Leiter des Stadtlabors Gemeindebau Arno Rabl vor dem Pavillon der fliegenden Wolken von Ludwig Frank aus der Ausstellung EXPO Gemeindebau. © Bohmann

 

Grau in Grau? Nicht im Wiener Gemeindebau!

Kunst im Gemeindebau: Das Stadtlabor Gemeindebau öffnet in den Wiener Gemeindebauten temporär Räume zur kulturellen Nutzung und lädt BewohnerInnen ein, daran teilzuhaben und sich mit eigenen Ideen einzubringen. Was das genau ist, CLUB WIEN war auf Besuch.

Über ein Viertel der Wiener Bevölkerung lebt in Gemeindebauten. Allzu oft verbindet man diese mit tristen und grauen Betonblöcken. Doch was viele nicht wissen: Die Wiener Gemeindebauten sind ein großes Freiluftmuseum. Bereits die ersten Wohnanlagen wurden mit Kunst aus aller Welt bestückt. Skulpturen und Brunnen namhafter Künstlerinnen und Künstler zieren Innenhöfe und an den Wänden finden sich bunte Mosaike und Reliefs. Doch nicht nur außen strotzt es nur so vor Kunst, auch in den Gemeindebauten. So gibt es in vielen Bezirken Ateliers und Werkstätten, die von Künstlerinnen und Künstler über Wiener Wohnen gemietet und genutzt werden können. Auch diese haben eine lange Tradition: Bis in die 1970er-Jahre waren Ateliers und Werkstätten ein fester Bestandteil beim Bau neuer Gemeindebauten. Denn speziell im Roten Wien lebten Kunstschaffende oftmals unter besonders prekären Umständen. Der kommunale Wohnbau sollte ihnen mit leistbarem Arbeitsraum das Überleben sichern.

Aus dieser langen Tradition heraus entstand die Idee zum Stadtlabor Gemeindebau. Doch was ist das Stadtlabor Gemeindebau und welche Projekte finden aktuell statt? CLUB WIEN hat sich mit Arno Rabl, Stabsstellenleiter der kulturorientierten Gemeinwesenarbeit bei wohnpartner Wien getroffen und mit ihm über das Stadtlabor Gemeindebau sowie die aktuelle Ausstellung EXPO Gemeindebau gesprochen.

 

Kunst gemeinsam schaffen

Wien ist eine der lebenswertesten Städte der Welt und wächst stetig. In den nächsten Jahren wird die Hauptstadt bereits mehr als zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner beherbergen. Um diese Dynamik auch von Seiten der Kultur wahrzunehmen, hat die Stadt Wien die Initiative „Stadtlabore“ ins Leben gerufen. Ziel dieser Initiative ist, Kunst und Kultur an jenen Orten zu schaffen, an denen sonst nur selten Kunstprojekte, Workshops oder kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Wichtig dabei ist auch der Austausch zwischen den Kunstschaffenden und den Menschen vor Ort. Gemeinsam soll etwas produziert und etwas geschaffen werden. Seien es Jugendliche, die es sich auf dem Leseteppich gemütlich machen oder einen Trickfilm produzieren, Erwachsene und Familien, die Teil eines kollektiven Wohnexperiments werden, oder Chöre, die ganz Liesing beschallen: Die Stadtlabore brummen und verstärken das vorhandene kulturelle Angebot in den Bezirken. Im Rahmen eines Pilotprojekts wurden heuer schwerpunktmäßig die Bezirke 10 bis 23 bespielt. Erfahren Sie hier mehr, über die einzelnen Stadtlabore.

Ein besonderes Stadtlabor ist das Stadtlabor Gemeindebau. Denn hier wird Kunst im und mit dem Gemeindebau projiziert.

Das Stadtlabor Gemeindebau und die Kunst

Das Stadtlabor Gemeindebau ist ein ressortübergreifendes Projekt zwischen dem Stadtratbüro für Wohnen, Wohnbau, Stadterneuerung und Frauen sowie dem Stadtratbüro für Kunst, Kultur und Wissenschaft. Es fungiert als Plattform für die Projektentwicklung sowie -umsetzung von Kunst- und Kulturprojekten im und um den Gemeindebau, mit oder für Gemeindebaubewohnerinnen und Bewohner. In diesem Sinn werden die Bewohnerinnen und Bewohner auch dazu eingeladen, daran teilzuhaben und sich mit eigenen Ideen einzubringen. „Ziel dieser Projekte ist, dass sich Kunstschaffende, Bewohnerinnen und Bewohner oder auch einfach Interessierte zusammenfinden, miteinander kommunizieren und interagieren, die sonst vielleicht kaum oder nur selten aufeinandertreffen würden“, so Arno Rabl. Kunst, die verbindet, zu schaffen, ist das Ziel des Stadtlabors Gemeindebau. Zudem organisiert und begleitet das Stadtlabor Gemeindebau Workshop-Programme und Begegnungsformate an den jeweiligen Aktionsorten. Dabei sollen Brücken zwischen Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft und Lebenswelt geschaffen werden.

Ein aktuelles Projekt findet im George-Washington-Hof, einer Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, die 1927 bis 1930 an der Nahtstelle von Favoriten und Meidling errichtet wurde, statt. „Die EXPO Gemeindebau stellt zehn neue Arbeiten von zehn Künstlerinnen und Künstlern vor, die ihre Ateliers aktuell im Wiener Gemeindebau haben. Die Ausstellungsobjekte wurden in Zusammenarbeit mit Gemeindebaubewohnerinnen und -bewohner entwickelt“, so Arno Rabl, Veranstalter der EXPO Gemeindebau.

