Der Narrenturm wurde bewusst rund gebaut, um den Einblick von einer Zelle in die anderen unmöglich zu machen. © PID/Christian Fürthner
Durch seine Form hebt sich der Narrenturm deutlich von den anderen Gebäuden des Alten Allgemeinen Krankenhaus ab. © PID/Christian Fürthner
Blick in eine der Zellen. In diesen werden nun einige Präparate aufbewahrt. © PID/Christian Fürthner
Die Tür mit schmiedeeisernem Gitter trennt das Stiegenhaus von den rundlaufenden Gängen. © PID/Christian Fürthner
In der alten Schmiede im Erdgeschoß sind sowohl Werkbank als auch Werkzeug noch im Originalzustand. © PID/Christian Fürthner
In den Glasbehältnissen befinden sich echte Körperteile. © PID/Christian Fürthner
Im 19. Jahrhundert wurden in den Arztpraxen weibliche Figuren aus Elfenbein aufgestellt, anhand derer die Patientinnen zeigen konnten, wo sie gesundheitliche Beschwerden hatten. © PID/Christian Fürthner
Auch heute noch werden im Narrenturm Arztkittel getragen. © PID/Christian Fürthner
Unbefugten war der Zutritt in den Mittelteil des Narrenturms untersagt. © PID/Christian Fürthner
Von Hautausschlägen über Tumore oder Verwachsungen. Die körperlichen Auffälligkeiten wurden aus Wachs oder ähnlichem Material nachgebildet und sind in den Schaukästen zu sehen. © PID/Christian Fürthner
Eduard Winter ist der Verwalter der anatomisch-pathologischen Sammlung im Narrenturm. © PID/Christian Fürthner
Keine Haut mehr aber noch volles Haar. Auch Kurioses findet man im Narrenturm. © PID/Christian Fürthner

stadtUNbekannt im Narrenturm: Von der Psychiatrie zur Pathologie

Treten Sie mit uns ein in eine architektonische Besonderheit. Erfahren Sie die Ursprünge der Pathologie und begeben Sie sich mit uns auf eine Reise in die "verrückte" Vergangenheit des Narrenturms auf dem Gelände des Alten AKH.

Der folgende Artikel beinhaltet Fotoaufnahmen von medizinischen Präparaten. Einzelne Fotos in dieser Reportage sind für jüngere Leserinnen und Leser nicht geeignet!

Der Weg zum Objekt der Begierde führt durch die vielen Tore und Höfe des ehemaligen Allgemeinen Krankenhauses am Alsergrund im 9. Bezirk. Die etwas abseits gelegene Lage ist absichtlich gewählt. Der Narrenturm birgt ein ernstes Geheimnis, denn er war Behandlungsort zahlreicher psychischer Erkrankungen. Als frei stehendes Gebäude war hier Ende des 18. Jahrhunderts eine der ersten eigenständigen Psychiatrien untergebracht.

Geist vergangener Zeiten

Die Atmosphäre im Narrenturm ist eine ganz Besondere. Nicht im negativen Sinn, dennoch sehr speziell. "Hier ist im Lauf der Jahre einfach viel geschehen", bemerkt Eduard Winter, der Verwalter der anatomisch-pathologischen Sammlung im Narrenturm. "Die Patientinnen und Patienten sind für die damalige Zeit relativ gut behandelt worden. Man hat wirklich versucht ihnen zu helfen." Es gibt heute sogar noch eine Abschrift der Anstaltsordnung. In dieser heißt es beispielsweise: "Es ist den Wärtern unter polizeilicher Höchststrafe verboten, die Patienten zu kitzeln und zu piesacken!"

Die Patientinnen und Patienten durften sich in den Gängen des Narrenturms frei bewegen, solange sie keine Gefahr für sich oder andere waren. Die heutigen medizinischen Erkenntnisse in Bezug auf die Behandlung psychischer Erkrankungen sind mit den damaligen nicht zu vergleichen. Behandlungsmethoden wie beispielsweise "kalte Bäder", um die "erhitzten Gemüter" der Patientinnen und Patienten zu kühlen, fußen ausschließlich auf der Wahrnehmung aus längst vergangenen Zeiten.

Kuchen aus Stein und Glas

Der Narrenturm ragt massiv gebaut in die Höhe. Er steht etwas abseits auf dem Gelände des Alten AKH. © PID/Christian Fürthner

Der Narrenturm wurde im Jahr 1784 auf Geheiß von Joseph II., dem Kaiser zur Zeit der Aufklärung, erbaut. Anfangs als Abteilung des alten Allgemeinen Krankenhauses geführt, beherbergte er die Psychiatrie. Diese hob sich bald nicht nur durch ihr eigenwilliges Gebäude von den restlichen Abteilungen des Krankenhauses ab. Durch seine runde Form und die Tatsache, dass der Narrenturm etwas erhaben auf einem kleinen Hügel thront, wird er von den Wienerinnen und Wienern auch liebevoll "Guglhupf" genannt. Im Inneren ging und geht es aber nicht immer zuckersüß zu. Heute beherbergt der Narrenturm eine der größten pathologisch-anatomischen Sammlungen der Welt.

