Der neue Stadtwanderweg 11 ist ein spannender Spaziergang durch Wien. Zwischen Parks und Gemeindebauten gibt es viel zu sehen und erleben. © Bohmann

 

Durch die Wiener Wohngeschichte wandern

Seit Kurzem hat Wien einen neuen Stadtwanderweg. Dieser zeigt, dass man nicht nur am Stadtrand vortrefflich wandern kann, sondern auch mitten in der City. Der Stadtwanderweg 11 ist gleichzeitig ein Ausflug durch die Geschichte des Wiener Gemeindebaus.

Wandern durch ein geschütztes Habitat und das mitten in der Stadt? Auch das geht in Wien. Der Wiener Gemeindebau ist das größte geschützte soziale Wohnhabitat des gesamten europäischen Raums. Inmitten von historischen Gemeindebauten kann man nicht nur die Stadt entdecken und Neues lernen, sondern sich auch die Beine vertreten. Das könnte die Idee hinter dem neuen Stadtwanderweg 11 sein. Die kürzlich veröffentlichte Route führt mitten in die Geschichte des Wiener Wohnbaus. CLUB WIEN hat die Wanderschuhe angezogen und sich auf die City-Tour gemacht.

Durch die Parks zu den Gemeindebauten

Startpunkt für die Wanderung ist der Bruno-Kreisky-Park in Margareten. Auch an einem Herbsttag ist die Grünanlage mitten in der Stadt bestens besucht. Während wir über das Areal spazieren, tummeln sich vor allem viele Familien rund um den Kinderspielplatz. Auch auf dem Wientalradweg ist einiges los. Für die Stadtwanderung ist der Park ein idealer und programmtauglicher Ausganspunkt, ist er doch ein gutes Symbol für die Wiener Philosophie der grünen Stadt. Rund um die Gemeindebauten gibt es zahlreiche Grünanlagen, die sowohl grüne Lunge als auch Grätzltreffpunkt sind. Als solche sind die Parks wichtige Bausteine des Lebensmodells sozialer Wohnbau.

 

Weiter geht’s entlang des nicht minder beliebten Stefan-Weber-Parks zum ersten Gemeindebau auf unserer Route: dem Haydnhof. Ende der 1920er-Jahre erbaut, blickt der Hof auf eine bewegte Geschichte zurück, inklusive schwerer Auseinandersetzungen in der Bürgerkriegszeit der 1930er-Jahre. Wie die anderen Gemeindebauten auch revolutionierte der Haydnhof das Wohnen. Die Bedingungen, inklusive Sanitäranlagen, Kindergärten und Waschküchen, waren ein Quantensprung im Vergleich zu den bescheidenen Bedingungen in den Bassena-Wohnungen. Heute gibt’s hier 328 Wohnungen, allesamt klassisch rund um eine zentrale Hofanlage erbaut. Sehr gut gefallen uns die drei Eingangstore, die im besten Sinne des Wortes monumental gestaltet worden sind.

Glöckel und Reumann

Weiter geht’s zum Leopoldine-Glöckel-Hof gleich um die Ecke. Hier am Gaudenzdorfer Gürtel wurde 1931/1932 gebaut, Ergebnis sind 305 Wohnungen. Benannt wurde der Bau nach der Pädagogin und Politikerin Leopoldine Glöckel. Der Bau ist bekannt für sein raffiniertes Farbkonzept. Der wechselnde Anstrich in diversen Pastellfarben bricht den Bau optisch auf, fast könnte man meinen, man sieht mehrere unterschiedliche Einzelhäuser. Die Fassaden werden durch unterschiedlich große Fenster zusätzlich aufgebrochen, die hervorstechenden Einzelbalkone sorgen für zusätzliche Spannung im Erscheinungsbild. Der Hof ist nicht der bekannteste, aber einer der optisch herausragendsten Gemeindebauten.

Im Anschluss schlendern wir am Haydnpark vorbei zum Reumannhof. Der Bau wurde im Geiste Otto Wagners errichtet, Herzstück ist der Ehrenhof mit seinem bekannten Wasserbecken, das fast aus einer Schlossanlage stammen könnte. Inmitten von Arkaden, Laubenhöfen und Pavillons kann man nach Herzenslust flanieren. Ornamente sind allesamt im satten Rot gehalten, ein Markenzeichen vieler Bauwerke des Roten Wiens. Der Reumannhof ist definitiv ein Gesamtkunstwerk und ein wegweisender Wohnbau.

Über den Gürtel Richtung Favoriten

Entlang des Gürtels spazieren wir bis zur Landgutgasse, wo wir den Gürtel überqueren, und schon stehen wir quasi mitten im nächsten Park: dem Waldmüllerpark. 100 sehenswerte und kunsthistorisch wertvolle Gräber wurden hier zu einem Hain gestaltet, der an den ehemaligen katholischen Friedhof von Matzleinsdorf erinnert. Der Hain ist abgesperrt, Zutritt ist aber auf Anfrage möglich. Dazu muss man eine E-Mail an post(at)ma42.wien.gv.at schicken.

Wir geben aber weiter Fersengeld, denn bis zum nächsten Gemeindebau, dem Zürcher-Hof, ist es noch ein ordentlicher Spaziergang durch die stets lebhafte Laxenburger Straße. 1931 vollendet, ist dieser Gemeindebau ein typischer Vertreter der goldenen Generation des sozialen Wohnbaus und der vielleicht eindrucksvollste Vertreter des roten Wohnens in Favoriten. Beeindruckend ist vor allem der Torbau mit dem darüber thronenden „Fries der Arbeit“ aus Keramik. Definitiv eines der markantesten Ornamente aller Wiener Gemeindebauten. Das Fries von Siegfried Charoux stellt die bäuerliche der städtisch-proletarischen Arbeitswelt gegenüber.

Schlusspunkt beim Bad

Finale Station unseres Spaziergangs ist dann das Amalienbad. Mitte der 1920er-Jahre war es die modernste Badeanstalt Mitteleuropas. Mit dem Bau brachte man Frische zu den Bürgerinnen und Bürgern. Bekannt für die Skulpturen an der Fassade und die Keramik im Inneren, ist das Bad ein Sinnbild für den Wandel in Wien. Während früher alles nach Herzoginnen und Edelmännern benannt wurde, trägt das Bad den Namen von Amalie Pölzer, einer Wiener Gemeinderätin und Arbeiterin. Ein passender Schlusspunkt für einen geschichtsträchtigen Stadtspaziergang.

Fazit: Statt Wald und Bergen bietet dieser Stadtwanderweg Gemeindebauten und wunderschöne Parks. Dabei ist die Runde ebenso spannend wie die Wanderungen an der Peripherie. Vor allem Menschen, die an Architektur und Geschichte Freude finden, werden vom Stadtwanderweg 11 begeistert sein. Für die rund vier Kilometer sollte man schon zwei Stunden einplanen. Die reine Gehzeit ist sicher weniger, aber es gibt sehr viel zu sehen. Man sollte definitiv nicht hudeln, sondern genießen.