Strom ist im Umspannwerk allgegenwärtig. © PID/Christian Fürthner

Der "spannendste" Ort in Wien

Unter Starkstrom: Auf einem recht unscheinbaren Gelände in Floridsdorf werden tagtäglich Hunderttausende Volt an elektrischer Spannung bewegt. Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt das Umspannwerk Wien-Nord.



Man sieht ihn nicht. Man hört ihn nicht. Man spürt auch nicht, dass er da ist. Und doch ist elektrischer Strom in Wien allgegenwärtig. Deutlich sichtbar sind bloß die Leitungen und Transformatoren, die Elektrizität in beinahe jeden Winkel der Stadt befördern.

Wenn Sie sich in der Früh die Haare föhnen oder mit der Bim zur Arbeit fahren, steht dahinter ein ausgeklügeltes und perfekt funktionierendes Stromnetz. Mitten in Floridsdorf, in der Jedleseer Straße, gibt es eine Anlage, die einen gewichtigen Beitrag dazu leistet. Das Umspannwerk Wien-Nord ist eines von 45 seiner Art im Stadtgebiet und wird von den Wiener Netzen betrieben. Betreten des Geländes ist hier streng verboten, doch unter den wachsamen Augen der Mitarbeiter durften wir das Werk besuchen.

Das Büro ist noch bis September in Betrieb, dann zieht man in eine neue und topmoderne Zentrale. © PID/Christian Fürthner

Technologie im Wandel der Zeit

Von außen sieht die Anlage aus wie so viele andere auch. Ein hoher Zaun, Leistungstransformatoren, ein durchschnittliches Bürogebäude und ein paar Hallen. Niemand würde je vermuten, dass hier etwas Außergewöhnliches vor sich geht. Dieser Eindruck setzt sich im Bürogebäude zunächst fort. Dies ist die Eintrittspforte in das Umspannwerk. Hier haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dank Computerüberwachung alles im Blick. Besetzt ist die Zentrale rund um die Uhr. Der Hauptraum im zweiten Stock scheint für die vorhandenen Computer etwas überdimensioniert. Das ist aber nur der immer kleiner werdenden Technologie geschuldet. Einst waren alle Wände mit Schaltern und Knöpfen übersät, um die Anlage zu kontrollieren. Heute reichen ein paar Bildschirme. Doch auch diese sind ein Auslaufmodell. Im September siedelt die Überwachung in den Bürokomplex "Smart Campus" auf dem Gelände der Wiener Netze. Dort entsteht das "Nervenzentrum" für den gesamten Energiefluss Wiens.

Im Innenhof dominieren Transformatoren das Bild. © PID/Christian Fürthner

Feld aus Transformatoren

Ein Blick aus dem Fenster offenbart dann aber, warum das Werk hier speziell ist. Die Transformatoren im Außenbereich der Anlage spannen sich quer durch den Innenhof. Ein Spaziergang zwischen diesen entpuppt sich als durchaus nervenaufreibend. Ein Mitarbeiter warnt uns davor, die Hände in die Luft zu strecken, da es weiter oben durchaus zu Stromschlägen kommen kann. Natürlich nimmt uns der Mann nur ein bisschen auf den Arm. Die Anlage ist mehr als sicher. Dass man dennoch tief in die Knie gesunken weiterspaziert, scheint aber vernünftig. Solche Freiluftanlagen dominierten früher die Umspannwerke, erzählen die Mitarbeiter. Sie sind auch heute noch beliebt, werden aber im städtischen Bereich zunehmend durch platzsparendere Anlagen ersetzt. Das bringt die Frage auf, was so ein Umspannwerk eigentlich macht.

