Karin Waidhofer ist Direktorin im Haus Hetzendorf. Im Rahmen der Workshops für pflegende Angehörige steht sie den TeilnehmerInnen gerne mit Rat zur Seite. © Bohmann/Bubu Dujmic

Stark ist, wer Hilfe sucht: "Ja, ich bin mit der Altenpflege überfordert"

Als ihre Eltern dement wurden, rutschte Barbara Meier in eine emotionale Spirale. Aus Liebe und der Scham, Hilfe zu suchen, übernahm sie die Pflege. Doch mit der Zeit verzweifelte sie. Nun holt sie sich Rat beim Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser.

Die Last steht Barbara Meier ins Gesicht geschrieben. Vor einigen Jahren wurde ihre Mutter dement. "Es war ein schwerer Schlag für die ganze Familie", erinnert sie sich. "Aber am Anfang hatten mein Vater und ich die Pflege noch im Griff." Doch mit der Zeit wuchsen die Probleme. Der Gesundheitszustand ihres Vaters verschlechterte sich und langsam, aber sicher verwahrloste das Haus ihrer Eltern. "Er wollte nicht, dass wir irgendjemanden um Hilfe fragen. Es ist eine enge Nachbarschaft und auch wenn er es nicht zugab, schämte er sich, nicht für alles sorgen zu können." Also fasste Frau Meier den Entschluss, zu ihren Eltern zu ziehen.

Workshops für pflegende Angehörige

Frau Meier erzählte ihre Geschichte bei einem Workshop im Haus Hetzendorf, der vom Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser (KWP) angeboten wird. Solche Workshops gibt es in allen 30 Häusern zum Leben des KWP. Expertinnen und Experten unterstützen Angehörige mit wertvollen Ratschlägen und pflegende Angehörige können sich treffen und austauschen. "Wir wollen Tipps zum Umgang mit Menschen mit Pflegebedarf geben, aber auch eine Plattform zum Austausch bieten. Oft ist es für Angehörige sehr schwer, sich jemandem anzuvertrauen, da ihre Situation oft zu Einsamkeit und Schamgefühlen führt", erklärt Karin Waidhofer, Direktorin des Hauses Hetzendorf.

Barbara Meier kann das nur bestätigen. Als sie bei den Eltern einzog, um ihren Vater bei der Pflege ihrer Mutter zu unterstützen, verschlimmerte sich auch der Zustand des Vaters. Auch er erkrankte an Demenz. An professionelle Hilfe oder ein Wohnheim dachte sie nie. "Ich liebe meine Eltern. Ich bin ihnen so unendlich dankbar für alles, was sie für mich getan haben. Sie haben mich ein Leben lang unterstützt. Und beim Gedanken, sie nicht alleine pflegen zu können, habe ich mich geschämt", erinnert sie sich. Auf Freundinnen, Freunde und Familie konnte sie nicht lange zählen. Die Kontakte wurden immer weniger. Niemand wollte eine derart große Verantwortung übernehmen. Schließlich war Frau Meier mit den Eltern ganz alleine. "Mein Beruf erlaubt es mir, von zu Hause aus zu arbeiten, also konnte ich so gut wie immer da sein."

Workshops und Infoangebote zur Unterstützung Angehöriger gibt es nicht nur im Haus Hetzendorf, sondern in allen 30 Pensionisten-Wohnhäusern des KWP. © Bohmann/Bubu Dujmic

Aufopferung bringt niemanden weiter

Ihr Privatleben litt immens. Schon ein Besuch beim Friseur wurde eine Herausforderung, an einen Kinobesuch war nicht zu denken. Zusätzlich wurde ihr Vater immer öfter aggressiv. Oft traf sie ihn in der Nacht auf dem Flur an. "Er suchte dann immer etwas, meistens meine Mutter, obwohl sie ja im Bett war. Er war immer sehr zornig und ich wusste mir nicht zu helfen", sagt Barbara Meier. Sie litt unter Schlafstörungen und Depressionen. Schließlich wurden Einsamkeit und Belastung zu viel und sie suchte im Internet nach Hilfe. Dabei fand sie die Workshops für zu Hause pflegende Angehörige. Bereits nach der ersten Besprechung in der Gruppe fühlte sie sich erleichtert.

