Mirella Vukits arbeitet seit 13 Jahren bei der Berufsrettung Wien. © Bohmann/Bubu Dujmic

"Dann weißt du, warum du das tust"

Ein Tag unter RettungssanitäterInnen

Im Morgengrauen kommt Mirella Vukits in der Favoritner Rettungsstation an. Vor ihr liegen zwölfeinhalb Stunden Dienst. Bevor es aber ins Rettungsauto geht, stärkt sie sich mit einem schnellen Kaffee. Die 33-Jährige arbeitet seit 13 Jahren bei der Berufsrettung Wien und hat sich an die unterschiedlichen Arbeitszeiten längst gewöhnt. "Zwei Mal Tagdienst, zwei Mal Nachtdienst, vier Tage frei, das ist unser Rhythmus hier. Ich kenne es gar nicht anders. Es ist zwar schon manchmal anstrengend, andererseits gibt mir der Schichtdienst viele Freiheiten für meine Hobbys", erzählt sie. Sie geht regelmäßig laufen und arbeitet nebenbei als Tanzlehrerin. "Das hält mich für meinen Job fit und macht außerdem richtig viel Spaß", erzählt sie. Aber jetzt heißt es erst einmal: Ausrüstung checken.

Bevor es losgeht, wird im Rettungswagen die gesamte Ausrüstung gecheckt. © Bohmann/Bubu Dujmic

Ausrüstung: Check!

Gleich zu Beginn steht der Check des "Lifepak 15" an. Dieses Gerät ist eines der wichtigsten im Rettungswagen. Es kann Vitalparameter messen, EKG schreiben und ist gleichzeitig ein Defibrillator. Sie drückt ein paar Knöpfe, das Gerät führt daraufhin einen Selbsttest durch. Alles okay. Dann werden die Beatmungsmaschine und die Absaugeinheit überprüft. Die Geräte ähneln der Ausrüstung einer Intensivstation und werden regelmäßig serviciert und ausgetauscht. Sind außerdem alle nötigen Medikamente vorhanden und befinden sich die Tragen an Ort und Stelle? Wenn ja, ist der Rettungswagen startklar. Und auch das Team: Zwei bis drei Rettungs- beziehungsweise Notfallsanitäterinnen und -sanitäter, wie Mirella Vukits, sind pro Rettungsauto im Einsatz. Bei Bedarf, also in lebensbedrohlichen Situationen, kommt zusätzlich auch eine Notärztin oder ein Notarzt mit dem sogenannten Notarzteinsatzfahrzeug, kurz NEF, zum Notfallort.

Im Durchschnitt rückt die Sanitäterin acht Mal pro Dienst aus: Herzinfarkt, Kreislaufkollaps, Unfälle. "Im Einsatz kann dir alles passieren", erzählt sie. Das macht die Arbeit so interessant, aber auch zu einer echten Herausforderung. Mehr als 160.000 Einsätze absolvieren die rund 750 Rettungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter im Einsatzdienst jedes Jahr. Nach dem Anruf bei 144 vergehen nur zwischen acht und zwölf Minuten, bis Mirella, ihre Kolleginnen und Kollegen am Einsatzort eintreffen, und zwar überall in Wien.

Im Durchschnitt rückt eine Sanitäterin beziehungsweise ein Sanitäter acht Mal pro Dienst aus. © Bohmann/Bubu Dujmic

Der Notfall ist Routine

Der Notruf kommt diesmal von einem jungen Mann. Er war mit einem Freund beim Kraftwerk Freudenau entlang der Donau laufen. Sein Begleiter wurde ohnmächtig, vielleicht wegen der Hitze. Beim Sturz hat er sich den Kopf aufgeschlagen. Reglos liegt er am Boden. Als das Rettungsauto wenige Minuten später an der Unfallstelle eintrifft, ist der verletzte Stefan wieder bei Bewusstsein. Aber ihm ist schlecht und er fühlt sich schwach. Er blutet, aber Mirella kann schnell ausschließen, dass die Wunde besonders schwerwiegend ist. Sie prüft die Vitalparameter des Patienten. Blutdruck und Körpertemperatur sind in Ordnung, Stefan kann sich aufsetzen.

