt ihm noch eine Kleinigkeit ein: "Ich versuche nie im Streit mit Familie und Freunden auseinanderzugehen. Denn das Schicksal schafft es oft nur mit einem Wimpernschlag, das gesamte Leben völlig umzudrehen."

"Danke" am Hausdach

Ein gelungener Einsatz, die Lebensrettung in letzter Sekunde – aus diesen Momenten ziehen alle im Team ihre Kraft. "Leben zu retten ist unser Job und wir erwarten dafür nichts. Wir freuen uns aber besonders, dass sich viele ehemalige Patientinnen und Patienten und deren Familien bei uns melden und bedanken. Manche schreiben Briefe, Mails oder kommen sogar auf einen kurzen Besuch vorbei“, sagt Stefan. Nach einem heiklen Einsatz mit dem Rettungshubschrauber stand auf dem Hausdach der Patientin monatelang ein großes 'Danke'. Das gibt natürlich viel Kraft und Motivation für den nächsten Einsatz".