Die Wiener Straßentafeln wie wir sie heute kennen, sind noch gar nicht so alt. Sie waren auch nicht immer blau mit weißer Schrift. © Walter Schaub-Walzer

 

Vom Straßennamen zum Schild

Sie hängen an jeder Ecke in der Stadt und jedes ist ein Stück Hightech: Die typischen blauen Straßenschilder mit weißer Schrift existieren in dieser Form seit 1923 und sind eine Erfindung des "Roten Wien". CLUB WIEN geht den Schildern auf den Grund.

Straßenschilder dienen zur Orientierung. Damit sich jede und jeder, von der Taxlerin oder dem Taxler bis zur Touristin oder dem Touristen, in der Stadt zurechtfindet, sind Straßenschilder einheitlich gestaltet und nach bestimmten Regeln angebracht. Seit 1782 ist die Beschriftung von Gassen, Straßen und Plätzen Vorschrift - und die hat sich im Laufe der Zeit mehrmals verändert. "Farbe, Form und Schrifttype der modernen Straßenschilder wurden vom Gemeinderat 1923 festgelegt", sagt Matthias Holzmüller von der für Straßenschilder zuständigen MA 28 - Straßenverwaltung und Straßenbau. Wiener Straßenschilder sind seit mehr als 90 Jahren blau emailliert, der Straßenname ist in "Wiener Normschrift" mit einer Schriftgröße von 85 Millimetern weiß aufgedruckt. Die Emaille-Tafeln sind je nach Länge des Straßennamens exakt 800 mal 270 Millimeter, 900 mal 270 Millimeter oder maximal 980 mal 270 Millimeter groß.

 

Töpfe und Tafeln

Straßentafeln sollen gut lesbar sein, Wind und Wetter aushalten und dabei möglichst günstig in der Herstellung sein. Als ideales Material hat sich für Straßenschilder Emaille erwiesen. Die Wiener Straßenschilder werden von der Firma Riess in Niederösterreich hergestellt. Der Traditionsbetrieb ist bekannt für seine Töpfe, Bräter und Backformen aus Emaille. Die Produktion von Werbeschildern und Straßentafeln ist zwar weniger bekannt, aber ebenfalls so alt wie die Produktion der Haushaltsemaille.

Die Herstellung eines Straßenschildes ist aufwendig, garantiert aber eine lange Lebensdauer, erklärt eine Firmen-Sprecherin. In einem ersten Schritt wird das Metall für das Schild in der gewünschten Größe oder Form aus einer Stahlplatte gestanzt. Anschließend wird eine Schicht Grundemaille aufgetragen und im Ofen gebrannt. Nach einer zweiten, weißen Schicht Deckemaille ist der Schilder-Rohling bereit für das eigentliche Motiv. Das wird im Siebdruckverfahren aufgedruckt. Am Computer werden zunächst die Vorlagen mit den Straßennamen für die Siebdruckfilme erstellt. Nachdem der Siebdruckfilm belichtet ist, wird bei den Wiener Straßentafeln zuerst die blaue Grundfarbe aufgetragen, danach die weiße Schrift und der Rahmen. Nachdem das Schild nochmal im Ofen gebrannt worden ist, sind die Farben fixiert und die Tafel kann angebracht werden.

Kein Schild hängt zufällig an seinem Platz

"Die Tafeln sind so angebracht, dass für Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer der Name der Quergasse beim Vorbeifahren eindeutig erkennbar ist", erklärt Matthias Holzmüller von der MA 28. An Kreuzungen sind an allen vier Eckhäusern Tafeln anzubringen, bei Nebenstraßen jeweils am Eckhaus an der rechten Straßenseite. An einer sogenannten T-Kreuzung, bei der eine Gasse in eine quer verlaufende Straße mündet, ist neben den Häusern am Straßenrand noch ein Straßenschild zu montieren. Auch die Höhe, in der die Schilder hängen, ist reglementiert. Ziel ist die gute Sichtbarkeit: An Gebäuden muss die Tafel an der Fassade zwischen Erdgeschoss und erstem Stockwerk angebracht werden. Bei Tafeln, die an Masten oder eigenen Stehern angebracht sind, beträgt die vorgeschriebene Montagehöhe 2,20 Meter.

Historisches Schilder-Chaos und Retro-Tafeln

Die Beschriftung von Gassen, Straßen und Plätzen ist in Wien seit 1782 vorgeschrieben. Damals mussten Hausbesitzerinnen beziehungsweise Hausbesitzer den Straßennamen in schwarzer Schrift an der Hauswand anbringen. In den 1850er-Jahren wurden erstmals Straßentafeln Pflicht, die waren aber weder einheitlich noch übersichtlich. Erst das "Rote Wien" in den 1920er-Jahren führte übersichtliche Straßentafeln ein, die auch ihren Zweck erfüllten. In der Altstadt und in historischen Stadtteilen wurden in den 1980er-Jahren statt der originalen Straßentafeln Nachbildungen von früheren Tafeln mit gotischer Schrift angebracht. Erlaubt sind die Tafeln aber nur für Straßen, die vor 1923 benannt wurden, und auch nur an Gebäuden, die vor 1923 errichtet wurden.