Knapp gesagt: Es wandelt Spannung um. Hier im Umspannwerk Nord "mündet" die 400 kV-Nordeinspeisung, das größte Kabelprojekt der Geschichte Wiens. 14,3 Kilometer lange Kabel bringen den Strom von Bisamberg nach Floridsdorf. Und der hat es in sich. 400 Kilovolt, also 400.000 Volt, sind natürlich nicht für die Endkundin und den Endkunden gedacht. Würde ihr Föhn mit 400 kV versorgt, dann wäre eine schlecht geföhnte Dauerwelle wohl das kleinste ihrer Probleme. Um sich der Spannung für Haushaltsgeräte zu nähern, nutzt das Werk mehrere Anlagen, um von diesen 400 kV in Etappen auf 110 oder 10 kV umzuspannen.

Die 400-kV-Anlage ist ein stattlicher Anblick. © PID/Christian Fürthner

Modernste Technik im Einsatz

So spannend die Außentransformatoren auch sind, die eigentliche Magie spielt sich woanders ab. Direkt im Hof befindet sich eine separate Halle, in der sich das Bild wandelt. Das erste Gefühl, das man beim Betreten hat, ist ein seltsames Gefühl der Leere. Das liegt daran, dass hier nur eine einzige riesige Maschine ist. Alles darum herum ist leer. Keine Regale, keine Tische, keine Plakate, nichts. Die Maschine selbst ist ein gigantischer Block von Rohren und Leitungen und undefinierbarer Struktur. Außerdem ist sie absolut totenstill. Sogar wenn man sie berührt, spürt man nichts. Die Umgebung gibt der Maschine fast etwas Mystisches, wie ein Altar in einem Tempel. Man möchte fast glauben, sie ist ausgeschaltet. Doch diese 400-kV-Schaltanlage ist nicht nur in Betrieb, sie leistet Unglaubliches. Hier werden 400.000 Volt verteilt.

Feuchtigkeit aus der Luft färbt das Kieselgel. © PID/Christian Fürthner

Aus 400 kV werden 110 kV

In der Maschine befinden sich Leiter und Schaltgeräte, wie sie auch klassische Außenanlagen haben. Hier kann das Ganze aber innen funktionieren, da der Prozess völlig gasisoliert abläuft. Die Anlage ist mit Schwefelhexafluorid, kurz SF6, gefüllt. Der Vorteil ist schnell erklärt: Dermaßen starke Leiter, wie sie diese Anlage braucht, können nicht nahe aneinander platziert werden, da sonst Elektrizität übergreift. Darum sind Freiluftanlagen auch so groß. Will man Platz sparen und die Leiter näher aneinander platzieren, dann braucht man etwas zwischen ihnen, das als Isolierung dient. Gar nicht so leicht bei 400.000 Volt. Das SF6-Gas kann das aber bewerkstelligen. Sein hohes Isolationspotenzial ermöglicht einen geringeren Leiterabstand. Man spart Platz und braucht keine großflächigen Felder mehr, sondern nur eine kompakte Anlage. Die Schaltanlage funktioniert im Wesentlichen wie eine riesige Verteilersteckdose. Sie wird mit 400.000 Volt beliefert und verteilt das Ganze weiter auf den Transformator, wo die Spannung auf 110.000 Volt reduziert wird.

Der Transformator befindet sich in einem Nebenraum und ist im Wesentlichen ein gigantischer Block. Die Funktionsweise ist ähnlich wie bei allen anderen seiner Art, der Maßstab ist jedoch gigantisch. Von dieser Sorte gibt es nur vier in ganz Wien. Auffallend in dem Raum sind zwei kleine Behälter voll Kieselgelbällchen. Diese speichern Feuchtigkeit, die sie aus der Luft aufnehmen, damit der Transformator trocken bleibt. Sind die Bällchen orange, sind sie trocken, sind sie farblos, muss man sie auswechseln, da sie vollgesaugt sind.

