Die Ziegen vom Rautenweg. © PID/Schaub-Walzer

stadtUNbekannt bei den MA 48-Ziegen: Meck, meck, Mist

Einst vom Aussterben bedroht, grasen Pinzgauer Ziegen heute auf der 48er-Deponie am Rautenweg. Auf den Hängen zwischen Distel und Klee sind sie Rasenmäher und Wiens gehörnte Botschafter für umweltbewusste Abfallwirtschaft. stadtUNbekannt war vor Ort.

Er ist von Natur aus das Montane gewohnt, aber kalt lässt diese Aussicht keinen Bock: Nach Osten das Kranenmeer in Aspern, im Süden, jenseits der Millionenstadt Wien, der Schneeberg und die Voralpen. Die Fernsicht ermöglicht der „Beag aus Mist“, der höchste Ort der Donaustadt, sprichwörtlich ein Haufen Abfall. Am Rautenweg wird aus Müll mehr: Zu Asche verbrannt, gereinigt und mit Humus bedeckt ist er fruchtbarer Boden und Zuhause für den „Hübschen“, „Hell Boy“ und 34 weitere Ziegen. Auf Hufen tragen sie ihre Message hinaus: Wie die Stadt ihren Müll verwertet, ist sauber und smart.Der Wind pfeift nicht, er fährt: hinein ins Gewand, an die Haut, in die Fingerknochen. Ein Trampelpfad führt steil den Hügel hinauf, entlang an ellenlangen Grashalmen, die sich zu Boden biegen. Wir erreichen ein Plateau, starren in pechschwarze Pupillen, eingefasst in senfgelbe Augen. Der Wind und der Ausblick und die Sträucher rundum, das ist ihr Revier: Die Hausherren recken die Hörner und beäugen den Besuch.

Wie Phönix auf der Asche

Die Pinzgauer Ziege: Pflanzenfresser, Herdentier, fast ausgestorben. Es sind die 1990er-Jahre, die Art gilt als bedroht, beinahe tot. Die Veterinärmedizin sucht Hilfe bei der Stadt Wien, man arbeitet zusammen: Eine kleine Population findet Heimat im 22. Bezirk. Wo der Boden einst Grube war, häuft sich das Ergebnis ökologischen Denkens. Wiens Mist wird stets pünktlich abgeholt, doch wenn er den Haushalt in 48er-Müllwägen verlässt, beginnt sich der Kreislauf erst zu drehen: Es wird getrennt, sortiert, verwertet und verbrannt. Metalle werden gelöst, Plastik gepresst, am Ende stehen Schlacke und Asche. Sie riechen nicht, sie stauben nicht, aus der Grube wurde im Laufe der Jahrzehnte ein Berg, auf ihm sprießen Blüten und Gräser. Die wiederum sind Futter für die Ziegen, und die Ziegen sind gesund. Der Kreis ist geschlossen.

So sind die Ziegen charmanter Beweis, dass der Mistberg ungefährlich ist und sogar Energie produziert. Denn unter der Humusschicht gären Asche und Schlacke. Weil das Wärme abgibt, ähnlich einem Komposthaufen, liegt im Winter selten Schnee. Es entsteht Methangas, das Pumpen absaugen und ins Netz einspeisen. Noch ein tierischer Vorteil: Vis-à-vis wächst derzeit das TierQuarTier Wien, das mit Wärme aus der Deponie beheizt wird.

Ein Selfie mit der dicken Dudel

Das Gelände am „Mistbeag“ erstreckt sich über zig Hektar, eine Straße von über drei Kilometern Länge führt außen herum. Platz zum Laufen und Toben und Fressen haben die Ziegen ausreichend, daneben brummen Bagger und Lastwägen über die Hügel. Sie schütten auf und planieren, sie bringen Asche und Humus. Die Raupenbagger wiegen das Tausendfache, aber wenn die Ziegen am Schotterweg stehen, haben die Baumaschinen Nachrang: Rocky, so haben die Wienerinnen und Wiener vergangenes Jahr per Online-Voting bestimmt, ist jung in der Herde und stur wie die anderen. Der „Hübsche“ führt die Gruppe an, sein Fell ist schwarzbraun gefleckt, 85 Kilogramm bringt er auf die Waage. Der „Kuschler“ knabbert gerne Jackenknöpfe, „Hell Boy“ fehlt ein halbes Horn.

Die Ziegen können besucht werden: Beim wienXtra-Ferienspiel jeden Sommer sind die Paarhufer Magnet für Kinder und Jugendliche. Handyfotos mit „Blinzler“ und der „dicken Dudel“ sind ein beliebtes Motiv. Dass sich die Pinzgauer Ziegen von ihrer besten Seite zeigen, hat mit der Pflege von 48er-Hand zu tun: als Zicklein mit der Flasche hochgezogen, als ausgewachsener Bock regelmäßig entlaust. So mancher Baggerfahrer wird nebenberuflich zum Ziegenpapa. Nur das tägliche Durchzählen am Morgen sorgt bisweilen für einen kurzen Schreck: Wenn von 36 Tieren am Berg eines fehlt, hat das einen höchst menschlichen Grund. Auch Ziegen können mal im Stall verschlafen.