Formschöne Theorien

Den Innenhof des Narrenturms schmückt eine Palme. © PID/Christian Fürthner

Als der Narrenturm eröffnet wurde, galt dessen Ausstattung als sehr modern. Der Baustil allerdings verwunderte die Leute. Bis heute gibt es zahlreiche Theorien, weshalb der Narrenturm so entworfen und umgesetzt wurde, wie er heute dasteht. Schnell durch die schwere Eingangstüre geschlüpft, steht man in einem kleinen Innenhof. Dessen eine Ecke zieren eine etwas verwitterte Bank und, ein wenig verwunderlich, eine Palme. Die Lichtverhältnisse sind durch die bereits sanierte Fassade nicht so bescheiden, wie man vielleicht bei einem Innenhof vermuten würde. Dennoch muss man erst einmal den Kopf in den Nacken legen und den Blick hinauf in den Himmel gleiten lassen.

Die Fassade im Innenhof wurde bereits saniert. Beim Blick in den Himmel bietet sich ein beeindruckendes Bild. © PID/Christian Fürthner

Fünf Stockwerke mit je 28 Zellen beziehungsweise Zimmern, die alle ungefähr gleich groß sind, befinden sich im Außenring des Turms. Der Durchmesser beträgt genau 66 Wiener Klafter. Das ist ein altes Wiener Längenmaß, wie wir von Eduard Winter, dem Verwalter der Sammlung, erfahren. "Ein Wiener Klafter sind ungefähr 1,9 Meter", erklärt er. In der Mitte des Rings ragt, mit ihm verbunden, ein weiteres Gebäude in die Höhe. Hier waren die ehemaligen Personal- und Arztzimmer untergebracht.

"Eine Theorie zur Bauweise des Narrenturms ist, dass er ein sogenanntes Panoptikum darstellen soll. Ein Gebäude von dessen Mittelpunkt aus man alles sehen kann. Hier jedoch wirklich nur reine Theorie", sagt Eduard Winter. "Befindet man sich in einem der alten Personalzimmer, sieht man vom Fenster aus tatsächlich nur den Innenhof." Die ungewöhnliche Bauform entspringt viel eher der Revolutionsarchitektur, die vor allem Ende des 18. Jahrhunderts vorherrschend war. Der Narrenturm wurde bewusst wie eine Art Gefängnis gebaut, um den Einblick der Patientinnen und Patienten in die Nachbarzellen unmöglich zu machen.

Gut aufgeteilt

Entlang jedes Ganges im Narrenturm befinden sich Glaskästen mit Schauobjekten. © PID/Christian Fürthner

Im ersten Stock empfängt uns ein schmaler Gang. Linker Hand befinden sich die Türen zu den Zellen. Die meisten davon sind noch im Originalzustand. Einzig die als Durchreiche beziehungsweise "Guckloch" gedachten kleinen Fenster darin wurden verschlossen. Jedes Stockwerk im Narrenturm kam damals einer eigenen internen Abteilung gleich, die unterschiedlichen Krankheitsbildern gewidmet war.

Im Erdgeschoß waren die ruhigeren Patientinnen und Patienten untergebracht. Sie litten beispielsweise an Melancholie, waren depressiv. Im ersten Stock befanden sich Menschen mit unverarbeiteten Kriegstraumata. Diese psychische Erkrankung ist mit der heute bekannten posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTSD, gleichzusetzen. "'Je höher das Stockwerk, desto schwierigere Fälle' galt die Devise bei der Unterbringung im Narrenturm. Das hatte den Hintergrund, dass besonders auffällige Patientinnen und Patienten meistens laut waren. Der Lärm war oben weniger zu hören als unten", erfahren wir von Eduard Winter.

Auch heute noch profitieren Besucherinnen und Besucher, aber vor allem Medizinstudentinnen und -studenten von einer übersichtlichen Aufteilung im Narrenturm. Im Erdgeschoß befindet sich der öffentliche Teil mit der pathologisch-anatomischen Schausammlung. Diese kann zu den Öffnungszeiten ohne Führung besichtigt werden. In den restlichen Stockwerken sind Studiensammlungen sowie Forschungssammlungen für Projekte untergebracht. "Hier findet jeder schnell, was er gerade sucht. Die Präparate der Sammlungen sind jeweils nach Organen und Krankheitsbildern sortiert. So weiß man beispielsweise gleich: Lunge mit Tuberkulose, Zelle 28, erster Stock", erklärt Winter. Ganz oben im Turm befinden sich die Büros und Aufenthaltsräume der Angestellten sowie eine Bibliothek und ein Archiv.

Von der Psychiatrie zum Schwesternwohnheim

Ab den 1820er-Jahren wurde der Narrenturm nicht mehr als Psychiatrie genutzt. Es waren nur mehr Patientinnen und Patienten untergebracht, deren Erkrankung als nicht behandelbar galt. 1866 wurde der Turm als Aufnahmestation geschlossen. Drei Jahre danach starb der letzte Patient, der bis zu seinem Tod noch betreut wurde, im Narrenturm.

