19.JUNI 2020 
Freizeit
Die U-Bahn-Stars der Wiener Linien spielen jetzt auch Open Air. Eine von ihnen ist die Singer-Songwriterin Agnes Verano. © Bohmann/Bubu Dujmic

U-Bahn-Stars an der frischen Luft

Wer regelmäßig mit den Öffis unterwegs ist, hat sie längst lieb gewonnen: die U-Bahn-Stars, die den Weg von oder zur Station musikalisch versüßen. Nun sind sie an ausgewählten Open-Air-Spots im Freien zu hören. CLUB WIEN hat eine Musikerin begleitet.

Der eine rappt im Dialekt, die andere singt Jazz-Standards. Hier gibt eine Musikerin ihre Songs mit der Ukulele zum Besten, dort begeistert ein klassisch mit Streichinstrumenten besetztes Ensemble. Man merkt sofort: Vielfalt lautet die Devise, was die musikalische Ausrichtung der mittlerweile gut 75 U-Bahn-Stars anbelangt. Seit drei Jahren verschönern sie den Nutzerinnen und Nutzern der Wiener Linien in 14 ausgewählten U-Bahn-Stationen den Weg vom oder zum Bahnsteig. Während sich die Bands sowie Solokünstlerinnen und -künstler bisher naturgemäß die Ehre unterirdisch gaben, treten sie nun an sechs Spots ins Freie. Die Open-Air-Plätze sind in der Nähe von U-Bahn-Stationen und erfreuen sich jetzt schon großer Beliebtheit bei Publikum sowie Musikerinnen und Musikern gleichermaßen.

"U-Bahn-Stars"-Zeichen am Boden

Eine von ihnen ist die 22-jährige Agnes Verano. Sie kam vor zwei Jahren aus Berlin nach Wien, um hier zu studieren. Schon bald ist ihr bei einem der Indoor-Spots das große "U-Bahn-Stars"-Zeichen am Boden aufgefallen, ohne zunächst zu wissen, worum es sich dabei handelt. Nach kurzer Suche im Internet wusste sie, dass die Wiener Linien damit jungen Musikerinnen und Musikern die Möglichkeit für Auftritte in U-Bahn-Stationen bieten. Ihr war klar: "Das will ich auch machen." Nach bestandenem Casting gehörte sie mit Frühjahr 2020 zur bunten Schar der U-Bahn-Stars.

Agnes spielt Klavier und Harfe, dazu singt sie vorwiegend eigene Stücke. Covers sind auch in ihrem Repertoire. "Wenn ich kann, spiele ich gerne auf Zuruf", sagt sie. Musik bestimmte schon sehr früh ihr Leben. "Ich habe Klavier gespielt, seit ich laufen konnte, weil wir eines zu Hause hatten und ich nicht davon abzubringen war. Meine Nachbarn tun mir immer noch leid", erzählt sie lachend. "Mit fünf, sechs Jahren kam ich in den Chor. Ich hatte nie klassischen Klavierunterricht, war Autodidaktin, habe aber ein bisschen Klavierunterricht von meiner Mutter bekommen und von ihr Noten lesen gelernt. Harfe kam in der Musikschule dazu, als ich zehn Jahre alt war. Ich wollte ein Instrument für mich allein haben."

Mit Klavier und Harfe unterwegs in den Öffis

Die beiden Instrumente ihrer Wahl, Klavier und Harfe, sind nun im Gegensatz zu jenen vieler Kolleginnen und Kollegen nicht gerade einfach zu transportieren. "Als die Open-Air-Spots eröffnet wurden, habe ich mehrfach beim Karlsplatz gespielt. Da ich eben Klavier und Harfe spiele, habe ich die Spots danach ausgesucht, wo ich am günstigsten hinkomme", erklärt Agnes. "Eine Gitarre kann man gut durch die halbe Stadt schleppen, mit einem Klavier wird es ein bisschen schwieriger. Aber generell klappt das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln super. Sowohl die Tasche für mein Klavier als auch der Karren für die Harfe haben Rollen."

Ungeachtet der Anreise, unterscheidet sich der Auftritt in einer U-Bahn-Station oder an einem der neuen Open-Air-Spots von einem Konzert in einem Club. "Die wenigsten Leute bleiben länger als fünf Minuten stehen", erzählt Agnes. "Es gibt aber schon auch welche, bei denen man überlegt: 'Du stehst schon seit 40 Minuten hier, welchen Song hast du noch nicht gehört?' Wenn man einen regulären Auftritt spielt, hat man ein Programm von eineinhalb, zwei Stunden. Hier kann man variieren, wie man möchte. Oder Leute fragen, ob man ein bestimmtes Stück spielen kann. Die Zuhörerinnen und Zuhörer wechseln jedenfalls viel schneller."

Tanzende Kinder

Genauso unterschiedlich wie die Fahrgäste der Wiener Linien sind auch die Menschen, die stehen bleiben und Agnes Veranos Musik lauschen. "Es sind oft welche, die im gleichen Alter sind wie ich, bei denen ich mir gut denken kann, dass sich auch selbst Musik machen. Auch Kinder fangen oft spontan an zu tanzen." Solche Momente sind für die Singer-Songwriterin besonders wertvoll. Bei den Open-Air-Spots machen manche auch bewusst Pause, lehnen sich in der Sonne zurück und hören zehn Minuten zu.

Nach einigen Auftritten als U-Bahn-Star hat Agnes auch einen Spot gefunden, an dem sie am liebsten spielt. "Mein Lieblingsplatz ist beim Spielplatz im Stadtpark", verrät sie. "Er ist draußen, man hat Tageslicht. Ich finde es auch schön, von Kindern umgeben zu sein. Bei Sonnenschein ist es schön warm. Ich bin aber auch schon eingeregnet worden. Da hatte ich aber Hilfe von einem Vater, der mit seinen beiden Kindern da war. Beim Zusammenpacken haben sie mir alle geholfen, das Equipment unter eine Skateboard-Rampe zu stellen, damit nichts nass wird. Dort haben wir dann 30 Minuten ausgeharrt."

Debütalbum und Konzerte in Clubs

Derzeit arbeitet Agnes an ihrem ersten Studioalbum, das im Herbst erscheinen soll. Auch auf Konzerte in Clubs und Lokalen freut sie sich wieder sehr. Öffentliche Auftritte hat sie während des Lockdowns besonders vermisst: "Man gibt etwas, wenn man Musik spielt, aber man bekommt auch etwas zurück." Für gewöhnlich werden U-Bahn-Stars nicht selten für Konzerte in Clubs oder für Hochzeiten engagiert, was dank der aktuellen COVID-19-Bestimmungen leider flachfällt. Für Konzerte in den Stationen werden die Zuhörerinnen und Zuhörer derzeit dazu angehalten, Mund-Nasen-Schutz zu tragen und Abstand zueinander zu halten. Außerdem dürfen sich inklusive Musikerin oder Musiker keine Gruppen mit mehr als zehn Personen bilden.

Abstand halten gilt auch bei den neuen Open-Air-Spots: im Stadtpark beim Kinderspielplatz und beim Kursalon, am Naschmarkt, vor der U3-Station Gasometer, im Resselpark sowie im Sigmund-Freud-Park. Also stehen bleiben, zuhören, vielleicht eine CD kaufen, Geld spenden, auf Social Media folgen. Oder einfach Applaus und ein paar nette Worte spenden. Darüber freuen sich die Musikerinnen und Musiker ganz sicher.