Architektin Laura Spinadel. © PID/Christian Fürthner

Verborgene Schätze

Vom geheimen Hörsaal bis zum versteckten Lüftungsschacht. Die Serie stadtUNbekannt hat den Campus der Wirtschaftsuniversität unter die Lupe genommen.

Laura P. Spinadel wirft das Haar in den Nacken. Sie stellt sich breitbeinig vor den Spiegel, krault mit den Armen, wiegt den Körper. Geschmeidig, rhythmisch und irgendwie auch verrückt. Schließlich stehen wir mitten am Campus der Wirtschaftsuniversität und Laura P. Spinadel ist keine durchgeknallte Studentin, sondern Architektin. Genauer gesagt jene Architektin, die für den Masterplan des 90.000 Quadratmeter großen Areals zwischen Messe und Prater verantwortlich ist. Was aber bringt eine mehrfach preisgekrönte Städteplanerin dazu, in aller Öffentlichkeit den Kasperl zu geben? Überzeugende Antwort: "Ein Campus braucht auch einen Platz, wo man mit sich selber Theater spielen kann."

WU Campus © PID/Christian Fürthner

Bildungshotspot, Universität der Zukunft, architektonischer Meilenstein, urbanes Vorzeigeprojekt: Geht es um den neuen Campus, greift man gerne auf Formulierungen wie diese zurück. Zu Recht, strotzt der neue Stadtteil doch vor internationaler Baukunst. Der Masterplan dazu stammt von BUSarchitektur, ein Kollektiv unter der Leitung von Laura P. Spinadel. Die Planung der sechs einzelnen Gebäudekomplexe wurden gesondert ausgeschrieben. Spinadel selbst hat das Hörsaalzentrum sowie den gesamten Freiraum gestaltet. "Als Masterplanerin hatte ich die schwierige Aufgabe, für Tausende Menschen zu definieren, wie ihre Zukunft ausschauen sollte. Ich wollte einfach einen magischen Ort schaffen, an dem ich gerne studiert hätte."

Traum vom offenen Campus

Um das ambitionierte Konzept besser zu verstehen, hilft ein Blick auf den Lebenslauf der Architektin. Geboren 1958 in Buenos Aires. "Natürlich ist alles, was wir tun, autobiografisch geprägt", bestätigt sie. Als Studentin verbrachte sie Jahre auf einem Campus, der von einer Militärdiktatur kontrolliert war. "Es gab keinen Ort, wo man frei miteinander reden konnte. Keine Möglichkeit, dem eigenen Wohlbefinden und der eigenen Neugier nachzugehen", erzählt sie. Undenkbar, dass ein Campus rund um die Uhr offen und für alle zugänglich sein könnte. Damals beschloss die angehende Architektin: "Wenn ich je eine Uni baue, will ich den nachfolgenden Generationen all das ermöglichen, was ich nicht hatte."

Einblicke in die Bibliothek der Wirtschaftsuniversität. © PID/Christian Fürthner

Konzept geht auf

Beim Gang über ihren Campus fühlt sie sich bestätigt. Es wuselt an allen Ecken und Enden, trotz herbstlicher Temperaturen. Die Studierenden haben sich das Areal offensichtlich angeeignet. Volle Hörsäle, Kaffeehäuser, Bibliotheken. Man trifft sich in der Bäckerei, in der Buchhandlung und im Supermarkt. Oberstes Ziel bei der Planung war ja auch eine produktivitäts- und kommunikationsfördernde Arbeitsumgebung für Studierende und das Team der Wirtschaftsuniversität zu schaffen. Es ging darum, sie wieder mehr an die Uni zu holen, weg vom Netz zu Hause. Der reale Alltag sollte eine größere Faszination ausüben als die virtuelle Welt.

Auf dem Campus befinden sich auch Bänke mit Braille-Schrift. © PID/Christian Fürthner

Nicht vordefinierte Orte

Dennoch gibt es Orte, die nicht vordefiniert sind. Mit gutem Grund, wie Spinadel meint: "Wenn es jemand will, soll sie oder er auch versteckte, kleine Plätze in diesem riesigen Stadtpark finden. Und plötzlich, ganz alleine mit ihrem beziehungsweise seinem Suchen, Harmonie finden. Auf dem Papier sind wir Profis. Aber in der Realität galt es etwas zu schaffen, das völlig unterschiedliche Zielgruppen anspricht. Das geht nur mit viel Respekt und Angeboten, die immer wieder anregen, neugierig machen und entdecken lassen." Texte in Braille-Schrift auf den Sitzbänken zum Beispiel. "Verborgene Schätze", nennt sie das.

Der Spiegel hilft dabei, wieder auf andere Gedanken zu kommen. © PID/Christian Fürthner

Womit wir wieder bei dem eingangs erwähnten Spiegel wären. Genau genommen ist es ein verspiegelter Kasten gegenüber dem Library & Learning Center. Seine Funktion ist schnell erklärt: "Manchmal ist das Leben unangenehm. Zum Beispiel wenn man durch eine Prüfung gefallen ist. Deshalb wollten wir einen Ort schaffen, wo man loslassen kann." Einfach davor stellen, tanzen, Grimassen schneiden, den Alltag vergessen. Irgendwann kommt dann das Lachen durch. Auch der Platz ist mit Bedacht gewählt. Denn was kaum jemand weiß: Hier befindet sich die Entlüftungsanlage für die Hauptbibliothek. Optisch störende Schächte und Rohre wurden damit geschickt in das Gesamtbild eingebunden. Ein Anspruch, der sich durch Spinadels Arbeit wie ein roter Faden zieht.