Mirella Vukits prüft die Vitalparameter des verunfallten Patienten. Blutdruck und Körpertemperatur sind in Ordnung, Stefan kann sich aufsetzen. © Bohmann/Bubu Dujmic

Der junge Mann bekommt einen Verband und soll zur Abklärung von möglichen Kopfverletzungen im Krankenhaus durchgecheckt werden. "Die meisten Dinge laufen ganz automatisch ab", erzählt die Sanitäterin. Hin und wieder kommt es aber schon vor, dass Situationen schwer zu beurteilen sind. "Letzte Woche wurden wir von der Rettungsleitstelle zu einem Patienten gerufen, dessen Symptome auf einen Schlaganfall hindeuteten. Vor Ort hat sich die Situation dann aber anders dargestellt. Da haben wir uns im Team beraten, welche weitere Behandlung nötig ist. Davon hängt auch ab, in welches Spital wir jemanden bringen. Wir entscheiden uns immer für die sicherste Variante für die Patientinnen und Patienten."

Traumberuf

Um solche Entscheidungen treffen zu können, ist viel Erfahrung nötig. Aber auch eine umfassende Ausbildung. Nach dem psychologischen Eignungstest, bei dem es vor allem um Teamfähigkeit geht, müssen Anwärterinnen und Anwärter zeigen, dass sie den Anforderungen auch körperlich gewachsen sind. Das heißt, neben einem Test der körperlichen Fitness auch eine 80 Kilogramm schwere Trage zu zweit drei Stockwerke nach oben und wieder nach unten zu tragen. Ein Test, der viele Bewerberinnen und Bewerber an ihre Grenzen stoßen lässt.

Körperlichen Fitness ist eine Voraussetzung für den Job. © Bohmann/Bubu Dujmic

Die Rettungssanitäterinnen- und Rettungssanitäter-Ausbildung sieht 260 Stunden Theorie und Praxis vor. Über die umfangreiche Ausbildung war Mirella als junge Frau überrascht. "Ich dachte mir schon manchmal: Mist, ist das viel zu lernen." Und die Erinnerung an ihre Anfangszeit bringt sie zum Lachen. Um Menschenleben retten zu können, ist es nötig, die Grundlagen verschiedener medizinischer Bereiche zu beherrschen. Aufbauend auf diese Ausbildung gibt es bei der Berufsrettung Wien auch die Möglichkeit, Zusatzausbildungen zu absolvieren. Bei der Qualifikation zur Notfallsanitäterin oder zum Notfallsanitäter etwa kommen Arzneimittellehre und Einsatztaktik hinzu. Eine weitere Ausbildungsstufe ermöglicht sogar eine dreiwöchige Praxis im OP, um Fertigkeiten wie zum Beispiel künstliche Beatmung mittels Intubation praxisnah zu lernen. Mirella interessierte sich schon als Mädchen für Medizin. Ihr Vater war Notfallmediziner, das Interesse war Mirella also in die Wiege gelegt. "Weil ich mit 18 Jahren mein eigenes Geld verdienen wollte, kam ein Studium für mich nicht infrage. Als Sanitäterin habe ich ähnlich wichtige Aufgaben und mit meinem Ausbildungsstand auch viele Kompetenzen." Neben ihren medizinischen Fähigkeiten ist sie in Wien auch die einzige Frau, die den großen Bettenintensivtransporter, eine Intensivstation auf vier Rädern, fahren darf.

Während der Job von Sanitäterinnen und Sanitätern früher eher darin bestand, Patientinnen und Patienten ins Spital zu bringen, geht es seit der Reform des Sanitäterinnen- und Sanitätergesetzes im Jahr 2002 um viel mehr: Die Patientinnen und Patienten werden von den Rettungsteams vor Ort notfallmedizinisch versorgt und für die Behandlung im Spital vorbereitet. Das bedeutet etwa das Erstversorgen von Wunden, die Gabe einer vorbereitenden Infusion, aber auch das Intubieren. Gerade bei Verdacht auf Verletzungen der Wirbelsäule ist höchste Vorsicht geboten: Die Patientin oder der Patient wird mit einer Schaufeltrage, einem Spineboard oder einer Vakuummatratze für den Transport ins Krankenhaus stabilisiert. Da kann es durchaus auch einmal vorkommen, dass ein Rettungswagen mit Blaulicht langsamer als sonst durch die Stadt fährt. Denn trotz der gefederten Transportliege ruckelt es im Rettungswagen ganz ordentlich.

Der junge Mann soll zur Abklärung von möglichen Kopfverletzungen im Krankenhaus durchgecheckt werden. © Bohmann/Bubu Dujmic

Bett frei?

