Ein Wettbewerbsmodell des Maria-Theresia-Denkmals aus Gips lagert im Keller der Hofburg, unweit des tatsächlichen Standortes. ©PID/Christian Jobst

stadtUNbekannt: Das Depot der Wiener Hofburg birgt Originalschätze

Die Serie stadtUNbekannt war Gast im dreigeschoßigen „Gipskeller“ mit Modellen von Leonardo da Vinci bis Kaiserin Elisabeth.

Rund 600 Jahre lang wohnte und regierte die Habsburgerdynastie in dieser Befestigungsanlage im Zentrum Wiens. Heute residiert dort der Bundespräsident. Unter dem 1660 für Kaiser Leopold I. errichteten Leopoldinischen Trakt der Wiener Hofburg befindet sich über drei Geschoße der ehemalige Weinkeller der Kaiserzeit. Zeuge ist das 73.100 Liter fassende Keramik-Betonfass, das im Jahre 1878 entstand und mit Wein für die Bediensteten des Kaisers gefüllt war. 1918 wurde der gesamte Weinbestand zugunsten der Kriegsopferinvaliden versteigert.

Im Inneren ist es mit Glasziegeln ausgestattet, in das ein enges Spundloch – für den kleinsten der kaiserlichen Bediensteten, den Jungspund – zum Reinigen führt. "Einer der Restauratoren ist begeisterter Höhlenforscher und schlank, so passte er in die Öffnung und konnte das Fass besser reinigen", erzählt Markus Wimmer, stellvertretender Burghauptmann. In einem anderen Raum befindet sich das Leergebinde von Tokaia-Weinflaschen, die nicht nur dem Papagei von Maria Theresia mundeten, sondern auch dem Kaiserpaar und hochrangigen Gästen.

Hofrat Mag. Markus Wimmer, stellvertretender Burghauptmann, bei einem seiner Lieblingsexponate aus dem Jahr 1894, das einen fränkischen Graugraf, ein Ritter des 12./13. Jahrhunderts, darstellt. © PID/Christian Jobst

Kaiser Franz Josef (1830-1916) ist immer noch im Keller - als Gipsfigur und sieht auf seine Sisi (1837-1898). Die Kaiserin Elisabeth thront daneben auf einer alten, beweglichen Werkbank aus Holz und sieht ihrem Denkmal im Volksgarten zum Verwechseln ähnlich. Der Unterschied, abgesehen von der Größe, ist der Fächer in Sisis Schoß. "Dieser Entwurf eines der acht Wettbewerbsteilnehmer im 19. Jahrhundert wurde nicht realisiert, weil der Künstler mit diesem Accessoire auf einen Makel hinwies. Denn die schöne Kaiserin hatte schlechte Zähne, was sie mit dem Fächer verbergen wollte", weiß Wimmer. Hinter Sisis-Modell ist ein Wettbewerbsmodell eines Denkmals für Maria Theresia (1717-1780), einer weiteren Monarchin, die Weltgeschichte schrieb. Ihr Denkmal ist in Natura makellos auf dem nach ihr benannten Platz zwischen Kunst- und Naturhistorischem Museum beliebtes Fotomotiv unzähliger Touristinnen und Touristen.

Unzählige TouristInnen besichtigen täglich das Denkmal von Maria Theresia in Natura, zwischen Kunst- und Naturhistorischem Museum. © PID/Christian Jobst

Verzierungen der Ringstraßenpalais

Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie dienten die Räume als Lager und in den dunklen Kapiteln der Stadtgeschichte als Luftschutzkeller. In den 1960er Jahren besann man sich wieder "der guten, alten Kaiserzeit" und holte die Gipsfiguren für die Ausstellung "100 Jahre Wiener Ringstraße" aus dem Keller. Dabei wurden Architekturmodelle und Gipsvorlagen von jenen Ringstraßengebäuden präsentiert, die von der Krone errichtet wurden.

Sollte an den Fassaden ein Detail restauriert werden müssen, können sich die Fachleute das passende Gipsmodell aus dem Keller holen. © PID/Christian Jobst

Der genaue Blick auf die reich verzierten Fassaden der prächtigen Palais lohnt sich. Fehlt ein Detail in der Fassade, kann das entsprechende Gipsmodell aus dem Hofburg-Keller geholt und originalgetreu rekonstruiert werden.

