Keine Zeit vergeuden: Kaum ist der Gasalarm eingetroffen, ist Alexander Pokorny mit Blaulicht unterwegs zum Einsatzort. © PID/Markus Wache

 

Wien bei Nacht: Zwischen Gefahr und Routine

Während die WienerInnen schlafen, leisten MitarbeiterInnen der Stadt Großes. Die Wiener Netze etwa stellen den Betrieb des Gas-, Strom- und Fernwärmenetzes sicher und sind bei Notfällen für die Bevölkerung rund um die Uhr erreichbar.

Aus heiterem Himmel weht ein Schwefelgeruch oder der ranzige Duft von faulen Eiern durch die Wohnung. Der Verdacht auf Gasgeruch kommt auf und das auch noch mitten in Nacht. Was tun? "Gasgeruch sollte man immer ernst nehmen", sagt Thomas Machoritsch, Einsatzkoordinator in der Leitstelle der Wiener Netze. "Wir sind rund um die Uhr für Sie da."

Wiener Netze sind immer einsatzbereit

Der Gas-Notruf 128 ist die "Feuerwehr" der Wiener Netze. Rund 4.700 Menschen riefen 2018 an, um einen verdächtigen Geruch zu melden. 2.600 davon hatten Recht. "Gas ist eigentlich geruchlos. Was die Menschen riechen, nennt sich Tetrahydrothiophen. Damit wird Gas angereichert, damit die Gefahr wahrgenommen wird", sagt Thomas. Der erfahrene Mitarbeiter behält in jeder Situation einen kühlen Kopf, auch im Nachtdienst. "Für uns ist das absolute Routine. So ist halt der Schichtdienst", sagt Thomas. Für das Privatleben ist das nicht immer einfach. "Wir haben eine ziemlich hohe Scheidungsrate hier. Ich bin einer der wenigen Routiniers, die noch in erster Ehe sind."

 

Thomas ist dafür zuständig, Einsätze zu planen. Das betrifft Routineaufgaben wie die Inbetriebnahme von Anlagen oder Hausentlüftungen, aber eben auch eintreffende Notfälle. Das wird mitunter extrem stressig. "Die Herausforderung im Job ist die Abwechslung", sagt Thomas, während sein Blick aus dem Fenster auf den stockdunklen Smart Campus der Wiener Netze in der Simmeringer Nussbaumallee schweift. Es ist keine Fließbandmechanik, es läuft immer auf Überraschungen hinaus. Es ist nie gleich. Man weiß beim Beginn des Dienstes nie, wie der Dienst zu Ende gehen wird."

Um die Sicherheit der Wienerinnen und Wiener zu gewährleisten, hat man ein starkes Team im Einsatz. Der Störfalldienst hat 43 Monteurinnen und Monteure, elf Einsatzkoordinatorinnen und -koordinatoren, vier Einsatzleiter und zwei Schichtleiter. Die haben auch alle Hände voll zu tun. Die Wiener Netze unterhalten 521,8 Kilometer Hochdruck- und 4.147,9 Kilometer Niederdruckleitungen. Im Netzgebiet gibt es rund 650.000 Zähler.

Tipps für den Notfall

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende ist ein Mann, der einen unangenehmen Geruch wahrgenommen haben will. Schauplatz: ein Bürogebäude in Favoriten. "Der Anrufer ist offenbar der Letzte im Büro. Er klingt sehr nervös." Thomas bekommt den Standort auf seinen Bildschirm und prüft, ob es dort überhaupt Gas gibt. Gibt es. "Hören Sie genau zu", sagt er, "öffnen Sie die Fenster und die Türen. Gas ist leichter als Luft und kann dann aus dem Raum entweichen. Finger weg von Lichtschaltern, schließen Sie den Gashahn. Wenn der Geruch sehr stark ist, verlassen Sie bitte das Gebäude."

Nach den ersten Instruktionen checkt Thomas auf seiner Dispatching-Liste, welche Monteurin oder welcher Monteur für den Bereich eingeteilt ist. "Alexander Pokorny befindet sich in der Nähe des Einsatzorts. Ich schicke ihm jetzt gleich eine Arbeitszuteilung auf seinem Dienstlaptop. Dann klingle ich noch durch und er übernimmt die Sache", sagt Thomas.

Bei Monteur Alexander Pokorny klingelt das Handy, eine neue Meldung scheint auf seinem Laptop auf. Der Mitarbeiter des Störungs- und Gebrechensbehebungsdienstes der Wiener Netze ist seit 1999 im Betrieb und mit jedwedem Notfall vertraut. Gasgeruch nimmt er trotzdem nicht auf die leichte Schulter. "Erst gestern war ich bei einem brennenden Gaszählerbock", sagt Alexander, während er das Blaulicht einschaltet. "Da mussten wir dann die Leitung trennen, um Gröberes zu verhindern."

