Junge Leute setzen Wiener Dialekt anders ein als ihre Eltern vor 20, 30 Jahren. Was gleich geblieben ist: Viele wienerische Ausdrücke kommen aus anderen Sprachen. © iStockphoto

Sprechen Sie Wienerisch?

Grischpindl, Pepi, Dschesn: Allesamt Wörter, die dem Wiener Dialekt entstammen. Nur stirbt dieser aus - das ist zumindest eine gängige Meinung. Aber ist dem wirklich so? Dieser und anderen Fragen ist CLUB WIEN nachgegangen.

Fiaker, Riesenrad, Stephansdom, aber auch Kaiserschmarren und die viel beschworene Wiener Gemütlichkeit. Sie alle werden mit der Donaumetropole in Verbindung gebracht. Dazu gehört auch das Wienerische: sowohl in der Form, in der es von Edmund Sackbauer in "Ein echter Wiener geht nicht unter" gesprochen wird, als auch in Form des Schönbrunner Deutsch. Der klassischen Dialektforschung zufolge handelt es sich beim Wienerischen um einen mittelbairischen Dialekt, der im Ballungsraum Wien beheimatet ist. Dabei ist er so besonders wie die Stadt selbst. Die Vielfalt, die Wien ausmacht, findet auch in der Sprache ihren Niederschlag.

Jiddischer Hawara, tschechischer Frnak

"Es gibt vermeintlich urwienerische Wörter, die eigentlich aus anderen Sprachen kommen", erläutert Manfred Glauninger, Sprachwissenschafter und Dialektforscher an der Universität Wien sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). "'Beisl' oder 'Hawara' sind aus dem Jiddischen. 'Pomali' und 'Frnak' stammen aus dem Tschechischen. Dass viele Wiener Dialektwörter aus anderen Sprachen kommen, liegt am Kontakt der Wienerinnen und Wiener mit Menschen, die andere Sprachen sprechen. Eine 2010 veröffentlichte Studie besagt: Unter den Wiener Volksschulkindern werden 110 verschiedene Familiensprachen gesprochen."

Dabei lässt sich laut Glauninger im gesamten deutschen Sprachraum das Phänomen beobachten, dass seit mehreren Generationen vor allem in den großen Städten das Dialektsprechen abgebaut wird. In Deutschland habe das schon früher eingesetzt, Wien sei da keine Ausnahme. Die Angst mancher, der Dialekt würde aussterben, ist allerdings nicht neu. "Schon im 18. Jahrhundert hatten die Leute Angst, dass der Dialekt stirbt", so Glauninger. "Die Dialektforschung hat eigentlich deshalb begonnen. Im 19. Jahrhundert hat man geglaubt, man muss noch ganz schnell überall den Dialekt aufnehmen, weil er bald nicht mehr da sein wird." Verschwinden wird das Wienerische aber so bald nicht, wie Glauninger erklärt. "Das Wienerische stirbt nicht. Die Verwendung einzelner Dialektwörter für bestimmte Zwecke wird noch sehr lange da sein. Das wird vielleicht sogar noch zunehmen."

Wiener Dialekt in der Werbung

Vor allem Jüngere bedienen sich in Wien beim Kommunizieren einer Sprache, die nah am Hochdeutsch ist. Einzelne Dialektwörter wie "Oida" werden eingesetzt, um Ironie, Augenzwinkern und Schmäh auszudrücken. Damit arbeitet auch die Werbung. "In den Werbekampagnen der MA 48 und der Wiener Linien wird ganz bewusst Wienerisch eingebaut", erklärt Glauninger. "Man sieht ein Plakat mit einem komischen Wort: Ah, ein Dialektwort! Oft weiß man zunächst gar nicht, was es bedeutet. Dadurch wird man aufmerksam. Außerdem ist das Ganze mit einer demonstrativen Lokalität verbunden. Es ist ein identitätsstiftendes Moment: Die Wiener Linien sind Wienerisch."

Sprachwissenschafter und Dialektforscher Manfred Glauninger weiß, dass sich Sprache und damit auch Dialekt verändern muss, um zu überleben. © CC-BY 4.0, Sandra Lehecka

Auch in anderen Bereichen erfreut sich der Einsatz des Wiener Dialekts als Effekt großer Beliebtheit. Und das schon seit Jahren, weiß Manfred Glauninger: "Es gibt in der Popmusik wieder eine große Welle. Und, ganz interessant, bei Rapperinnen und Rappern. Ich hab selber schon mit Musikerinnen und Musikern geredet. Wenn sie aus Wien stammen, sprechen sie selbst im Alltag keinen Wiener Dialekt. Aber beim Rappen verwenden sie ihn. Erstens, weil es cool ist. Zweitens, weil es einen anrüchigen Beigeschmack hat. Und das passt sehr gut zum Gangsta-Rap. Sie können ja kein entsprechendes Image aufbauen, wenn Sie braves Hochdeutsch verwenden. Dafür eignet sich tiefes Wienerisch sehr gut."

Wienerisch als Sprache des Austropop

Rap und Hip-Hop sind dabei nicht die einzigen musikalischen Einsatzgebiete für Wiener Dialekt: "Junge Bands wie Wanda wissen ganz genau, dass es eine Austropop-Tradition gibt. Wienerisch ist die Sprache des Austropop: Ambros, Danzer, Fendrich und so weiter. Das ist etwas, das die Menschen sehr gerne hören, weil es ein bestimmtes Signal aussendet: Ich bin einer von euch, ich bin authentisch."

