Das Belüftungssystem funktioniert noch wie vor über 130 Jahren. © Christian Fürtner/PID

stadtUNbekannt: Unter dem Wiener Rathaus

Die Serie stadtUNbekannt zeigt versteckte Orte in Wien und ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen der Stadt. Diesmal unter das Wiener Rathaus mit seinen zwei Kilometer langen Kellergängen.

"Das Rathaus könnte man heute nicht effizienter bauen", erzählt Stefan Novotny, Leiter der Infrastrukturdienste der MA 34, während wir uns im Rahmen der Serie stadtUNbekannt durch die Kellergänge unter dem Rathaus bewegen. Damals vor über 130 Jahren wurden nämlich die natürlich zur Verfügung stehenden Ressourcen schon mitberücksichtigt und davon profitiert man heute noch. Durch die "Luftbrunnen" und die unterirdischen Gänge gelangt ohne technische Hilfsmittel vorgekühlte Luft im Sommer und vorgewärmte im Winter in die Lüftungszentrale und wird dann entsprechend aufbereitet, über vertikale Schächte in die Festsäle weitergeleitet.

Vermutlich der einzige Unterschied zu damals, heute strömt die Luft noch durch eine Filterwand. Unvorstellbare 40.000 Kubikmeter Luft können hier pro Stunde durchströmen, was eineinhalb Mal der Kubatur des Festsaals entspricht. "Bildlich gesprochen wäre das so viel Luft, wie in ein Fußballfeld mit gut sechs Metern Höhe hinein passen würde", sagt Stefan Novotny.

Unter dem Rathaus ist immer etwas los

Im Keller herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Neben den Umkleideräumlichkeiten für die Raumpflegerinnen sowie der Hausarbeiter finden auch einige Werkstätten und die "Kommandozentrale" für die Haustechnik Platz. Zu Spitzenzeiten können sich schon 100 bis 150 MitarbeiterInnen hier unten bewegen.

"Allein in der Heizzentrale arbeiten 13 Personen, wobei fünf Teams zu je zwei Mann davon im 24-Stunden-Schichtbetrieb tätig sind, da von hier aus über 200 Lüftungsanlagen im ganzen Haus betreut werden", sagt Jakob Lutzky, Werkstättenleiter der Heizzentrale. Aber auch Schlosser, Tischler und Schweißer gehen hier ihrer Arbeit nach, da die Instandhaltung für ein Haus dieser Größe sehr aufwändig ist. Die vielen fleißigen Hände sorgen aber auch dafür, dass die jährlich rund 1.200 Veranstaltungen "oben" im Rathaus, reibungslos über die Bühnen gehen können.

Kohle auf Schienen

Blickt man in den unterirdischen Gängen auf den Boden, sieht man an einigen Stellen weitere historische Relikte und zwar Schienen. Auf diesen wurde, mittels Kohlewaggons, bis in die 60er Jahre des vergangen Jahrhunderts, der Brennstoff in die Heizhäuser transportiert. Heute wird das Rathaus mit Fernwärme beheizt.

Darüber hinaus versorgen sechs Trafostationen das 130 Jahre alte Bauwerk am Ring mit Strom. Eine weitere Station befindet sich ebenfalls im Keller, diese sorgt dafür, dass der Rathausplatz in seiner Veranstaltungsvielfalt bespielt werden kann.

Im Tiefspeicher wird die Luft dünn

In einem anderen Teil des Kellers lagern historische Schätze. Im Tiefspeicher im Nordwestteil des Rathauses, herrschen Voraussetzungen fast wie auf einem "3000er". "Der Sauerstoffgehalt wird auf 15 Prozent reduziert, die Lufttemperatur auf 18 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit auf rund 40 bis 45 Prozent. Das sind die idealen Rahmenbedingungen für eine optimale Lagerfähigkeit von Papier und unter diesen Voraussetzungen kann sich Papier nicht entzünden bzw. verbrennen", weiß Stefan Novotny.

Zusätzlich wird die Luft gefiltert, damit die wertvollen Schriften von Nestroy, Grillparzer, Qualtinger aber auch die 350.000 Plakate unversehrt erhalten bleiben.

32 Kilometer Regallängen

Insgesamt befinden sich im Tiefspeicher und den Bibliothekdepots rund 32 Kilometer Regallängen, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen der Wienbibliothek im Rathaus, liebevoll gehegt und gepflegt werden. Mit den Büchern und Beständen aneinander gereiht, könnte man sechs Mal den Ring umrunden.

Spannendes gibt es also nicht nur im Wiener Rathaus, sondern auch darunter.