Fächerübergreifendes Denken

"Ich habe eine Waldorf-Ausbildung. Daher denke ich integrativ, meine Architektur ist holistisch", fasst sie ihren Zugang zusammen. Was in der Medizin mittlerweile gang und gäbe ist, nämlich die ganzheitliche Betrachtung des Menschen, gelte auch für die Architektur. Spinadel: "Technik, Kunst, Soziologie, Psychologie: Alle diese Bereiche müssen zusammenspielen, um einen magischen Ort entstehen zu lassen." Das Problem dabei: "Wir sind gewohnt, in starren Strukturen zu denken." Eine Architektin plant, ein Maler malt, eine Wissenschafterin analysiert. Spinadel: "Sobald man versucht fächerübergreifend zu denken, haben alle Angst, Macht zu verlieren. Meine größte Aufgabe als Masterplanerin war daher zu integrieren, zu integrieren, zu integrieren." So lange, bis allen Beteiligten klar war: "Ein Leuchtturmprojekt wie dieses kann nur gelingen, wenn wir an einem Strang ziehen."

Auch an einen "Freiluft-Hörsaal" wurde bei der Planung gedacht. © PID/Christian Fürthner

An den Barrieren im Kopf mag es wohl auch liegen, dass sogar ein Hörsaal bis jetzt unentdeckt blieb. An der Rückseite des Teaching Centers befindet sich ein wind- und schallgeschützter Ort. Auf den ersten Blick wirkt er wie eine herkömmliche Terrasse. Erst bei näherer Betrachtung sieht man Anschlüsse in Boden und Wänden. Für die Architektin ein Kleinod. "Ich wollte immer eine Freiluftklasse gestalten", erklärt sie. "In Italien ist so etwas völlig normal. Nicht so für die Wiener Kultur. Denn bis jetzt hat sich noch niemand getraut, Vorlesungen oder Workshops hier abzuhalten. Dabei ist die gesamte Infrastruktur vorhanden."  

"Eine Architekturkritikerin meinte, der Campus habe die schönsten Fahrradabstellplätze der Welt." © PID/Christian Fürthner

Konzerte von und für Studierende

Ginge es nach ihr, könnten hier auch Konzerte stattfinden oder die Studierenden selbst musizieren. "Rundherum sind Balkone. Ideal für so etwas. Es ist ein faszinierender Ort, er muss nur geweckt werden." Dasselbe gilt auch für die Fahrradabstellplätze, zu denen man über einen mit üppigen Gräsern gesäumten Weg kommt. Spinadel: "Eine Architekturkritikerin meinte, der Campus habe die schönsten Fahrradabstellplätze der Welt. Was wir hier sehen, ist ein Raum in einer wilden Prärie, in dem Sachen passieren könnten. Man muss nur flexibel genug sein und sagen: Heute geben wir alle Fahrräder raus und machen was drinnen." Selbst Filmvorführungen an der Außenwand sind möglich.

Auf dem Campus findet man auch ein Ballspiel, eine Harfe und ein Dreizeitenpendel. © PID/Christian Fürthner

Abgesehen von der Multifunktionalität ist Spinadel auch das spielerische Element in ihrer Arbeit wichtig. Selbst an einer Bildungshochburg wie der WU. "Wenn hier täglich 30.000 Menschen kommen, gehen, studieren, lehren und die Realität unsere Fantasien übertreffen soll, muss ich mir auch Scherze leisten können", ist sie überzeugt. Deshalb stehen zwischen den Gebäuden von Zaha Hadid und Carme Pinós ein Ballspiel, eine Harfe und ein Dreizeitenpendel. Kunstwerke, die gleichzeitig eine Klangbrücke zwischen den sehr unterschiedlichen Baustilen der beiden Stararchitektinnen bilden. Man muss nur darauf trommeln, zupfen und ziehen. Ausprobieren ausdrücklich erwünscht.  

Wunder passieren

Die Aufgabe, einen Wirtschaftshotspot zu realisieren, hat Spinadel also keineswegs veranlasst, ihre Fantasie an die Leine zu legen. "Wir sind Dienstleistende, aber auch Träumende", sagt sie über ihren Berufsstand. Ob das zusammengeht, hängt immer von den Schlüsselpersonen ab. "Wenn mir die Wirtschaftsuniversität nicht das volle Vertrauen geschenkt hätte, mir, dieser verrückten Auslandsösterreicherin mit Latinotouch, hätten wir diesen Campus nicht. Aber wenn die richtigen Leute zusammenkommen, wenn man sich gegenseitig vertraut und bereichert, passieren Wunder." In ihrem Fall hat es funktioniert. Für ihr ganz persönliches Wunderland, als Highlight ihres bisherigen Lebenswerkes bekommt sie demnächst den Preis der Stadt Wien 2015 für Architektur.

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