Zarah Weiss und Mae Schwinghammer sind zwei der StipendiatInnen in den Bereichen Literatur und Dramatik. © Privat, Michèle Yves Pauty

 

Wien fördert Literatur und Dramatik

Wien kennt man für Kultur. Darum fördert die Stadt KünstlerInnen, etwa mit einem Stipendienprogramm für Literatur und Dramatik. Der Stadt Wien Vorteilsclub hat mit zwei StipendiatInnen gesprochen.

Das Stipendienprogramm der Kulturabteilung der Stadt Wien wird Kunst und Kultur mit 1,5 Millionen Euro fördern. Den Anfang machen Literatur und Dramatik, in weiterer Folge wird das Programm auf weitere Sparten ausgeweitet, etwa Theater, Medienkunst oder Film.

Ab heuer erhalten zwölf Literatinnen und Literaten sowie zwölf Dramatikerinnen und Dramatiker ein Jahr lang jeweils 1.500 Euro pro Monat für ihre Projekte. Das soll helfen, profund und ohne Zeitdruck zu arbeiten, zu recherchieren und neue Ideen zu entwickeln.

Der Vorteilsclub hat mit zwei der StipendiatInnen gesprochen, Dramatiker*in Maë Schwinghammer und Literatin Zarah Weiss.

Maë Schwinghammer, Stipendium Dramatik

Vorteilsclub: Könnten Sie sich kurz vorstellen? Wie sind Sie zur Dramatik gekommen?

Maë Schwinghammer: Ich bin eigentlich Lyriker*in, studiere aber Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien und habe mich letztes Jahr im Drama-Seminar erstmals intensiver mit der Gattung Drama beschäftigt. Tatsächlich entstand in diesem Seminar auch jene erste Skizze, aus der sich dann das Projekt "Warten aufs Pronomen" entwickelt hat, für welches ich das Dramatik-Stipendium der Stadt Wien erhalten habe.

Wie kann man sich Ihre künstlerische Arbeit vorstellen? Was inspiriert und bewegt Sie?

Es ist eine Abfolge von Erleben und Niederfassen, oft hantle ich mich von Wort zu Wort und die Wörter entspringen alltäglichen Gesprächen, Radiosendungen oder dem Buch, das ich gerade lese. Im Schreiben ist es dann der Versuch, die richtigen Wörter zu finden, das können die besseren sein, aber in Anlehnung an Ilse Aichinger auch die schlechteren. Im Prinzip geht es auch in meinem Stück um nichts anderes: Diesen Versuch, das richtige Wort für sich zu finden, ein Pronomen, das allen eigenen und gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht wird. Und natürlich das unvermeidliche Scheitern, dieses eine Wort zu finden, analog zur literarischen Vorlage von Becketts "Warten auf Godot".

Wie empfinden Sie Wien als Stadt der Literatur und der Dramatik?

Aufgewachsen in einer Arbeiterinnen- und Arbeiterfamilie in Simmering, habe ich als Kind praktisch nichts von Wien als Stadt der Literatur mitbekommen. Mittlerweile hat sich das geändert, präcovid habe ich sehr gerne die Wiener Kaffeehäuser besucht, den Geruch von Kaffeesatz aufgesogen, die vom früheren Tschickrauch vergilbten Tapeten bewundert und den fließenden Übergang der Gäste vom Kaffee- zum Biertrinken beobachtet. Ich verstehe es gut, dass viele Literatinnen und Literaten ganze Tage dort verbracht und manche auch ihre Werke dort geschrieben haben. Sehr lebendig erinnere ich mich auch an meine ersten Theaterbesuche in den großen Spielstätten wie dem Burgtheater, Volkstheater oder Akademietheater, die haben mich allesamt überwältigt, obwohl ich mittlerweile Nischentheater wie das Kosmos Theater mit seinem Fokus auf queere Stücke mehr schätze. Was nicht bedeutet, dass ich mir mein Stück nicht auch im Burg- oder Volkstheater vorstellen könnte.

Was bedeutet Ihnen das aktuelle Stipendium?

Sehr viel, weil es mir die Möglichkeit gibt, das erste Mal finanziell unabhängig zu sein und den Fokus auf mein künstlerisches Schaffen zu legen. Die Freude war derart groß, dass ich durch die Vibrationen meiner Jubelsprünge wohl auch meine Nachbarinnen und Nachbarn mitinformiert habe.

Zarah Weiss, Stipendium Literatur

Vorteilsclub: Könnten Sie sich kurz vorstellen? Wie sind Sie zur Literatur gekommen?