Stefan wird ins Donauspital gebracht. Nicht weil das Spital am nächsten liegt. Im sogenannten "Bettenspiegel" ist zu sehen, welches Krankenhaus freie Kapazitäten für die spezielle Art der Verletzung beziehungsweise Erkrankung hat. Bei der Auswahl des Krankenhauses wird berücksichtigt, dass die Patientinnen und Patienten bestmöglich und rasch von Spezialistinnen und Spezialisten behandelt werden können. "Darum wundern sich manche Patientinnen und Patienten, wenn sie von ihrer Wohnung daheim in Hietzing zum Beispiel nicht ins nahe Krankenhaus Hietzing, sondern ins Wilhelminenspital gebracht werden", erklärt Mirella. Im Krankenhaus angekommen übergeben die Profis von der Rettung ein Protokoll, in dem alle bisherigen Maßnahmen und gesammelten Infos verzeichnet sind. So kann die Versorgung nahtlos fortgesetzt werden.

Jede Sekunde zählt. Darum werden Mirella und ihre Kolleginnen und Kollegen oft direkt von einem Einsatz zum nächsten beordert. © Bohmann/Bubu Dujmic

Helfen, wo es nötig ist

Bei der Rettung zählt natürlich jede Sekunde. Deshalb werden die Rettungswägen auch effizient eingesetzt. Über Funk werden Mirella und ihre Kolleginnen und Kollegen dann oft direkt von einem Einsatz zum nächsten beordert. War ein Notfall aber besonders heftig, so geht es für Mirella zurück auf die Rettungsstation. Hier wird dann auch der Rettungswagen wieder fit für den nächsten Notfall gemacht.

In der Rettungsstation werden Wagen und Ausrüstung wieder fit für den nächsten Notfall gemacht. © Bohmann/Bubu Dujmic

Die Rettungsstation Favoriten ist neben dem eigenen Bezirk auch für Bereiche des 11. und 12. Bezirkes zuständig und eine von elf Rettungsstationen der Berufsrettung Wien. Darüber hinaus gibt es auch noch die Rettungszentrale, die nicht nur als Station fungiert, sondern mit der Leitstelle auch alle Anrufe über den Notruf 144 entgegennimmt. Insgesamt sind zu jeder Zeit um die 60 Rettungsmittel in ganz Wien für die Patientinnen und Patienten im Einsatz: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Wichtig beim Notruf

Wer in Wien den Notruf 144 wählt, landet in der Leitstelle der Berufsrettung. Was man dort immer wieder betont: Die Rettung ist kein Taxi mit Blaulicht! Wenn sie zu einem Einsatz gerufen wird, obwohl auch die niedergelassene Ärztin, der niedergelassene Arzt oder der Ärztefunkdienst helfen könnte, ärgert das die junge Rettungssanitäterin. "Das ist eine Verschwendung von Ressourcen, teuer und unnötig! In der Zwischenzeit könnte irgendwo ein echter Notfall eintreten, bei dem das schnelle Eintreffen der Rettung über Leben und Tod entscheidet." Außerdem wichtig beim Notruf: Wenn möglich, sollte man zur Patientin oder zum Patienten hingehen, sie beziehungsweise ihn ansprechen und sich einen Überblick über die Situation verschaffen. Denn die Anruferin oder der Anrufer ist die Verbindung zwischen der Notfallnummer 144 und der Patientin oder dem Patienten vor Ort. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitstelle stellen der Anruferin oder dem Anrufer gezielte Fragen, um die Situation einschätzen zu können. Das ist auch sehr wichtig für die Wahl der richtigen Rettungsmittel. Ist eine Situation besonders brenzlig, etwa bei einer Reanimation, so geben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitstelle auch direkt Anweisungen zu Erste-Hilfe-Maßnahmen und bleiben bis zum Eintreffen der Rettungskräfte mit der Anruferin oder dem Anrufer verbunden und unterstützen in der Notfallsituation. "Dabei geht es oft um Sekunden", sagt Mirella. Ihr Tipp: "Hören Sie den Kolleginnen und Kollegen am Telefon genau zu und beantworten Sie ihre Fragen. Das Wichtigste ist der Unfallort und der Grad der Verletzung. Sobald wir den wissen, können wir schon alles bereit machen und losfahren. Die Details bekommen wir dann auf der Fahrt nachgereicht. Damit sparen wir wertvolle Minuten." An jedem Einsatzort gibt Mirella dann alles. Manchmal auch ohne Erfolg. "Es gibt schwierige Situationen. Zum Beispiel, wenn ein junger Patient nach fast zwei Stunden Reanimation für tot erklärt wird. Aber es gibt auch viele schöne Momente. Immer dann, wenn man echte und ehrliche Dankbarkeit von den Menschen spürt. Dann weißt du wieder, warum du das tust."

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