22.JULI 2020 
Fortschritt
Mit dem Virtual Production Studio Vienna eröffnet in der 5.000 m2 großen Wiener Gösserhalle das modernste Film-, Broadcast- & Streaming Studio Österreichs. © Leonardo Ramirez Castillo

Hollywood in Favoriten

Das Virtual Production Studio Vienna ist in der Wiener Gösserhalle das modernste Film-, Broadcast- & Streaming-Studio Österreichs. CLUB WIEN sprach mit Andreas Göltl, CEO bei Media Apparat, über Technologien und Förderungen der Wirtschaftsagentur Wien.

Als wäre man nach Hollywood gebeamt worden. So fühlt man sich im Virtual Production Studio Vienna. Die Anlage in der Gösserhalle in Favoriten verfügt über ein 270°-Filmset aus hochauflösenden LED-Wänden und Technologie auf modernstem Niveau. Dieselbe Technologie kam bei der „Star Wars“-TV-Serie „The Mandalorian“ zum Einsatz. Damit verfügt Wien über ein Kreativstudio, das europaweit keinen Vergleich scheuen muss und das die heimische Kreativszene auf einen ganz neuen Level hievt.

Media Apparat, Habegger Austria und Lichtermacher haben so mitten in der Corona-Krise etwas Neues geschaffen. Unterstützung dazu gab es auch seitens der Stadt Wien im Rahmen von „Creatives for Vienna“, einem Fonds der Wirtschaftsagentur Wien.

CLUB WIEN sprach mit Andreas Göltl, CEO bei Media Apparat, über das Studio und die Chancen, die sich damit in Wien auftun.

Können Sie uns kurz erzählen, was genau das Virtual Production Studio Vienna ist?

Mit dem Virtual Production Studio Vienna in der Wiener Gösserhalle wurde das aktuell modernste Film-, Broadcast- & Streaming-Studio Österreichs geschaffen. Das Virtual Production Studio Vienna revolutioniert Bewegtbild-Produktionen im Film-, Fernseh-, Werbe- und Eventbereich. Völlig unabhängig von den Jahreszeiten, der Wettersituation oder den Reisemöglichkeiten wurde in der 5.000 m2 großen Gösserhalle ein umfangreiches Potenzial für die Produktion und Übertragung in virtuellen Räumen ermöglicht.

Wie kam es zur Gründung des Studios?

Die Idee gab es schon etwas länger und mit der Corona-Krise, die unsere Branche besonders hart getroffen hat, kam die Zeit, gemeinsam mit unseren Partnern die plötzlich frei gewordenen Kapazitäten zu nutzen. Als Team bieten Media Apparat, Habegger und Lichtermacher nicht nur jahrelange Expertise, sondern sie kümmern sich um die komplette Abwicklung vor, während und nach dem Dreh.

Wo genau sehen Sie die Einsatzmöglichkeiten? Welche Produktionen sollen künftig in dem Studio über die Bühne gehen?

Von nationalen Produktionen im Bereich Werbung und Spielfilm über internationale Serien, aber auch virtuelle Events und Streamings ist alles denkbar und möglich.

Die Technik im Studio ist beeindruckend. Könnten Sie uns mehr über das Filmset und dessen Funktionsweise erzählen?

Das Virtual Production Studio Vienna verwendet interaktive Echtzeit-Rendering-Gaming-Software, verbindet diese mit einer hochauflösenden 270°-LED-Wand und hochwertigen Filmkameras. Während vor der LED-Wand Akteurinnen und Akteure, Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Produkte positioniert werden, wird im Hintergrund eine digitale 3D- Echtzeit-Umgebung auf der LED-Wand gezeigt. Dieser Echtzeit-Hintergrund ist digital, via Tracking-Technologie, mit der Kamera verbunden. Daher kann sich die Kamera wie bei einem herkömmlichen Dreh in der Natur frei bewegen und der Hintergrund passt sich physikalisch und perspektivisch korrekt an die Bewegungen an. Durch die Ray-Tracing-Technologie moderner Grafikkarten können so realistische Lichtreflexionen und Stimmungen in Echtzeit generiert werden.

