Direktorin Brigitte Neichl ist seit bald einem Vierteljahrhundert im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus tätig. © PID/Markus Wache

 

Wien kümmert's: Seit einem Vierteljahrhundert im Bezirksmuseum

Freiwillige HelferInnen und Ehrenamtliche machen Wien besonders lebenswert. Brigitte Neichl ist eine von ihnen und leitet das Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus mit Engagement. Für sie ist Ehrenamt Berufung, Verpflichtung und Chance.

Brigitte Neichl sprüht vor Begeisterung, wenn sie durch die Räumlichkeiten des Bezirksmuseums Rudolfsheim-Fünfhaus führt. Das Gästebuch eines Einküchenhauses aus den 20er-Jahren. Ein beim Westbahnhof zutage gefördertes Bleiwasserrohr in Holzverkleidung. Die Stechuhr einer im Bezirk angesiedelten Schuhfabrik. Und natürlich das mit unzähligen Ordnern und Kisten bestückte Archiv. All das und viel mehr gewährt den Besucherinnen und Besuchern Einblicke in die bewegte Geschichte des 15. Bezirks.

 

Seit 2011 ist Brigitte Neichl Direktorin des in der Rosinagasse untergebrachten Museums. Tätig ist sie hier seit 1995. Nächstes Jahr feiert sie also 25-Jahr-Jubiläum. "Ich habe damals noch studiert, hatte drei kleine Kinder und einen bezahlten Nebenjob gesucht", erzählt sie. "Ich habe also dem damaligen Bezirksvorsteher Friedrich Krammer geschrieben. Er hat mich daraufhin in die Bezirksvorstehung eingeladen. Dort war auch jemand vom Bezirksmuseum, der mich gleich dorthin mitgenommen hat. Irgendwie habe ich da Feuer gefangen. Es war zwar kein bezahlter Job, aber etwas, das mich ab diesem Zeitpunkt in meinem Leben begleitet hat."

Anerkennung für Engagement

Für ihren leidenschaftlichen Einsatz wurden ihr bereits das Bundes-Ehrenzeichen der Republik Österreich sowie der Berufstitel "Professorin" verliehen. Eine schöne Anerkennung, nicht aber ihr Antrieb. Sich selbst bezeichnet sie als kreativ-chaotisch und neugierig, sie will stets Neues entdecken, Eingebungen folgen und vor allem andere daran teilhaben lassen. "Meine Ideen möchte ich nicht nur für mich alleine entwickeln", verrät sie. "Ich möchte das für das Museum und für die Menschen, die das interessiert, machen. Das ist das Tolle an einem Bezirksmuseum und an der Ehrenamtlichkeit: dass man die Möglichkeit hat, viel auszuprobieren." So ist sie in das Bezirksmuseum hineingewachsen.

Derzeit besteht das Team aus 15 Personen, die allesamt ehrenamtlich arbeiten. Personal anzuwerben und dieses im Museum zu halten, gehört zu Brigitte Neichls Anforderungsprofil. "Statt der Bezahlung wird etwas anderes mitgegeben: Zusammenhalt, Kollegialität", so Neichl. "Außerdem versuche ich, gratis oder sehr günstig Weiterbildungen anzubieten." Prinzipiell unterscheidet sich ihr Aufgabenbereich nicht von dem einer Leiterin oder eines Leiters eines "richtigen" Museums, erklärt sie: "Ich sehe mich als 'Ehrenamtsunternehmerin'. Ein Bezirksmuseum ist wie ein Unternehmen zu führen. Das macht keinen Unterschied, ob das eine große oder kleine Firma ist, ob ehrenamtlich oder nicht."

Das "erweiterte Museum"

Zum Grundrepertoire ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit zählt, eine Ausstellung anzubieten, Öffnungszeiten von vier Stunden die Woche zu gewährleisten, Anfragen zu beantworten. Auf dem Programm stehen im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus aber auch Open Mic Nights, Kleidertauschpartys und Kinderfestwochen. Auf Facebook und Instagram ist man ebenfalls aktiv. Dazu gibt es auf der eigenen Website einen Blog, der zwei Mal die Woche aktualisiert wird. "Ich sehe das unter dem Stichwort 'erweitertes Museum'", erklärt Neichl. Und das auf zweierlei Arten: "Einerseits wollen wir andere Besucherinnen- und Besuchergruppen ansprechen. Bei der Open Mic Night kommen viele Jüngere, die noch nie zuvor in einem Bezirksmuseum waren. Andererseits wollen wir das Museum in den virtuellen Raum erweitern. Viele Leute können nicht kommen, sind vielleicht nicht in Wien, haben aber trotzdem Interesse. Dann kann auch jemand aus Amerika mitlesen."

Ihr neuestes geistiges Kind ist ein Podcast mit dem Namen "Fünfzehn Minuten über den Fünfzehnten". Ein weiteres Beispiel für das ständige Bestreben, Menschen mit modernen Mitteln für die Arbeit des Bezirksmuseums zu begeistern: "Es geht um interessente Menschen und Themen aus Rudolfsheim-Fünfhaus. Ich erweitere auch hier: Natürlich geht es um das Museum und um Bezirksgeschichte, aber ich möchte auch Personen und Initiativen aus dem Bezirk vorstellen."

Ehrenamt als Berufung

Für Brigitte Neichl ist die ehrenamtliche Tätigkeit als Direktorin des Bezirksmuseums Rudolfsheim-Fünfhaus nicht nur eine Nebenbeschäftigung, sondern Berufung. "Ich mach das sehr gerne, sehe das aber auch als meine Verpflichtung." Das Bezirksmuseum ist für die im Brotberuf bei den Wiener Volkshochschulen beschäftigte Direktorin stets präsent. "Auch meine Kinder sind im Museum aufgewachsen, weil ich viel Zeit hier verbracht habe. Es ist ein Teil meines Lebens, das Museum ist immer in meinem Kopf", sagt Brigitte Neichl. "Überall gibt es etwas zu hören und zu sehen, woraus ich neue Ideen schöpfen kann, und die setze ich dann um. Das bringt Freude, das ist kein Zwang."