Sandra Dressel, Organisatorische Teamleitung der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung arbeitet gemeinsam mit einem Team aus ehrenamtlichen TierärztInnen und AssistentInnen, um Tiere von wohnungs- und obdachlosen Menschen optimal zu versorgen. © neunerhaus

 

Hilfe, mein Hund ist krank: Tierversorgung im neunerhaus

Vor allem für wohnungs- und obdachlose Menschen kann die Erkrankung ihres geliebten Tieres zu einem großen Problem werden. Denn was tun ohne finanzielle Mittel? Für diese Notfälle gibt es im neunerhaus eine einzigartige tierärztliche Versorgung.

Gerade in schwierigen Zeiten sind Tiere oftmals die treuesten Begleiter - vor allem für wohnungs- und obdachlose Menschen. Die geliebten Vierbeiner sorgen für schöne Momente, spenden Trost und helfen gegen Trauer und Einsamkeit. Seit mittlerweile zehn Jahren bietet die Wiener Sozialorganisation neunerhaus mit der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung ein österreichweit einzigartiges Angebot: So wurden seit 2010 - auf Basis von Spenden und ehrenamtlicher Arbeit - mehr als 5.000 Tiere wohnungs- und obdachloser Menschen betreut. Ein tolles Angebot! Das dachte sich auch der CLUB WIEN und sprach mit der Organisatorischen Teamleitung der neunerhaus tierärztlichen Versorgung über die ehrenamtliche Versorgung von Tieren wohnungs- und obdachloser Menschen.

Du bist wichtig!

An drei Tagen die Woche kümmern sich in der Tierärztlichen Versorgung in der Margaretenstraße 166 über 50 ehrenamtliche Tierärztinnen und Tierärzte sowie Assistentinnen und Assistenten liebevoll um die tierischen Begleiter von wohnungs- und obdachlosen Menschen. Untersucht werden hier vor allem Hunde, Katzen und Kleintiere wie Meerschweinchen, Ratten oder Hasen. Sie werden gechippt, registriert und geimpft. Ein Angebot, das von vielen gerne und oft angenommen wird. Denn gerade in harten Zeiten spendet ein lieb gewonnenes Tier Wärme, Schutz und vor allem Zuwendung. Vor allem für wohnungs- und obdachlose Menschen bedeutet, sich um ein Tier zu kümmern, Verantwortung für die Tiere, aber auch für sich selbst zu übernehmen. Denn anders als häufig viele Menschen bleiben Vierbeiner ihren Besitzerinnen und Besitzern immer verbunden. "Meine Hündin Yessi hatte eine eitrige Gebärmutter, das kann sehr gefährlich werden. In der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung wurde ihr geholfen", sagt Helmut L. über seine Hündin. Als der ehemalige Bäcker seinen Job und seine Wohnung verlor, schwand auch sein Lebenswille. Das änderte sich erst, als er Yessi bekam. Die Hündin gab ihm neuen Mut. "Gäbe es meinen Hund nicht, dann gäbe es mich nicht mehr", so Helmut.

"Tiere sind oft die treuesten Begleiter obdachloser und wohnungsloser Menschen. Wer sich gut um sein Tier kümmert, lernt auch wieder, gut auf sich selbst zu schauen. Außerdem gilt sowohl für Mensch als auch Tier: Auf der Straße kann man nicht gesund werden", so Eva Wistrela-Lacek, Tierärztliche Leitung der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung.

Das Angebot, das in Kooperation mit der Österreichischen Tierärztekammer organisiert wird, ist österreichweit einzigartig und gibt es mittlerweile seit über 10 Jahren. Und die Nachfrage steigt kontinuierlich. So hat sich seit 2010 die Zahl der behandelten Tiere verdreifacht. Allein 2019 wurden in über 2.000 Behandlungen 670 Tiere kostenlos betreut. "Die neunerhaus Tierärztliche Versorgung ist seit ihrer Gründung wichtige Anlaufstelle für wohnungs- und obdachlose Tierbesitzerinnen sowie -besitzer und wesentlicher Pfeiler unserer Hilfsangebote. Dank der engagierten Unterstützung der ehrenamtlichen Tierärztinnen und Tierärzte war es uns auch möglich, während der Krisenzeit offen zu halten", so Daniela Unterholzner, neunerhaus Geschäftsführung. Doch wie sieht ein gewöhnlicher Alltag in einer tierärztlichen Versorgung aus?

