23.JANUAR 2019 
Lifestyle
Dank dem VHS-Bügelkurs mit Designerin Annamaria Tolvaj sind knitterfreie Hemden keine blasse Erinnerung mehr. © Bohmann/Andrew Rinkhy

Auch wir Männer können bügeln

Die Wiener Volkshochschulen stehen für das Erlernen von Sprachen, das Ergreifen neuer Berufswege, das Nachholen von Bildung. Bei manchen Kursen geht's aber ums nackte Überleben. So beim Bügelkurs, den die VHS seit 23 Jahren veranstaltet.

Es ist kurz vor 15 Uhr, der Bügelkurs in der Hainburger Straße 29 geht gleich los. Zeit wird's, die Hemden sind allesamt verknittert und wenn nicht bald gelernt wird, selbst zu bügeln, steht man vor einer unbequemen Entscheidung. Entweder man trägt nur noch T-Shirts, zumindest bis die auch aus sind, oder man steht vor dem ruinösen Gang in die Wäscherei.

Vor diesem Dilemma stehen wir Kursteilnehmer. Gendern muss man das Wort nicht, denn in der Tat hat sich eine rein männliche Gruppe im Kurssaal versammelt. Ohne Geschlechterklischees beflügeln zu wollen: Das ist bei diesem Kurs, seit mittlerweile 23 Jahren, durchaus üblich. Bei den Volkshochschulen überrascht das keinen. Vielmehr dient der Kurs dazu, die Voraussetzungen für Gleichberechtigung in den heimischen Haushalten zu schaffen. Der Hintergedanke ist, dass Männer befähigt werden sollen, sich selbst zu helfen. Denn es bringt den Frauen wenig, wenn bügelwillige Männer ihre Kleidungsstücke in zerknitterte und mit Brandflecken übersäte Fetzen verwandeln.

Männer, die nicht bügeln können

Die Teilnehmer im Kurs sind aber sehr vielfältig. Der eine hat den Kurs von seiner Frau im Halbspaß, bei leicht drohendem Unterton, geschenkt bekommen. Der nächste hat endlich genug von der eigenen Unfähigkeit. Wieder ein anderer steht nach dem Auszug der Frau vor der Herausforderung, das Leben selbst managen zu müssen. Nur eines haben alle gemeinsam: Am Bügelbrett gelingt wenig bis nichts. Die letzte Rettung ist Annamaria Tolvaj, die Lehrerin im Kurs.

Als Designerin mit reichlich Erfahrung in der Modebranche ist Bügeln für sie ein Kinderspiel. Denn wer in der Modebranche nicht bügeln kann, hat verloren. Auf Einladung eines Freundes, der bei den VHS arbeitet, kam Tolvaj zu einer Nebenkarriere im Bildungswesen. Mit einem Vorurteil kann sie gleich vorweg aufräumen: Frauen haben keinen genetischen Vorteil beim Bügeln und, mit nur wenig Übung, bügeln Männer ganz genau gleich gut.

Die Reihenfolge macht den Unterschied

"Bevor wir loslegen, müssen wir uns erst mit dem Material auseinandersetzen", sagt die Bügelexpertin. "Jedes Kleidungsstück hat ein 'Zetterl' auf dem ein Bügeleisen mit ein bis drei Punkten zu sehen ist. Ein Punkt heißt, wir bügeln mit wenig Hitze. Drei Punkte heißt, wir brauchen viel Hitze." Die erstaunten Blicke legen nahe, dass niemand von uns Teilnehmern jemals einen Blick auf das kleine Etikett in unseren Hemden geworfen hat. Höchstens ganz kurz beim Abschneiden, weil es juckt.

Danach werden die Bügeleisen eingesteckt und auf Betriebstemperatur gebracht. So weit, so gut. Das Entscheidende bei den Hemden ist, die richtige Reihenfolge zu beachten. Los geht es immer mit dem Kragen, der zuerst geglättet wird. Danach kommen die Ärmel und am Ende der Rest. "So kann man verhindern, dass man die bereits gebügelten Teile gleich wieder zerknittert", sagt Tolvaj. Gemeinsam gehen wir alle Schritte durch. Zuerst muss man das Hemd ordentlich auflegen, alle Falten rausstreichen und für die nötige Glätte sorgen. Danach fährt man mit dem Bügeleisen drüber.

An allen Ecken und Enden sowie an besonders kniffligen Stellen kommen Dampf und Wasser zum Einsatz. Die Kollegen mit dem Dampfbügeleisen sind klar im Vorteil. Der heiße Dampf macht den unschönen Falten relativ einfach den Garaus. Die anderen Bügeleisen spritzen nur ein trauriges bisschen Wasser auf die entsprechende Stelle, die dann mit Nachdruck und Geduld gebändigt wird. Die erste Lektion: Wenn man beim Auflegen eine Falte übersieht und die festbügelt, ist das der Supergau und nur unter erheblichen Schwierigkeiten wieder gut zu machen.

Kaschmir brennt am besten

Die meisten Teilnehmer sind wegen der Hemden hier. Bügeln kann man aber in der Tat alle Kleidungsstücke, von der Hose bis zum Sakko. Wenn man dem Glauben schenken darf. Ein Fehler, der Frau Tolvaj häufig begegnet und auf den sie ganz konkret hinweist, ist der Einsatz von zu viel Hitze bei Pullovern. "Das passiert leider sehr oft und es ist sehr schade, denn Brandflecken gehen nicht mehr raus." Bei vielen Stoffen, wie Kaschmir, soll man sogar ein Tuch dazwischenlegen. Und gewisse Kleidungsstücke, die mit Plastik mehr gemeinsam haben als mit Stoff, zum Beispiel viele Sportshirts, sollte man lieber gar nicht bügeln.

Gegen Ende des Kurses haben alle Fortschritte gemacht und wir sind uns einig: Bügeln ist keine Frauensache. Manch einer scheint über die Erkenntnis nicht so besonders glücklich zu sein, aber wir alle akzeptieren die harte Realität. Es gibt keinen Grund, warum Männer nicht bügeln sollten. Dass Frauen in den Kurs kommen, ist zwar selten, aber nicht völlig ausgeschlossen. Für Paare, bei denen keiner bügeln kann, wäre so ein Kurs also eine nette Date-Idee.

Ungewöhnliche VHS-Kurse

Die nächste Gelegenheit gibt es übrigens am 1. Februar. Plätze sind noch verfügbar, aber sicher nicht mehr lange, also sputen Sie sich lieber. Wenn Sie aber sagen "Pff, ich kann schon bügeln", dann wäre vielleicht ein Nähkurs das Richtige? Solche finden bei den VHS laufend statt und die Nachfrage ist enorm. Stricken sowie diverse Upcycling-Kurse hat man ebenfalls im Angebot. Für Abenteuerlustige ist vielleicht der Leder-Workshop einen Besuch wert.

Apropos ungewöhnlich: Die Kochkurse bei den VHS sind ein Renner und an Kreativität nicht zu toppen. Anfängerinnen und Anfänger werden ebenso glücklich wie Küchenprofis. "Babylonische Suppe", "Koreanische Tempelküche", "Biblische Schmankerln", "Zu Tisch bei den Wikingern!" oder "Bento-Lunch-Box". Bei den Kochkursen darf es gerne ausgefallen sein. Abenteuerlustige werden sich vielleicht für den Kurs "Aphrodisierende pflanzliche Genüsse" interessieren.