Motion Capture, Virtual Reality: Kann man sagen, das Studio ist auf Hollywood-Niveau?

Das kann man definitiv sagen. Diese Technologie wurde auch schon bei der Produktion von „The Mandalorian“ aus dem „Star Wars“-Universum verwendet und ist international sehr gefragt.

Das Studio hat auch eine Game Engine. Wie kann man sich das vorstellen?

Die Game Engine ist die Basistechnologie, mit der wir die virtuellen Welten auf der LED-Wand darstellen. Wir stehen auch in engem Kontakt mit dem Entwicklungsteam von Unreal, dem Hersteller der Game Engine, die uns bei diesem Projekt mit ihrem Wissen unterstützen.

Wie kann man sich den Aufwand hinter einer Produktion vorstellen?

Das Virtual Production Studio Vienna bei einem Werbe- oder Filmdreh bedeutet weniger Aufwand bei den Arbeitsschritten Produktion und Postproduktion. Green Screens einleuchten und die damit verbundenen Postproduktionsarbeitsschritte fallen weg. Es muss nicht mehr lange das Umgebungslicht eingeleuchtet und an einzelne Lichtreflexionen gedacht werden. Teure Setbauten können günstiger realisiert werden. Die Kundinnen und Kunden, die Filmemacherinnen und -macher am Set sowie die Darstellerinnen und Darsteller müssen nicht mehr vor einem grünen Stück Tuch so tun, als wären sie in der Wüste oder im Regenwald, sondern sie sind es, virtuell für alle Anwesenden sichtbar. So gesehen steht viel neuartige Technologie dahinter, die den Aufwand während der Produktion extrem minimiert.

Wie würden Sie Wiens aktuellen Status in der Filmbranche bewerten?

Die letzten Monate waren sicher sehr schwierig für die heimische Filmbranche und auch für Wien als beliebten Drehort internationaler Produktionen. Wir hoffen auf jeden Fall, sowohl für heimische, aber auch für internationale Filmschaffende einen Mehrwert geschaffen zu haben, der Wien als Drehort in Zukunft weiterhin stärkt.

In der Event- und Kongressbranche ist Wien stark vertreten. Ist die Stadt da in der Hinsicht ein idealer Standort für Sie?

Wien war es zumindest bis Mitte März. Momentan passieren weder Events noch Kongresse. Es wird wohl auch seinen früheren Status wiedererlangen. Aber speziell virtuelle Events oder Kongresse bietet das Virtual Production Studio, aber auch jetzt diverse Einsatzmöglichkeiten, auch wenn Veranstaltungen, wie wir sie bis vor Kurzem gewohnt waren, bis auf Weiteres nicht stattfinden werden. Abgesehen davon hat Wien sicher eine sehr gute Infrastruktur, die die Stadt zu einem attraktiven Standort für viele Projekte macht.

Inwiefern ist das Studio eine Bereicherung für die Live-Kommunikations-Branche?

Virtuelle Konferenzen mit animierten Charts, Visualisierungen, interaktiven Produktpräsentationen oder Szenen in verschiedenen Umgebungen erweitern die Gestaltungsmöglichkeiten enorm - alles kann in virtueller Umgebung ohne lange Vorlaufzeiten und Umbauzeiten umgesetzt werden.

Könnten Sie uns ein wenig über Creatives for Vienna erzählen? Wie kam es dazu, dass das Virtual Production Studio dabei ist?

Ursprünglich war das Virtual Production Studio nur eine Idee … es hat sich dann erst dazu geformt, was es jetzt ist. Daher hatten wir beschlossen, auch am „Creatives for Vienna“-Wettbewerb teilzunehmen. Es handelte sich dabei um einen Wettbewerb, um Ideen für die Zukunft nach Corona zu entwickeln. Und siehe da - wir haben gewonnen und waren sogar in der Auswahl der Top-3-Projekte vertreten! Das war ein erster Schritt, über den wir uns sehr gefreut haben und wo wir sehen konnten, wie viel Potenzial sich in dem Projekt verbirgt.