Das Parlament wird nicht nur von Pallas Athene bewacht, sondern die Stiegen sind von römischen und griechischen Denkern und Philosophen bevölkert. Die Gipsmodelle dieser Figuren sind im Keller der Wiener Hofburg aufbewahrt. Dort sind auch die Wandreliefs untergebracht, die Theaterszenen zeigen und beim echten Grillparzer-Denkmal im Volksgarten zu sehen sind. Ebenso sind nie realisierte Architektur-Entwürfe von Bildhauern und Baumeistern bis Anfang des 20. Jahrhunderts dort erhalten.

Im ehemaligen Weinkeller der Kaiser und Könige des Landes sind die Gipsmodelle der griechischen und römischen Philosophen, die die Stiegen des heutigen Parlaments zieren. © PID/Christian Jobst

 

Etwa 2.200 Exponate zeigen bewegte Zeiten

Pegasus im Absprung, in der Bewegung erstarrte Engelsfiguren, Kinderreliefs mit Putti, mit Blumen bestückte Amphoren, muskelbepackte Männer in heroischer Kampfhaltung, leichtbekleidete Nymphen, eine "Wolke" aus Mädchenakten, die ineinander verschlungen sind. Gegenüber steht Wolfgang Amadeus Mozart neben dem Wäschermädel, Johannes Brahms und Leonardo da Vinci neben Aristides, dazwischen ein österreichischer Soldat des Ersten Weltkrieges, der an den geschnürten Schuhen erkennbar ist. Ein Seefahrer blickt verträumt in die Ferne, die von der Springbrunnenfigur Triton mit Fisch begrenzt ist. Der Seemann stammt aus der Zeit, als Österreich noch am Meer lag und es ein Marineministerium gab. Insgesamt sind in den drei Kellergeschoßen rund 2.200 Exponate aufgestellt.

"Die Künstler der damaligen Zeit bauten sich eine Vorlage meist aus Holz, umspannten sie mit Stoff und fertigten daraus ein Gipsmodell. In größeren Betrieben mussten dann die Lehrlinge und Gesellen den Stein bearbeiten", sagt Wimmer. Einige der Gipsoriginale sind von kleinen Kreuzen überzogen, die als Markierung dienten, um die oft relativ kleinen Modelle proportional korrekt in Lebensgröße oder mächtiger anzufertigen.

Die kleinen Kreuze auf diesem Eisenbahner aus Gips dienten Bildhauern als Markierungen für die Abstandsberechnung, um die Größe der Figuren proportional verändern zu können. © PID/Christian Jobst

Belüftungssystem und Großreinigung zur Erhaltung 

Für einen alten Stadtkeller ist jener der Hofburg wohlig warm und nicht sehr feucht, was gut für die Modelle ist. "Die Lüftungsklappen sind über Seilzüge mit anderen Systemen verbunden und sorgen für ein einheitliches Raumklima", so der stellvertretende Burghauptmann. Seit 1973 sei die Hofburg mit Fernwärme-Rohren ausgestattet, die zusätzlich Wärme abgeben. Bereits 1900 wurde die Burg elektrifiziert und die Anlagen nach Thomas A. Edison errichtet. „Davon zeugen heute noch die Isolatoren, die über Kopf angebracht sind und durch die Gleichstrom floss“, weiß Wimmer.

Auf einer beweglichen Werkbank thront Kaiserin Elisabeth und Markus Wimmer kennt den Unterschied zum Denkmal im Volksgarten: Der Entwurf wurde ohne Sisis Fächer realisiert. © PID/Christian Jobst

Für die Verwaltung ist die Burghauptmannschaft Österreich zuständig. In ihre Kompetenz fallen insgesamt 60 historische Objekte wie die Wiener Hofburg, das Kunst- und Naturhistorische Museum, das Schloss Belvedere, die Festung Hohensalzburg und das Innsbrucker Schloss Ambras. Die rund 160 MitarbeiterInnen der österreichischen Burghauptmannschaft sind aber auch verantwortlich für den baulichen Erhalt der Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen, Ebensee und Gusen. 

 In Einzelfällen können die Skulpturen für Landesausstellungen ausgeliehen werden. Mindestens einmal im Jahr wird die Großreinigung im Hofburg-Keller vorgenommen und Restauratoren arbeiten an einzelnen Objekten. Und einmal im Jahr wird das Gipsdepot der Wiener Hofburg sogar für BesucherInnen geöffnet: am Tag des Denkmals, der österreichweit heuer unter dem Motto "Feuer und Flamme" am 27. September begangen wird.

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