Das Trinkwasserkraftwerk in Mauer ist eine von drei Anlagen, die sich im Wiener Stadtgebiet befinden. Hier wird als Nebenprodukt aus Hochquellwasser umweltfreundlicher Strom. © MA 31/Schmalzbauer

 

Strom aus wertvollem Trinkwasser

Was ungewöhnlich klingt, hat eine lange Tradition. Seit über hundert Jahren erzeugt Wien Strom aus Hochquellwasser. Seit damals wird reinstes Trinkwasser zweifach verwertet: für kostbares Nass aus dem Hahn und Ökostrom aus der Steckdose.

Strom aus Trinkwasser? Warum nicht. Schließlich ist die Idee so alt wie der Bau der II. Wiener Hochquellenleitung in den Jahren 1900 bis 1910. Damals machte man sich das natürliche, teils sehr steile Gefälle von 220 Metern über eine Länge von elf Kilometern von Lunz nach Gaming zunutze. 1926 wurde das erste von zwei Trinkwasserkraftwerken in Gaming in Betrieb genommen. Welchen Druck Wasser dabei erzeugen kann, merkt man daran, dass er nach insgesamt 330 Kilometern Weg bis in den 5. Stock eines Wiener Wohnhauses reicht. Ohne eine einzige Pumpe gelangt das Wasser über unterirdische Leitungen, die zum Teil durch Berge geführt werden, in die Stadt. Das geschieht vollkommen ohne Energieaufwand, ganz im Gegenteil.

Umweltfreundlicher Strom für Wieden und die Josefstadt

Denn mit der Errichtung von Trinkwasserkraftwerken schlug man schon Anfang des 10. Jahrhunderts zwei Fliegen mit einer Klappe. Man versorgte die Wiener Bevölkerung einerseits mit frischem Hochquellwasser in einer Qualität, die ihresgleichen sucht. Andererseits erzeugte man mit der freigegebenen Energie im Durchfluss Ökostrom. Das lange, bevor der Umweltgedanke eine große Rolle spielte. Heute gibt es entlang der Hochquellenleitungen insgesamt 16 Trinkwasserkraftwerke, die rund 71 Millionen Kilowatt Ökostrom liefern. Mit diesem als Nebenprodukt des kostbaren Guts entstandenen, umweltfreundlichen Strom könnte man die Wiener Bezirke Wieden und Josefstadt komplett versorgen. Oder auch den Strombedarf von ganz St. Pölten decken.

 

Drei der von Wiener Wasser (MA 31) betriebenen Anlagen befinden sich im Wiener Stadtgebiet: am Wienerberg, am Schafberg und in Mauer. Jene in Mauer war bis in die 70er-Jahre in Betrieb, wurde im Zuge eines Brands schwer beschädigt und erst Anfang der Nullerjahre wieder aufgebaut. Ein Teil der Wassermenge, die in diesem Fall über die II. Hochquellenleitung nach Wien fließt, wird hier über eine sogenannte Francis-Turbine geleitet. Auf diese Weise können drei Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr produziert und 1.000 Haushalte mit elektrischer Energie versorgt werden. Dabei gelangt das fließende Wasser zunächst aus der Hochquellenleitung in die Turbine. Dann strömt es auf ein Laufrad, das seinerseits eine Welle im Generator antreibt. Diese Welle wiederum versetzt einen Magneten in Bewegung und erzeugt elektrische Spannung. Schließlich fließt Strom.

Ungetrübte Trinkwasserqualität

Ein anderes Prinzip verfolgen die Kraftwerke am Wienerberg und am Schafberg, die beiden zuletzt errichteten Anlagen. Hier kommen zur Stromerzeugung Kreiselpumpen zum Einsatz. Sie werden aus der "falschen Richtung" angeströmt und so als Turbinen genutzt. Üblicherweise sind Turbinen für Kraftwerke teure Sonderanfertigungen, bei den Kreiselpumpen handelt es sich um handelsübliche Bauteile. Das kommt günstiger in der Anschaffung und garantiert Wirtschaftlichkeit.

Wer sich nun sorgt, dass das wertvolle Gut verunreinigt wird, während es zur Stromerzeugung herangezogen wird, kann beruhigt sein. An oberster Stelle ist nämlich stets die ungetrübte Qualität des kühlen Nasses. Sie darf keineswegs beeinträchtigt werden. Das wird dadurch erreicht, dass sämtliche verwendete Bauteile lebensmittelecht sind - sie werden aus besonderen "trinkwasserechten" Materialien gefertigt.

Bypass für Trinkwasser

Vorrang gegenüber der Stromerzeugung hat außerdem die Gleichmäßigkeit der Wasserversorgung. Alle mit Trinkwasser betriebenen Kraftwerke verfügen über einen sogenannten Bypass. Sollte die Anlage ausfallen oder stillstehen, kann die gesamte Wassermenge an den Turbinen vorbei geleitet werden. Damit ist jederzeit garantiert, dass der Donaumetropole sowie ihren Einwohnerinnen und Einwohnern jederzeit frisches, erstklassiges Wasser zur Verfügung steht.

Die 16 Trinkwasserkraftwerke entlang der beiden Hochquellwasserleitungen sind das beste Beispiel, dass eine über 100 Jahre alte Idee auch heute noch aktuell sein kann. Das nächste frisch aus dem Hahn gezapfte Glas Wasser könnte auch ein kleines bisschen umweltfreundlichen Strom erzeugt haben.