Die Gefahr ist ständiger Begleiter

Er ist rasch beim Bürogebäude, von dem aus die Meldung abgesetzt wurde. "Der einzige Unterschied zwischen Nacht- und Tagdienst bei uns ist der Verkehr", sagt Alexander. "In der Tat bewältigen wir in der Nacht die gleichen Aufgaben wie am Tag." Der Anrufer erwartet ihn schon vor dem Haus und ist sichtlich erleichtert, jetzt, wo Pokorny da ist. Die Lage scheint ruhig, doch davon lässt sich ein Profi nicht täuschen.

Alexander schnappt sich eine Taschenlampe, sein Werkzeug und das Prüfgerät. "Damit messen wir Erdgas und auch Kohlenmonoxid. Das kann bei einer unsauberen Verbrennung entstehen." Eine unsaubere Verbrennung passiert zum Beispiel in verschmutzten Geräten. Kohlenmonoxid ist die häufigste Ursache für Abgasvergiftungen. Ganz wichtig: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betretend einen Einsatzort immer messend.

Der Mann öffnet Alexander die Tür, bleibt aber draußen. "Jeder Einsatz ist gefährlich", sagt Alexander. "Ich kann nicht ausschließen, dass Explosionsgefahr besteht." Wird Gas gemessen, ertönt ein Pfeifton im Prüfgerät und ein rotes Licht blinkt. Der Eingangsbereich ist sauber und Alexander begibt sich dann zu einem großen Büroraum, in dem der Geruch wahrgenommen wurde. Dort geht er langsam und methodisch vor. "Riechen tu ich jetzt nix, aber verlassen tu ich mich da auch nicht drauf." Erst nachdem er alles ganz genau kontrolliert hat und abgegangen ist, gibt es Entwarnung: Es war ein Fehlalarm.

"Das kann passieren, kein Thema", sagt Alexander. "Oft haben Leute unvermittelt einen unerwarteten Geruch in der Nase und rufen nach dem Motto 'lieber zu früh als zu spät' an. Und das ist auch gut so. Es gibt keinen Grund, was zu riskieren." Wäre es ein Gasnotfall gewesen, hätte Alexander den Gaszähler und die Leitung bis zur Reparatur gesperrt. Im Fall eines Feuers wird die Feuerwehr alarmiert. Alexander schnauft durch und gibt Entwarnung an die Leitstelle. Er verabschiedet sich vom Anrufer und greift sich wieder den Laptop. "Hier sehe ich immer, welche Einsätze ich machen muss." Heute: eine Hausentlüftung.

Sicherheit geht vor

"Wir fahren jetzt in die Simmeringer Hauptstraße", sagt Alexander. Dort wurde eine Gasleitung auf der Straße erneuert und die Menschen auf einer Stiege der großen Wohnanlage direkt daneben waren eine Zeit lang ohne Gas. "Jetzt ist das Gas wieder verfügbar und darum gehen wir durch die Stiege und schauen nach, wer zu Hause ist und wem wir das Gas aufdrehen dürfen." Vor dem Haus trifft er einen Arbeitstrupp, der gerade die Straße zumacht, nachdem die Künette zwecks Leitungserneuerung offen war.

Der erste Weg führt Alexander aber in den Keller. Er checkt, ob die Leitung in das Haus offen und betriebstüchtig ist. Dem ist so. Auch Hahn, Steighahn und Steigleitung sind offen. Die ganze Stiege sollte mit Gas versorgt sein. Jetzt überprüft der Monteur in jedem Stockwerk, ob die Anlage geschlossen und der Glasfluss gewährleistet ist.

Ein gern gesehener Gast

Im obersten Stockwerk klopft er an die Tür. Frau Gruber, eine rüstige Seniorin, öffnet. "Danke, dass Sie vorbeikommen, ich hab schon auf Sie gewartet!" Alexander muss jede einzelne Wohnung betreten und überprüfen, ob die Geräte im Haus funktionstüchtig und sauber sind, bevor er das Gas freigeben kann. Er schaltet die Heizung ein und aktiviert die Herdplatte. Nach wenigen Sekunden erwachen die blauen Gasflammen zum Leben und auch die Heizung springt an. Alexander lässt alles ein bis zwei Minuten laufen, dann dreht er die Geräte ab. Alles o. k. Am Gang hockt er sich noch einmal vor den Gaszähler und sieht diesen eine Minute lang an. "Sehr gut, er dreht sich nicht von alleine weiter. Das heißt, die Leitung ist dicht."

Den Vorgang wiederholt er in jedem Stockwerk und bei jeder Wohnung. Bis auf zwei Familien sind alle anwesend und dankbar. Vor jeder Tür wird der Monteur mit einem Lächeln verabschiedet. "Für uns sind solche Arbeiten Routine, aber es ist trotzdem schön zu sehen, dass wir den Leuten die Nacht etwas verschönern konnten."

Bei seinem Dienstauto holt Alexander wieder den Laptop aus seiner Tasche. Bist jetzt sind keine neuen Notfälle eingetroffen. Eine Hausentlüftung steht ihm noch bevor. Bis sieben Uhr morgens wird er im Einsatz sein. Erst dann darf er nach Hause ins Bett. Was bis dahin noch passiert, weiß er nicht. Wie Thomas Machoritsch weiß auch Alexander: Keine Nacht gleicht der nächsten.