Sprechstunde mit Sandra Dressel, Organisatorische Teamleitung der neunerhaus Tierärztlichen Versorgung

CLUB WIEN: Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Sandra Dressel: Vor der Sprechstunde heißt es jedes Mal: Schauen wir mal, was passiert! Jeder Tag ist anders, das macht es so interessant.

Was stellt die größte Herausforderung dar?
Während der Sprechstunde multitaskingfähig zu sein. Hundegebell kann ich mittlerweile ausblenden. An eher ruhigen Tage fehlt mir schon fast etwas.

Gibt es Momente, in denen Sie Ihre Arbeit besonders gerne mögen?
Wenn die Leute extra noch einmal kommen, um sich zu bedanken: Es gibt eine Klientin, der wir regelmäßig Medikamente für ihren Hund mitgeben. Und sie kommt manchmal und drückt mir ein paar Euro in die Hand. Ich sage dann: 'Du weißt aber schon, dass das nicht notwendig ist?' Aber sie will das.

Was unterscheidet die Tierärztliche Versorgung von einer herkömmlichen Ordination?
Die Kundinnen und Kunden in der normalen Praxis lieben ihre Tiere, aber die innigere Beziehung haben unsere Klientinnen und Klienten. Das sieht und spürt man, das kann man aber nicht richtig erklären. Ich traue es mich zu sagen: 80 Prozent der Hunde unserer Klientinnen und Klienten sind wohlerzogener (lacht).

Sie brauchen also keine Tricks, um Ihnen den Aufenthalt angenehmer zu machen?
Die meisten sind ganz brav. Die Probleme entstehen erst dann, wenn ein Mensch, der lange obdachlos war, wieder eine Wohnung hat und der Hund mit dem Alleinsein nicht zurechtkommt. Die verweisen wir dann an die Kolleginnen, die so etwas mit Tiertrainerinnen und -trainern therapieren können.

Was bedeutet Tierliebe für Sie?
Sie hat jedenfalls nichts mit dem Geldbeutel zu tun. Wir haben viele Klientinnen und Klienten, die draußen schlafen. Wenn es abends kühl ist, liegt der Hund im Schlafsack, dass er es nicht kalt hat, und der Mensch schläft daneben.

Die neunerhaus Tierärztliche Versorgung

In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Tierärztekammer und der MA 22, Umweltschutz der Stadt Wien wird seit über 10 Jahren die neunerhaus Tierärztliche Versorgung gefördert. Offen steht die Ordination allen wohnungs- und obdachlosen Menschen, deren geliebte Vierbeiner gesundheitliche Probleme haben. An drei Tagen die Woche können sie zur Untersuchung kommen. Ein Mal pro Monat findet zudem ein OP-Tag statt. Im Zuge dessen werden Routine- und einfachere Eingriffe wie Kastrationen, Tumorentfernungen oder Wundversorgungen vorgenommen. Auch die Veterinärmedizinische Universität Wien hilft mit und bietet zwei Mal pro Monat aufwendigere Operationen an. Das Angebot wird durch die ehrenamtliche Zusammenarbeit mit veterinärmedizinischen Fachärztinnen und -ärzten der Kardiologie oder Dermatologie und einer Tierarztpraxis, die kostenlos Röntgenaufnahmen durchführt, ergänzt.

Benötigt auch Ihr Hund oder Ihre Katze Hilfe, Sie können sich aber die tierärztliche Versorgung nicht leisten? Oder wollen Sie mehr über dieses Projekt erfahren? Besuchen Sie die neunerhaus-Webseite hier.