Zarah Weiss: Mein Name ist Zarah Weiss und die Literatur begleitet mich schon, seit ich denken kann. Als Kind habe ich die Dorfbücherei leergelesen und meine ersten eigenen Texte geschrieben - zuerst sogar nur mit Strichbuchstaben. Während meiner Jugend konnte ich dann immer wieder an Schreibworkshops teilnehmen und bin darüber im Studium auch Mitglied eines Autorinnen- und Autorenteams geworden. In Wien habe ich dann Vergleichende Literaturwissenschaft studiert; ich sehe mich damit gleichzeitig als Autorin und Literaturwissenschafterin. In all der Zeit habe ich immer versucht, dem Schreiben so viel Raum wie möglich zu geben - und ich lese jeden Tag. Die Literatur ist also immer da gewesen.

Wie kann man sich Ihre künstlerische Arbeit vorstellen? Was inspiriert und bewegt Sie?

Grundsätzlich habe ich fast immer ein Notizbuch dabei. Dafür habe ich an ungewöhnlichen Orten schon seltsame Blicke geerntet - aber ich weiß, wie wichtig es für mich ist, eine Idee oder einen Gedankenfetzen sofort festzuhalten. Und Inspiration begegnet mir schließlich nicht nur am Schreibtisch, sondern überall. In Wien zum Beispiel gehe ich sehr gern in die vielen Museen. Manchmal stehe ich da vor einem Bild oder einer Skulptur und habe sofort eine Szene im Kopf. Ich liebe es auch, dass die Stadt so viele Theater, Kinos und kleine Buchhandlungen hat. Es gibt lauter bewegende Geschichten, sei es zwischen Buchseiten, auf der Bühne, auf der Leinwand oder dem Bildschirm. Sehr viel Inspiration ziehe ich auch aus Gesprächen oder Beobachtungen.

Das Schreiben passiert dann meist in einem Rutsch: Der erste Entwurf ist schnell auf dem Papier oder dem Laptop, erst dann mache ich mich an die Struktur und das Überarbeiten. Ich schreibe tatsächlich noch viel mit der Hand.

Wie empfinden Sie Wien als Stadt der Literatur?

Wien inspiriert mich jeden Tag aufs Neue und mit dieser Faszination bin ich nicht allein: Der Schriftsteller Stefan Zweig hat beispielsweise große Teile seiner Autobiografie "Die Welt von Gestern"der Stadt und ihrer Literatur gewidmet. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und finde es dadurch umso bemerkenswerter, wie oft Wien in der Literatur auftaucht.

Durch Wien weht noch ein alter Geist. Wenn ich durch die Stadt spaziere, vorbei an verblichenen Schildern und Kaffeehäusern, überlege ich immer, was hier schon alles für Geschichten passiert sind, welche Menschen hier schon gelebt haben. Und parallel dazu ist die Stadt so modern und wandelbar, jeder Bezirk hat seine eigenen charakteristischen Ecken, so viele Menschen kommen zusammen. Ich habe das Gefühl, hinter jeder Ecke lauert eine neue Geschichte.

Was bedeutet Ihnen das aktuelle Stipendium?

Es ist für mich eine Chance, eine Handreichung, eine Anerkennung, eine Herausforderung. Vor allem das letzte Jahr hat gezeigt, wie schwer es die Kultur in Krisenzeiten hat, wie schnell sie hintenüberfällt. Dass jetzt stufenweise die Kulturstipendien der Stadt Wien ausgeweitet werden, ist ein bedeutsamer Schritt in die andere Richtung und ich bin unfassbar froh über diese Chance. Geschrieben habe ich immer und werde immer schreiben, aber das nun mit einer so großen finanziellen Unterstützung tun zu können, gibt mir Sicherheit und fordert mich gleichzeitig heraus.

Im Gegensatz zu vielen anderen Stipendien oder Preisen fördert das Wiener Literatur-Stipendium den Prozess und nicht das Ergebnis. Literarische Projekte sind zeitaufwendig und entstehen meist ohne irgendeine Sicherheit. Die Stipendien der Stadt aber bieten einen Raum, sie bieten die Möglichkeit, dass etwas geschehen kann, sie liefern eine Existenzgrundlage. 

Das Literaturreferat veranstaltet übrigens regelmäßig die "wien reihe" in der Alten Schmiede. Am 8. April werde ich dort gemeinsam mit Thomas Stangl lesen - wir freuen uns über Zuschauende!