Die alte Schmiede ist noch fast vollständig im Originalzustand erhalten. © PID/Christian Fürthner

Ab 1869 stand der Narrenturm eine Zeit lang leer. "Damit das Gebäude nicht verwahrloste, haben sich Handwerker und Haustechniker aus dem Allgemeinen Krankenhaus im Turm angesiedelt. Sie haben hier ihre Werkstätten eingerichtet, von denen eine, die Schmiede genauer gesagt, heute noch erhalten ist", so Winter. Zwischen 1905 und 1920 wurde im Narrenturm in den oberen Stockwerken ein Wohnheim für Krankenschwestern eingerichtet. Die letzte Krankenschwester zog erst 1993 aus.

Die Schauobjekte zeigen verschiedene Krankheitsformen und -ausprägungen. © PID/Christian Fürthner

Links und rechts des Ganges stehen Glasvitrinen mit zahlreichen Präparaten der pathologisch-anatomischen Sammlung. Der Schauplatz Narrenturm könnte kein perfekterer Ort für diese spezielle Ausstellung sein. In den Kästen befinden sich Abbildungen diverser Krankheitsbilder. Die Gips- beziehungsweise Wachsabdrücke bezeichnet man als "Moulagen". Sie dienten früher den Medizinstudentinnen und -studenten als Anschauungsmaterial für den Unterricht.

Ein ganz spezielles Ausstellungsstück ist der Magen eines ehemaligen Psychiatrie-Patienten, der seine Matratze gegessen hat. © PID/Christian Fürthner

Darunter sind Augentumore oder Hautausschläge. In einigen der Vitrinen finden sich auch ganz besondere Stücke. Eduard Winter zeigt auf ein in gelblicher Flüssigkeit schwimmendes Exponat: "Das ist zum Beispiel der Magen eines ehemaligen Psychiatrie-Patienten, der seine Matratze gegessen hat."

Umfangreiche Sammlung

Unter den Schauobjekten befinden sich auch viele Schädelfragmente. Diese sind in einigen der Zellen untergebracht. © PID/Christian Fürthner

Ursprünglich 1796 von Johann Peter Frank gegründet und im Lauf der Jahre ständig erweitert, befand sich die pathologisch-anatomische Sammlung bis 1971 am Institut für Pathologie in Wien. Bevor sie in den Narrenturm übersiedelte, der seit 1974 ein eigenständiges Bundesmuseum ist und seit 2012 einen Teil des Naturhistorischen Museums bildet. Momentan umfasst die Sammlung um die 50.000 Ausstellungsstücke und zählt damit zu den größten der Welt. Die Präparate werden bis heute für wissenschaftliche Untersuchungen verwendet. "15 Präparate der Sammlung stammen tatsächlich noch aus dem Erstbestand aus dem Jahre 1796", erzählt Winter und führt ins nächste Stockwerk.

Die elektropathologische Abteilung dient oft zu Lehrzwecken. © PID/Christian Fürthner

Strom: Gefahr in Verzug

In dieser Abteilung dürfen wir einen exklusiven Blick in eine der Zellen werfen. Man muss nicht lange überlegen, zu welchem Themenbereich dieser Raum zählt. Die Exponate sprechen für sich. An den Wänden des Raumes stehen Glasbehälter mit durch Strom verletzten Händen und Füßen. Es ist die elektropathologische Abteilung der Sammlung. "Sehr speziell, aber auch sehr lehrreich", meint Winter.

In der elektropathologischen Abteilung befinden sich Körperteil-Präparate, die durch Strom verletzt wurden. © PID/Christian Fürthner

"Vor einiger Zeit kam ein älterer Herr mit seinem Enkel zu uns. Der Mann wollte dem Kind seinen vor Jahren amputierten Arm zeigen, der sich als Präparat im Narrenturm befindet. Als Kind baute der Mann einen Drachen mit einer Kupferschnur daran. Dieser verfing sich in einer Stromleitung und verpasste dem Mann einen Stromschlag. Daraufhin musste der Arm abgenommen werden. Nun wollte der Großvater seinem Enkel auf sehr anschauliche Art beibringen, dass man solche Experimente nicht machen darf. Diese Lehrmethode ist zwar drastisch, aber sie wirkt in den meisten Fällen", erzählt der Verwalter. "Zu uns kommen auch viele Elektrotechnikerinnen und -techniker mit ihren Lehrlingen und schauen sich diese Abteilung an."

Im obersten Stockwerk befinden sich alte Gerätschaften. Unter ihnen eine Patientenliege. © PID/Christian Fürthner

Zum Abschluss geht es ins letzte Stockwerk. Eine alte Liege steht leicht angestaubt am Gang und erinnert als Relikt an die Vergangenheit des Narrenturms.

Ein altes Schild erinnert an die "Sperrstunde" des Narrenturms. © PID/Christian Fürthner

Wir wenden uns zum Gehen und verlassen den Narrenturm, bevor es hier spätestens um 22 Uhr heißt: Licht aus!

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