Die Direktorin des Hauses Hetzendorf nimmt sich für Einzelgespräche gerne Zeit. Situationen wie jene von Frau Meier kennt sie nur allzu gut. "Uns ist ganz wichtig zu vermitteln, dass wir für jedes Problem ein offenes Ohr haben. Nichts ist uns fremd und es gibt keine Tabus. Wenn Menschen dement werden, verhalten sie sich oft anders. Das kann für Angehörige emotional enorm belastend sein. Ihre Emotionen können sie in der Gesellschaft aber oft nicht offen zeigen, da sie tabuisiert sind", erläutert Karin Waidhofer. "Bei uns kann man darüber reden."

Schuldgefühle sind weit verbreitet

Frau Meier tat es gut auszusprechen, dass sie frustriert, überfordert und auch manchmal einfach wütend ist. Häme von Menschen, die ihre Lage nicht verstehen, hat sie in den Workshops nicht zu fürchten. Man spricht über Inkontinenz, Finanzangelegenheiten, Patientinnen- oder Patientenverfügungen und Erkrankungen. Die Situation ähnelt einer moderierten Selbsthilfegruppe. "Es gibt ganz viele, die sich schuldig oder verpflichtet fühlen und sich darum in der Pflege selbst aufreiben", erzählt Waidhofer. "Wenn jemand dement wird, ist das für die Angehörigen ja kein weißes Blatt, auf dem eine neue Geschichte startet."

Für Frau Meier war es das Allerschwerste sich einzugestehen, dass es ihre Eltern, wie sie sie kannte, nicht mehr gibt. "Die Einsicht ist wichtig, aber man soll sich nicht darauf fixieren. Besser ist, man erinnert sich so an seine Eltern, wie sie früher waren, während man sich gleichzeitig eingesteht, dass man eine neue Situation hat, die Anpassung erfordert", sagt Waidhofer.

Was der Direktorin ein Lächeln auf die Lippen zaubert? "Wenn Angehörige mir schreiben, dass es jetzt besser und leichter für sie geworden ist. Die Menschen stehen teils unter enormem Druck." © Bohmann/Bubu Dujmic

Körperkontakt ist wichtig

"Manchmal weiß ich nicht, wie ich mit den beiden umgehen soll", beklagt Frau Meier. Karin Waidhofer hat einige Tipps für sie parat. Wichtig ist, Demenzkranke mit den Dingen zu umgeben, die sie früher geliebt haben. Hobbys und Interessen, alte Aktivitäten oder Speisen, die sie gerne aßen. Solche kleinen Dinge beruhigen und helfen ungemein. "Wenn Ihr Vater aggressiv wird, ist Körperkontakt wichtig", weiß Waidhofer. "Überlegen Sie, warum er böse ist. Meistens mangelt es ihm gerade an etwas. Mag sein, dass er Ihre Mutter nicht findet. Vielleicht will er aber auch nur etwas essen und kann sich einfach nicht ausdrücken."

Bei den Defiziten der erkrankten Verwandten anzusetzen, ist laut Waidhofer ein großer Fehler, den viele begehen. Stattdessen sollte man jene Fähigkeiten fördern, die sie noch beherrschen. "Nehmen Sie Ihnen auch nicht alle Entscheidungen ab. Lassen Sie Ihre Eltern zum Beispiel bestimmen, was sie essen wollen. Auch so helfen Sie Ihnen."

Hoffnung für die Zukunft

Zwei Wochen später schaute Frau Meier noch einmal zu einem Workshop vorbei und war bereits wesentlich entspannter. Sie hat den Tagesablauf strukturiert und versucht, die Eltern miteinzubeziehen, wo es nur geht. Zusätzlich hat sie ihrem Vater Puzzles gekauft und der Mutter Bilderbücher. Das sind langjährige Hobbys der beiden. Manchmal legt sie Tanzmusik auf, da ihre Eltern sehr gerne getanzt haben. Damit konnte sie die beiden schon mehrmals beruhigen und in gute Stimmung bringen. Mittlerweile hat sie sogar ihre Schlafstörungen besser im Griff.

Auch wenn das Zusammenleben dank der Tipps leichter geworden ist, denkt Frau Meier nun darüber nach, ihre Eltern professionell betreuen zu lassen. In Wien gibt es viele mobile Betreuungsangebote, die ihr helfen können.

Das Fazit von Barbara Meier ist klar: Man muss sich nicht schämen, Hilfe zu suchen.

Als wäre die Last auf ihren Schultern leichter geworden. Frau Meier verlässt das KWP mit einem Gefühl der Hoffnung. © Bohmann/Bubu Dujmic

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