Landschaftsarchitekt Robert Luger im Quartier Am Seebogen in der Seestadt Aspern in Wien-Donaustadt. Für die zukunftsweisende Gestaltung der Straßen erhielten er und seine MitstreiterInnen 2018 den VCÖ-Mobilitätspreis. © Bohmann

Straßengestaltung in der Seestadt: Zukunftsweisend und ausgezeichnet

Alljährlich wird der VCÖ-Mobilitätspreis vergeben. Heuer gab es ihn unter anderem für die zukunftsweisende Straßengestaltung in der Seestadt Aspern. Wieso 350 Bäume gepflanzt werden und wie das Kanalsystem entlastet wird: CLUB WIEN stellt das Projekt vor.

Verkehr und Klimaschutz gehen in einer Großstadt wie Wien bekanntlich Hand in Hand. Um Initiativen, die sich diesem Thema widmen, auszuzeichnen, vergibt der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) in Kooperation mit der Stadt Wien und den ÖBB alljährlich den Mobilitätspreis. Heuer ging die Auszeichnung unter anderen an die Planungsgemeinschaft ARGE 3:0 Landschaftsarchitektur und Stoik und Partner ZT GmbH. Diese zeichnet für die zukunftsweisende Gestaltung der Straßen im Quartier Am Seebogen in der Seestadt Aspern in Wien-Donaustadt verantwortlich.

Anpassung an den Klimawandel

Das beinhaltet Bäume, die - jetzt gesetzt - in 20 Jahren Schatten spenden, sowie ein innovatives System zur Entlastung des Kanalsystems. Dazu kommen Verkehrsflächen, die von allen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern gleichberechtigt genutzt werden können. "Das alles ist eine Anpassung an den Klimawandel", erklärt Robert Luger, Partner und Landschaftsarchitekt bei 3:0. "Man hört immer, dass Straßen befestigt und versiegelt sind, dann scheint die Sonne drauf, der Belag wird heiß, speichert Hitze und gibt sie ab. Wir wollen mit unserer Straßengestaltung darauf antworten: Viel beschatten und kühlen, das wird ein wesentlicher Aspekt für die Straße der Zukunft."

Die Hauptstraßen und Nebenfahrbahnen des Quartiers Am Seebogen sind vier Kilometer lang und machen 70.000 Quadratmeter Straßenfreiraum aus. Eine klassische Trennung von Fahrzeug- und Gehsteigbereichen soll es nicht geben, so Luger: "Wir gestalten Mischverkehrsflächen, die von Fußgeherinnen und Fußgehern, Fahrradfahrerinnen und -fahrern sowie Autofahrerinnen und -fahrern gleichberechtigt genutzt werden. So ähnlich, wie man es von der Mariahilfer Straße her kennt." Das bedeutet Bewegungsraum für alle, durchgehende Barrierefreiheit, hochwertige Aufenthaltsbereiche und Spielmöglichkeiten im öffentlichen Raum.

Vorbild aus Stockholm

Eine weitere Besonderheit ist die Anwendung des sogenannten Schwammstadt-Prinzips. "Dafür haben wir Anleihen aus Stockholm genommen", erzählt Luger. "Hier wird das Prinzip seit circa 20 Jahren durchgeführt. Man ist dort draufgekommen, dass es sinnvoll ist, dass man das Wasser im Untergrund sammelt. Es ist zu kostbar für den Kanal. Unter den Straßen ist aber genug Platz vorhanden. Dort werden faustgroße Steine eingebaut. In den entstandenen Hohlräumen wird das Wasser zurückgehalten und gespeichert. Gleichzeitig können die Wurzeln der Bäume dort hineinwachsen, die das Wasser heraussaugen und dann verdunsten." Nicht zuletzt deshalb können hier 350 Bäume gepflanzt werden, deren Kronen überdurchschnittlich groß sein werden. So wird einerseits mehr Schatten gespendet, andererseits kann über die vielen Blätter mehr Wasser verdunsten und die Umgebung natürlich gekühlt werden.

Dass das Schwammstadt-Prinzip im Quartier Am Seeboden angewendet wird, hat dem Landschaftsarchitekten zufolge gleich mehrere Gründe: "Wir wissen dank unserer Klimaprognosen, dass es in den Städten immer heißer und unangenehmer wird. Die Hitzewellen hören dann oft mit Starkregen auf, der von den Kanalanlagen nicht mehr aufgenommen werden kann. Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe, indem wir gleichzeitig das Wasser den Bäumen zur Verfügung stellen. Das ist der Kniff an der ganzen Sache." Zudem kann dieses System kostengünstig hergestellt werden und bietet einen weiteren, vor allem auch nachhaltigen Vorteil: Es ist wartungsfrei. Außerdem wird so der Platz an der Oberfläche um 30 Prozent vergrößert. Dadurch entsteht Raum für Fahrradständer, Autostellplätze und viele Bäume.

Über den eigenen Tellerrand blicken

All das ist Neuland, das betreten wird, verrät Robert Luger: "In der Seestadt wird die erste Anlage gebaut. Es ist also ein sehr innovativer Ansatz, der hier zum Tragen kommt und der hoffentlich viele Probleme lösen wird." Neu ist nicht nur das Konzept des Projekts, sondern auch die Herangehensweise. Denn dass Straßen von Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam geplant werden, ist alles andere als selbstverständlich. Hier arbeiten Personen aus den Bereichen Landschaftsarchitektur, Verkehrsplanung, Infrastruktur, Kulturtechnik und Brandschutz gleichzeitig und miteinander - nicht nacheinander. Beim Bau des ersten Teils der Seestadt war das noch nicht der Fall. Daraus hat man gelernt: Man reagiert aufeinander und blickt auch über den eigenen Tellerrand hinaus.

So hat 3:0 vorrangig mit dem Verkehrsplanungsbüro Stoik & Partner ZT GmbH gemeinsame Sache gemacht. Aber auch mit der Gartenbauschule Schönbrunn und dem Bundesamt für Wasserwirtschaft Petzenkirchen wurde kooperiert. Auch magistratsübergreifend wurde zusammengearbeitet. So waren die MA 28 - Straßenverwaltung und Straßenbau, die MA 42 - Wiener Stadtgärten und die M45 - Wiener Gewässer eingebunden.

Nachhaltig, klimafreundlich, zukunftsweisend

Die Freude über die Auszeichnung mit dem VCÖ-Mobilitätspreis war bei den 3:0 Landschaftsarchitekten groß. "Das ist für uns eine schöne Anerkennung, dass diese zukunftsweisende Straßengestaltung ausgezeichnet worden ist. Das ist nicht selbstverständlich - nicht für die Magistrate und Auftraggeber, für die wir arbeiten. Für die ist das was Neues. Dazu gehört auch ein bisschen Mut." In den Jahren 2020/21 soll das Areal zur Gänze fertig sein. Dann zeigt sich mit dem Quartier Am Seebogen ein neues Stadtviertel von seiner besten Seite: nachhaltig, klimafreundlich, zukunftsweisend und ausgezeichnet.