Strudlhofstiege im neunten Wiener Gemeindebezirk. © PID / Fürthner

"Viel ist hingesunken uns zur Trauer ...

... und das Schöne zeigt die kleinste Dauer." Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt die Strudlhofstiege: Romanschauplatz und eindrucksvolle Architektur.

Gleich vorab gesagt, auch wenn Wien bekannt ist für seine Strudeltradition, die Strudlhofstiege hat nichts mit dem Apfel- oder Topfenstrudel zu tun. Ebenso wenig hieß ihr Erbauer Strudl. Der Name stammt auch nicht aus dem 1951 erschienenen, weltbekannten Roman von Heimito von Doderer "Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre". Zweifelsohne hat aber dieser Roman zur Popularität der Stiege beigetragen. Zahlreiche Touristinnen und Touristen haben sie als literarisches Denkmal auf ihrem Wiener Sightseeing-Plan. Einst von reinem Nutzwert ist der Stiegenkomplex heute vielmehr ein literarisches Denkmal und ein bedeutendes Bauwerk des Wiener Jugendstils. 

Das Original mit Fischkopf

"Die Anlage ist großteils aus dem typischen hellen Mannersdorfer Kalkstein gefertigt. Für die Brunnen kamen auch andere Kalkarten aus verschiedenen k. u. k Ländern zum Einsatz", erklärt Joachim Hirsch vom Wiener Brückenbau und Grundbau (MA 29). Er war 2008, 2009 bei der Restaurierung Projektleiter. In architektonischer Hinsicht ist die Anlage wegen ihres offenen Charakters bemerkenswert. So ist sie sogar für Freiluftveranstaltungen nutzbar. Mittels dreier Rampen und 58 Stufen hilft die Stiegenanlage, einen Höhenunterschied von rund elf Metern zu überwinden, wo ehemals eine Gstettn war. Die Beleuchtung der Stiegenanlage besteht aus sieben Masten mit insgesamt 16 Lichtpunkten.

Die Strudlhofstiege wurde in den 1960er- und 1980er-Jahren teilweise restauriert. "Dabei wurde weniger auf Originaltreue geachtet. Bei der Generalsanierung 2008, 2009 war unsere erste Aufgabe, aus historischen Fotos, Büchern und Plänen herauszufinden, wie die Stiege original ausgesehen hatte", so Hirsch. Um rund 1,5 Millionen Euro wurden Treppenläufe, Stiegenwangen und Bodenbeläge instand gesetzt. Die Kugelleuchten wurden wie im Original durch stilvolle Hängeleuchten, "Maiglöckchenleuchten", ersetzt. "Neben den Hängeleuchten war es uns wichtig, die Brunnen originalgetreu zu rekonstruieren. In Handarbeit wurden der Fischkopf und das Hintergrundmosaik aus Donaukies nachgebaut."

Mehrmals pro Jahr prüft die MA 29 die Anlage und führt kleine Ausbesserungen durch. "Auch die Strudlhofstiege bleibt leider nicht von Graffitis verschont“, sagt Hirsch. Die Wartung der Pumpen erfolgt über einen kleinen Hohlraum im mittleren Podest. Zur Enttäuschung der stadtUNbekannt-Fans gibt es keinen Bunker, keine begehbaren Hohlräume oder Ähnliches unter der Stiegenanlage. Sie ist ebenerdig gebaut.

Vom Strudel zum Strudl

Der Namensgeber der Strudlhofstiege war Peter von Strudel, kaiserlicher Hof- und Kammermaler, gestorben 1714 in Wien. „Typisch für Wien ging im Laufe der Jahre zur akustischen Vereinfachung das E im Namen Strudel verloren", so Joachim Hirsch, der sich im Zuge des Restaurierungsprojektes eingehend mit der Anlage beschäftigte. Strudel wurde zum Strudl. Peter von Strudl kaufte ein Grundstück in der damaligen Vorstadt und errichtete dort 1690 das Palais Strudlhof. Am selben Ort, in der Strudlhofgasse 10, befindet sich auch heute noch ein Palais, wobei es sich um einen Neubau aus dem Jahr 1873 handelt. "Der alte Bau diente kurz vor Strudls Tod als Pesthaus. Historisch bedeutsam ist aber auch der Neubau. 1914 wurde im Palais Strudlhof das Ultimatum an Serbien unterzeichnet, welches schließlich im Ersten Weltkrieg endete", erzählt Hirsch.

1907 erteilte Bürgermeister Dr. Karl Lueger den Auftrag, die Lichtensteinstraße und die Strudlhofgasse durch eine Stiegenanlage zu verbinden. Am 29. November 1910 fand die feierliche Eröffnung statt. "Den Entwurf dafür lieferte der eher unbekannte Theodor Johann Jaeger vom Wiener Stadtbauamt", sagt Hirsch. Aber wie zuvor das Palais und die damalige Sackgasse wurde auch die Stiege nach dem längst verstorbenen Peter von Strudl benannt.

"Überdauert Jahre zwischen Kriegen …"

… ist eine Zeile aus einem Gedicht von Heimito von Doderer, welches seit der Stiegenrenovierung 1962 auf einer Tafel neben dem größeren Brunnen zu lesen ist. Gewidmet ist es nicht Peter von Strudl, sondern dem Erbauer der Stiege, Johann Jaeger. Der Roman ist 1951 erschienen und hat nachhaltig das Bild Österreichs und seiner Hauptstadt geprägt. Er spielt in der bürgerlichen Welt im Wien der 1920er-Jahre mit Rückblenden auf die Jahre 1910, 1911. Die Personen leben in einer sich verändernden Welt, wo einerseits Fortschritt den Alltag prägt, andererseits die Kriegstraumen noch nicht bewältigt sind.

Der Handlungsstrang des 900 Seiten langen Romans ist schnell erzählt: Mary K. und Melzer hätten 1910 ein Paar werden können. Er bekam von ihr einen Korb und sieht sie am Ende des Romans wieder. Der verstorbene Literaturwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler dazu: "Melzers Trennung von Mary und die Wiederbegegnung mit ihr […], das sind die beiden Pfeiler, die die riskante Brückenkonstruktion des Romans zu tragen haben. Melzer selbst fungiert als Bindeglied der verschiedenen Gesellschaftsschichten." Die Stiege bildet ein Bindeglied und einen immer wieder auftauchenden Ort in der verschachtelten Handlung des Romans.