Dass der Wiener Dialekt in Werbung und Kunst als Mittel zum Zweck eingesetzt werden kann, liegt daran, dass er in der Öffentlichkeit und im Alltag nicht mehr durchgehend gesprochen wird. Gezielt eingesetzt fällt er aber eben auf. In anderen Regionen Österreichs, in denen auch im Alltag Dialekt gesprochen wird und Kinder damit aufwachsen, würde das nicht funktionieren: Das Aha-Erlebnis würde sich einfach nicht einstellen.

Verschwundene Dinge, verschwundene Begriffe

Dass dem Wienerischen gewisse Wörter abhanden kommen, ist wiederum dem Umstand geschuldet, dass die Dinge verschwinden, die sie beschreiben. Sprache muss sich auf die geänderten Umstände einstellen und entsprechend ändern. "Das hängt damit zusammen, dass Sprache und Gesellschaft ganz eng miteinander zusammenhängen", erzählt Glauninger. "Man muss sich nur vorstellen, wie markant sich Wien in den letzten 50, 60, 70 Jahren verändert hat. Wir leben nicht mehr wie damals und wir sprechen auch nicht mehr so. Wir sind alle froh, dass wir keine Bassena mehr brauchen. Wir sind aber furchtbar aufgebracht, wenn alte Wörter verschwinden, beim Dialekt ganz besonders."

Junge Menschen verwenden lediglich einzelne Wiener Dialektwörter, etwa um Ironie auszudrücken. © iStockphoto

Das macht sich hörbar bemerkbar und hat seine Gründe, erklärt Glauninger: "Den Dialekt, der vor zwei Generationen gesprochen worden ist, den gibt es auch deshalb nicht mehr, weil sich die Zeiten total verändert haben. In den letzten 20 Jahren markant durch das Internet. Das Internet hat dazu geführt, dass junge Menschen heutzutage fast schon mehr schreiben als sprechen." Nicht zuletzt dadurch geraten einige Wörter in Vergessenheit.

Einige Beispiele: Die "Dschesn" bezeichnet wahlweise ein klappriges Auto, einen hässlichen Hut oder eine alte Frau. Das Wort selbst kommt vermutlich aus dem Französischen, von "chaise", der Sessel. "Französisch war eine wichtige Kontaktsprache für das Wienerische, man denke nur an Nestroy. Das hat damit zu tun, dass Französisch die Sprache des Adels, des Hofes war und im Laufe der Zeit Teil der Alltagssprache geworden ist", so Glauninger.

Einflüsse aus Italien und Frankreich

Der "Pepi" wiederum steht für die Perücke und leitet sich von der Koseform für die Namen Josef oder Josefine ab. "Pepi" ist zusätzlich beeinflusst durch den italienischen Namen Giuseppe. Unter "Grischpindl" versteht man einen mageren schwächlichen Menschen. "Es könnte sein, dass dieser Ausdruck aus dem Altwiener Volksstück kommt", erläutert Glauninger. "Es hat in der Commedia dell'arte, die über das italienische Theater nach Wien gekommen ist, eine Dienerfigur gegeben. Die hieß Crispin. Daraus könnte im Altwiener Theater das Grischpindl geworden sein. Und 'l' am Ende ist die Verkleinerungsform. Das ist die wahrscheinlichste Erklärung."

All das sind Beispiele für Wörter und Begriffe, bei deren Erwähnung man bei jüngeren Semestern auf Unverständnis stößt. Glauninger: "Ich habe als Kind, wenn ich hochdeutsch geredet habe, ganz selbstverständlich 'Plafond' oder 'Trottoir' gesagt. Kein junger Mensch verwendet so etwas heutzutage. Viele verstehen das gar nicht mehr."

Gemeindebauten in Nobelbezirken

Wie sieht es mit dem Wiener Dialekt aufgeteilt nach Grätzeln und Bezirken aus? Spricht man in Ottakring anders als in Hietzing, in Floridsdorf anders als in Währing? "Das ist ein Mythos. Es hat natürlich bestimmte Arbeiterbezirke in Wien gegeben. Bis in die 1970er-, 1980er-Jahre ist in diesen Teilen Wiens tatsächlich der Wiener Dialekt als Alltagssprache gesprochen worden. Da gab es einen anderen Sprachgebrauch als im ersten Bezirk oder in Döbling. Durch die gesellschaftliche Veränderung hat sich das aber relativiert. In den 'Arbeiterbezirken' sprechen heute viele Menschen eine andere Sprache als Deutsch. Und die Gemeinde Wien hat immer schon sehr erfolgreich den Plan verfolgt, die Bevölkerung zu durchmischen. Städteplanerisch wurde die Ghettobildung durchkreuzt. Auch in Nobelbezirken hat man Gemeindebauten errichtet."

Wie Wienerinnen und Wiener in hundert Jahren sprechen werden, traut sich Manfred Glauninger als seriöser Sprachwissenschafter und Dialektforscher nicht vorherzusagen. Nur so viel: "Wenn Sie in hundert Jahren auf YouTube jemandem ein Video vorspielen, in dem der Mundl so richtig loslegt, würde sich die Person wahrscheinlich schwertun, ihn zu verstehen. Aber das ist reine Spekulation."

Wie auch immer wir uns in Zukunft miteinander unterhalten werden: Sprechen Sie so, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist. Nicht nur am Europäischen Tag der Sprachen am 26. September sollten Sie sich bewusst machen, dass der von Ihnen gesprochene Dialekt ein ganz besonderer ist.

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