Blick in eine der ersten elektrifizierten Straßenbahnen. © PID/Christian Fürthner

Von der Pferde-Tram zur Niederflurstraßenbahn

Wien im Wandel: CLUB WIEN widmet sich der Wiener Straßenbahn und warum Sie damals wie heute am Puls der Zeit fährt.

Als im Jahr 1865 Wienerinnen und Wiener entlang der Hernalser Hauptstraße gebannt auf die erste, noch von Pferden gezogene, Wiener Tramway warteten, hätte sich wohl kaum jemand ausmalen können, wie sehr sich das Bild des öffentlichen Verkehrs in den folgenden knapp 150 Jahren gewandelt haben würde.

Wien ist anders. Nicht nur, weil neben dem bestehenden U-Bahn-Netz auch ein weit verzweigtes Straßenbahn-Netz die Stadt wie Lebensadern durchzieht. Auch weil dessen Planung bereits einen Meilenstein in Sachen Verkehrskonzept zu setzen wusste.

Eine Illustration der ersten Pferde-Tramway nach Dornbach. © Wiener Linien

Wachstum

Am 4. Oktober 1865 nahm die "Erste privilegierte Kaiser-Franz-Joseph-Pferde-Eisenbahn" ihren Betrieb auf. Die Strecke besteht, in nahezu derselben Linienführung, noch heute. Sie führte vom Schottenring, der heutigen Station Schottentor, über die Alser Straße und die Hernalser Hauptstraße hinaus nach Dornbach. Man fuhr also genau jenen Weg, den Passagierinnen und Passagiere heute mit dem 43er zurücklegen können. Zum Start waren 28 zweispännige Pferdetramway-Wagen der Nummer 238 "auf Schiene".

Wer heute dem Streckenverlauf aufmerksam folgt, findet sogar steinerne Hinweise auf diese älteste Öffi-Linie der Stadt. An einigen Häusern in Hernals sind riesige Mosaike angebracht, welche Momentaufnahmen aus diesen Pionierzeiten des öffentlichen Verkehrs festhalten.

Was wie ein erster Gehversuch wirkte, war in Wahrheit wirtschaftlichen und sozialpolitischen Notwendigkeiten geschuldet. Am Stadtrand waren in den Jahren zuvor zahlreiche Fabriken aus dem Boden geschossen und die Bevölkerungszahl Ende des vorigen Jahrhunderts war rasant gestiegen. Eine Modernisierung und Anpassung der öffentlichen Transportmittel blieb unausweichlich. So verkehrten noch Ende des 19. Jahrhunderts etwa 900 Pferde-Omnibusse. 

Die Tramway-Fahrer musste lange Zeit ohne Windschutzscheibe auskommen. © PID/Christian Fürthner

Weitsicht

Da sogenannte Stellwägen, Omnibusse oder die noblen Fiaker für die meisten Wienerinnen und Wiener, aber auch als ganzheitliche Lösung aus Stadtsicht zu teuer waren, musste dringend ein Konzept für einen leistbaren innerstädtischen Verkehr erarbeitet werden.

Ein entsprechendes Konzept wurde allerdings erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Papier gebracht. Doch die peniblen Vorarbeiten sollten sich auszahlen. Ein Blick auf den Plan zur Entwicklung des öffentlichen Verkehrs in der Stadt ist im ersten Moment verwirrend und doch beeindruckend zugleich. Der Inhalt der Skizze: ein Stadtplan Wiens und darauf die vorhandenen und geplanten öffentlichen Verkehrswege. Sie sind im Wesentlichen deckungsgleich mit dem heutigen Verkehrsnetz der Wiener Linien. Bis 1922 waren schließlich alle Strecken von Pferde- und Dampfantrieb auf Elektrizität umgestellt.

Ungeahnten "Luxus" boten die direkt nach dem zweiten Weltkrieg aus New York angekauften "Amerikaner" - Ledersitze inklusive. © PID/Christian Fürthner

Weltkriege

Dass es das Wiener Straßenbahnnetz in seiner heutigen Form überhaupt noch gibt, ist zu einem Großteil den beiden Weltkriegen geschuldet. Um die vorige Jahrhundertwende entstanden in den meisten Weltmetropolen U-Bahn-Netze, die nach und nach die alten Tramway-Routen überflüssig machten. Nicht so jedoch in Wien. Die beiden Weltkriege hatten entsprechende Pläne in den Schubladen verstauben lassen. Sowohl der finanzielle Kraftakt als auch die Priorisierung in Anbetracht des allgemeinen Wiederaufbaus ließen Straßenbahn und Bus als primäre Öffi-Optionen bis in die 1950er florieren.

Es sollte bis 1950 dauern, bis das Streckennetz aus der Zwischenkriegszeit wieder hergestellt war. Eine Neuerung aus den Kriegsjahren wurde dabei übernommen, der Rechtsverkehr.

Vielen WienerInnen sind SchaffnerInnenstationen in den Straßenbahnen noch ein vertrautes Bild. © PID/Christian Fürthner

Wandel

Durch das Neuaufflammen der Idee zu einer Untergrundbahn und der parallel vorherrschenden Meinung, dass die obergleisigen Straßenbahnen den Pkw-Verkehr "behindern" würden, wurden vor allem ab der U-Bahn-Eröffnung Ende der 1970er mehr und mehr Linien eingestellt.

Hinzu kommt, dass ab Mitte der 1960er die Straßenbahnen nach und nach auf schaffnerlosen Betrieb umgestellt wurden. Die personalintensiven Dreiwagenzüge wurden zunehmend durch Zweiachser ersetzt, die Streifen- und Zeitkarten traten ihren Siegeszug an. Der letzte Schaffner verrichtete allerdings bis ins Jahr 1996 seinen Dienst.

Seit mehr als 20 Jahren prägen die ULF-Straßenbahnen nun das Stadtbild. © Wiener Linien

Weltstadt

Das moderne Straßenbahn-Zeitalter wurde schließlich vor 20 Jahren eingeläutet. Ab 1995 startete der Probebetrieb der Niederflur-Straßenbahn ULF auf der Linie 67. Neben Fahrgast-Komfort und -Kapazität konnte vor allem die Barrierefreiheit der neuen Wägen überzeugen.

Mittlerweile sind mehr als die Hälfte der über 550 Triebwägen in der Niederflur-Variante unterwegs, wobei täglich über 400 Straßenbahn-Garnituren zum Einsatz kommen.

Heute nutzen jährlich 304 Millionen Fahrgäste die Wiener "Bim". Auf 222,7 Kilometern Streckenlänge können mit 29 Linien 1.065 Haltestellen angefahren werden. Insgesamt sorgen mehr als 8.000 Beschäftigte dafür, dass die Wiener Linien der größte Mobilitätsdienstleister Österreichs und gleichzeitig der größte Arbeitgeber Wiens sind. Die Straßenbahn als unverzichtbarer Teil dieses Systems ist damit auch nach 150 Jahren nicht aus dem öffentlichen Verkehrskonzept wegzudenken.

Tipp

Wer mehr über die Mobilitätsgeschichte in Wien erfahren möchte, der schaut ins Verkehrsmuseum Remise im dritten Bezirk.

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