Gartenanlage vor dem Schloss Neugebäude
Ein moderner Park erinnert an die Gartenanlagen von einst. © PID/Christian Jobst

stadtUNbekannt: Schloss Neugebäude in Simmering

Die Serie stadtUNbekannt besucht das ungewöhnliche Schloss Neugebäude in Simmering.

In Simmering steht eine Scheune, die ist über hundert Meter lang und drei Stockwerke hoch. Wie ein Schlauch aus Stein liegt sie zwischen Zentralfriedhof und Hafen Freudenau. Bloß, die Scheune ist gar keine, das lässt sie nur vermuten. Sie ist ein Schloss, erbaut vor über 400 Jahren, komplett mit Lustgarten und Wassergrotte, mit Kunstkammer und Löwengehege. Vom einstigen Pomp ist auf den ersten Blick nicht viel geblieben. Was ist passiert? Nun, es wurde geheiratet.

Spaziersal mit Holzdecke und -trägern im Schloss Neugebäude
Spaziersäle sollten zum Verweilen einladen. Ursprünglich war die linke Seite zum Garten hin offen und von Säulen gesäumt. © PID/Christian Jobst

Kaiser Maximilians "Baustelle"

Die Geschichte des Schlosses beginnt beim römisch-deutschen Kaiser Maximilian II., der gegen 1570 eine - heute würde es wohl heißen – "Freizeitanlage" in Auftrag gibt. Es sollte kein Schloss zum Wohnen, sondern ein schöner Platz für die warmen Sommertage werden. Küche, Schlafzimmer, Einrichtungen für die Hauswirtschaft, das alles sollte es nicht geben. Dafür Spaziersäle zum Philosophieren, zur Nordseite hin offen und durchflutet vom Sonnenlicht. Ein Stockwerk tiefer Antiquarien, Kunstkammern mit Nischen und Platz für Skulpturen. Von beiden Seiten sollte das Schloss von Gärten voll Blüten in allerlei Farben, im Ohr das Plätschern von Zierbrunnen, umfasst sein.

Nische in einer Saalecke im Schloss Neugebäude
Die Nischen in den Saalecken sollten die Akustik im Raum verbessern. Hier wurden unter anderem Gedichte vorgetragen. © PID/Christian Jobst

Jenseits dieser Kunstlandschaft sollte der Blick in die ungezähmte Natur schweifen, auf den heutigen Prater, einst Jagdgründe des Adels. Staatsempfänge sollten hier gehalten, Gesellschaften gefeiert und der Humanismus in Gesprächen gepflegt werden. Aber Maximilian starb, bevor die Anlage fertig wurde. Und so bekam das Schloss nicht einmal einen Namen. Denn "Neugebäude" hieß in der damaligen Sprache bloß "Baustelle".

Wandschmuck im Schloss Neugebäude
Ein Bukranion, Wandschmuck im antiken Stil, ist im Neugebäude erhalten. Die anderen befinden sich in der Gloriette in Schönbrunn. © PID/Christian Jobst

Hochzeitsglocken und Kanonendonner

Mit dem Tod Maximilians starb auch das Interesse an der Anlage. Der Bau, ganz im Stil des Manierismus, galt plötzlich als unmodern und nicht mehr schick. Das Barock hatte Einzug ins Leben der Noblesse gehalten. Jahrhunderte verstrichen, in denen das Neugebäude im Dornröschenschlaf lag, bis 1736 die Kirchenglocken tönten: Maria Theresia heiratete ihren Franz Stephan. Und weil der Vater Kaiser Karl VI. seiner Tochter ein würdiges Geschenk bereiten wollte, schenkte er ihr Schönbrunn.

Neugebäude wurde daraufhin zum Abhol-Baumarkt der Habsburger: Die Säulen des Spaziersaals wurden entfernt und für den Bau der Gloriette benutzt, ganze Zierbrunnen wanderten ins heutige Hietzing. Bukranien, Verzierungen im antiken Stil und in der Form von Stierköpfen, machten sich ebenfalls hübscher an den Wänden der Gloriette als im Neugebäude. Ein guter Teil des Simmeringer Schlosses steht heute im Westen Wiens.

Dann übergab Maria Theresia das Neugebäude dem Militär, das es lange Zeit als Pulverlager nutzte. Die Außenmauern wurden verschlossen, ein neues Dach aufgesetzt und die Innenräume mit Zwischendecken aus Holz versehen.

Auch im 20. Jahrhundert wurde das Areal für Kriegszwecke gebraucht: Im Zweiten Weltkrieg schufteten Zwangsarbeiter aus dem KZ Mauthausen im Neugebäude. Hier wurden Panzermotoren gefertigt.

Grotte im Schloss Neugebäude
Die Grotte war bunt verziert. Dafür wurden eigens Muscheln aus Spanien bestellt. © PID/Christian Jobst

Das Neugebäude heute

Heute gehört das Neugebäude der Gemeinde Wien. Um die Jahrtausendwende begann die Revitalisierung, seit 2002 sind Besucherinnen und Besucher zugelassen: Wienerinnen und Wiener erfreuen sich seitdem an der Kultur im Schloss. Das Spektrum reicht vom Sommerkino unter freiem Himmel bis zum Kunsthandwerksmarkt im Advent. Eine astronomische Gesellschaft trifft sich zum "Sternderlschauen", Kabarettprogramme zielen auf den Humor.

Auch Führungen werden geboten: Schloss Neugebäude ist eine der größten Residenzen des Manierismus in Mitteleuropa. Auch wenn die Fassade nicht mehr von Säulen gesäumt ist wie vor 400 Jahren und auf dem einstigen oberen Garten heute der Urnenfriedhof steht, gibt es Höhepunkte genug. Zum Teil unter der Erde: Die Wassergrotte im Schloss war wohl einst geflutet, in kleinen Booten sollte der Kaiser auf Lustfahrten im Souterrain paddeln.

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