EXPO Gemeindebau

Wenn Tradition und Moderne aufeinandertreffen: Die Idee zur EXPO Gemeindebau entstand aus der Idee heraus, Künstlerinnen und Künstler, die derzeitig ein Arbeiteratelier im Gemeindebau nutzen, einzuladen, um in Zusammenarbeit mit den Gemeindebaubewohnerinnen und -bewohnern neue Arbeiten für eine Ausstellung zu erschaffen. Der Ort des Entstehens, der Gemeindebau, soll dabei im Mittelpunkt des Kunstprojekts stehen. Im Fokus der EXPO stehen daher Themen wie „Nachbarschaft“, die Geschichte des George-Washington-Hofs oder das „Rote Wien“.

Über das Projekt EXPO Gemeindebau

Die EXPO Gemeindebau findet in einer ehemaligen knapp 400 Quadratmeter großen Zentralwaschküche des George-Washington-Hofs statt. „Die Waschküche steht schon lange leer. Als wir im Frühjahr mit unserer Arbeit begonnen haben, sind immer wieder viele Neugierige vorbeigekommen und haben nachgefragt, was wir hier tun. Deshalb haben wir dann auch regelmäßige Treffen, die ‚Wasch und Tratsch‘-Treffen veranstaltet, wo Bewohnerinnen und Bewohner aber auch Kunstschaffende eingeladen wurde, um mehr über das Projekt zu erfahren. Im Zuge dessen haben wir auch die Künstlerinnen und Künstler für die Projekte ausgewählt“, so Arno Rabl. Seit 4. Oktober präsentieren nun zehn zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler ihre neuen Projekte. Im Zentrum steht immer der Gemeindebau. Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Oktober im George Washington Hof zu sehen. CLUB WIEN besuchte die EXPO Gemeindebau und gibt folgend einen kleinen Einblick:

Daheim. Aussagen zum Lebensgefühl"

Peter Duniecki, Grafikdesigner, beschäftigte sich in seinem Projekt mit dem Thema "Was bedeutet das Wort 'Daheim'?". Für sein Projekt fragte er viele Bewohnerinnen und Bewohner nach ihrem Lebensgefühl und Alltagsumfeld im Gemeindebau. In den Gesprächen zu Themen wie Wohnen, Nachbarschaft oder auch Bildung sammelte er Schlagwörter, die er anschließend sortierte und grafisch verarbeitete. Die Schlagwörter druckte er dann auf mehrere Flaggen. Die Flaggen sind in der Ausstellung zu sehen. Doch warum Flaggen? "Flaggen haben im Gemeindebau schon seit jeher eine signalhafte Funktion. Sie dienen der Orientierung und markieren ein Terrain. Zudem fungieren sie auch als Medium der Kommunikation", so Arno Rabl. Wenn die Flaggen im Wind wehen, verändert sich auch die Aussage auf den Flaggen. In ihrer Veränderlichkeit spiegeln sie so die Meinungsvielfalt im Wiener Gemeindebau wider.

"Pavillon der fliegenden Wolken"

Ein weiteres Projekt hat Bildhauer Ludwig Frank zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Gemeindebaus in den letzten Wochen erschaffen: einen begehbaren Holzpavillon, den "Pavillon der fliegenden Wolken". Der Pavillon soll als Treffpunkt fungieren: Er soll ein Ort der Begegnung sein, der Diskussion, aber auch Entspannung. Für den Künstler war wichtig, dass der Pavillon auch noch nach der Ausstellung genutzt werden kann - von Kindern, die herumklettern wollen, als Bühne für Theaterstücke oder als Treffpunkt zum Austausch. So sind alle Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch alle Besucherinnen und Besucher dazu eingeladen, den Pavillon für unterschiedlichste Aktivitäten zu nutzen.

"Topfpflanzen geht's spazieren"

Marianne Lang beschäftigte sich in ihrer Arbeit mit der Beziehung zwischen Natur und Gesellschaft. Als Verkörperung dieser sieht sie die Zimmerpflanze. Denn Pflanzen haben im Gemeindebau schon seit jeher Tradition. So gibt es in nahezu allen Gemeindebauten Grünanlagen zur gemeinschaftlichen Nutzung. Die Sehnsucht nach Natur im privaten Raum wird von der Topfpflanze gestillt.

Für ihr Projekt bat Marianne Lang die Bewohnerinnen und Bewohner um Ableger ihrer Zimmerpflanzen. Während der gesamten Ausstellung werden die gesammelten Jungpflanzen von der Künstlerin gehegt und gepflegt. Begleitet wird die Installation von Zeichnungen, die Lang von den Stecklingen anfertigt. Am Ende der Ausstellung können sich die Bewohnerinnen und Bewohner eine Pflanze mit nach Hause nehmen. So gehen die Pflanzen auf Wanderschaft und tragen dadurch auf ihre ganze eigene Art zum Miteinander im Gemeindebau bei. "Die Bewohnerinnen und Bewohner geben zuerst eine kleine Pflanze ab und können am Ende eine andere Pflanze abholen. Dadurch nimmt die eine Nachbarin oder der eine Nachbar etwas von ihrer oder seiner Nachbarschaft mit nach Hause und umgekehrt", so Rabl. 

Weitere Künstlerinnen und Künstler sind Veronika Burger, Caroline Heider, Maureen Kaegi, Dejan Kaludjerovic, Marko Lulic, Stefan Waibel sowie Christine Werner - mit spannenden Projekten wie einem Draht-Insekt, Tanzperformance oder duftenden Seifenobjekten. Weitere Informationen bekommen Sie hier.