Solche Kabel finden sich im Wiener Untergrund. © PID/Christian Fürthner

Tief unter den Wiener Straßen

Zurück in der Halle stellt man fest, dass sie doch nicht ganz leer ist. Ein Querschnittsmodell unserer Straßen schmückt die Rückseite. Hier sieht man, wie die diversen Schichten aussehen und schlussendlich, in rund zwei Meter Tiefe, sieht man auch einen Querschnitt eines Kabels. Diese Kabel leiten den Strom durch die Stadt, und der hat es ganz schön in sich. Trotz diverser Sicherheitsvorkehrungen, die Bagger davon abhalten, so tief zu graben, biss einmal eine Baggerschaufel in so ein Kabel. Verletzt wurde niemand, die Schaufel schmolz jedoch zu rund 70 Prozent. Ganz unten im Keller gibt es dann noch die Stelle, an der das Kabel im Umspannwerk andockt. Auch hier gibt es einen riesigen Raum, der nahezu leer ist. Grund ist, dass man Platz für zusätzliche Installationen eingeplant hat. Einen Raum weiter steht ein enormer Wassertank, der ausschließlich für eventuelle Notfälle zur Brandlöschung bereitsteht.

So sieht die 110-kV-Anlage von oben aus. © PID/Christian Fürthner

Smarte Anlagen überall

Zurück im Außenbereich angekommen, findet man drei weitere Transformatoren. Diese sind an die 110-kV-Schaltanlage gekoppelt. Ihre Aufgabe ist es, die elektrische Spannung nochmals auf 10 kV zu reduzieren. Diese Spannung ist für eine Haushaltssteckdose noch immer ungeeignet und damit auch für ihren Föhn. Die 110-kV-Anlage ist eine kleinere Version der 400-kV-Anlage und befindet sich unter den Büroräumlichkeiten. Abgesehen von den Dimensionen sind die Unterschiede minimal. Die Maschinen funktionieren selbsttätig und sind mit einem Abschaltmechanismus gesichert.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wiener Netze haben im Büro alles im Auge, darum sind die Gänge zumeist menschenleer und haben eine sehr spezielle Aura. Ob Kabelraum oder Batterieraum, man ist ganz alleine, aber fühlt sich irgendwie beobachtet. Ständig überlegt man, ob man die hohe Spannung spüren kann oder nicht. Vermutlich ist es nur Einbildung, doch alleine der Gedanke an die Millionen Ampere lässt einen nicht los.

Die 10-kV-Schaltanlage ist die letzte Station im Umspannwerk Wien-Nord. © PID/Christian Fürthner

Finger weg vom Kupfer

Das Ende der Leistungskette im Umspannwerk ist die 10-kV-Anlage. Hier sieht man eigentlich nur Kabel. Sie ist im krassen Gegensatz zum Rest der Anlage in einem niedrigen und schmalen Raum untergebracht, der mit Kabeln übersät ist. Alle sind schwarz ummantelt und alle werden mit Kupfer zusammengehalten. Aufgrund seiner hohen Leitfähigkeit ist Kupfer bei vielen Elektroinstallationen im Einsatz und leider auch ein begehrtes Diebesgut. Dass man besser die Finger davon lässt, zeigen zahlreiche Unfälle, die mit bösen Verletzungen oder gar tödlichem Ausgang endeten.

Das Umspannwerk Nord hat in der 10-kV-Anlage seinen Job erledigt. Doch das ist immer noch zu stark für eine angenehme Föhnwelle. Der Strom ist hier auch noch nicht ganz am Ziel. In der Trafostation die Ihr Haus oder Ihre Wohnung bedient, wird der Strom erst endverbrauchertauglich gemacht. Der Föhn brummt, die Haare trocknen und das Umspannwerk hat seinen Dienst einmal mehr geleistet.

Video: Umspannwerk Nord

Vorteilspartner CLUB WIEN

Segelschule Hofbauer

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung auf Segel- und Surfkurse bei der Segelschule Hofbauer!

Erfahren Sie mehr 29620

natural HIGH Zentrum

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten Ermäßigung auf alle Yoga 10er Blöcke im Yoga & Ayurveda Zentrum natural HIGH!

Erfahren Sie mehr 29624

Kabarett Brennesseln

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung bei den "Brennnesseln".

Erfahren Sie mehr 31193

Gloria Theater

CLUB WIEN-Mitglieder erhalten 10 Prozent Ermäßigung im Gloria Theater!

Alle Vorteilspartner