Das Ronacher ist weit über die Stadtgrenzen hinaus als Musical-Institution bekannt. Diese Saison spielt man „Tanz der Vampire“. © PID/Markus Wache

stadtUNbekannt im Ronacher: So bringt man Vampire zum Tanzen

Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt eine Institution des Wiener Theaters: Das Ronacher ist Musical-Fans auf der ganzen Welt ein Begriff. Ein Besuch der "Tanz der Vampire"-Produktion zeigt, dass sich auch hinter den Kulissen Spannendes abspielt.

Das Musical "Tanz der Vampire" feierte vor 20 Jahren in Wien Weltpremiere. Anlässlich des Jubiläums kehrt das Kultmusical an seinen Ursprungsort zurück. Das Stück erzählt die Geschichte von Professor Abronsius und seinem Assistenten Alfred. Sie suchen in einer abgelegenen Landschaft nach Beweisen für den Vampirismus. Auf Vampirjagd begeben sie sich in das Reich des Grafen von Krolock, um die schöne Sarah zu befreien. Neben seinen Rockballaden und Tanzszenen ist das Stück auch für seine aufwendigen Kulissen und ebensolches Make-up bekannt. Eine der berühmtesten Szenen ist etwa jene, in der Gräber auf die Bühne herabgelassen werden und wie aus dem Nichts Darstellerinnen und Darsteller aus diesen emporklettern. stadtUnbekannt lüftet das Geheimnis dieser Szene und erforscht das Bühnenbild des Stücks, besucht die Kolleginnen und Kollegen in der Maske und spricht mit dem Abendspielleiter.

So sieht der Saal des Ronachers aus Sicht der DarstellerInnen aus. Insgesamt hat das Haus rund 1.000 Sitzplätze. © PID/Markus Wache

Ein Star des Musicals ist das Theater selbst. Das Ronacher ist neben dem Raimund Theater Wiens erste Adresse für das Genre. Jede Woche finden hier täglich außer montags Vorstellungen statt. Das Ronacher hat rund 1.000 Sitzplätze. Die Besucherinnen und Besucher sind ganz nah an der zwölf Meter breiten Bühne, getrennt nur vom Orchestergraben, in dem 60 Musikerinnen und Musiker Platz haben. Die Orchesterbesetzung und -größe variiert je nach Produktion.

Das 1872 als Wiener Stadttheater eröffnete Ronacher sollte damals als bürgerliches Theater den kaiserlichen Hoftheatern Konkurrenz machen. 1884 machte ein verheerendes Feuer das Theater zu einer Brandruine, ehe Anton Ronacher es als Varietétheater wiederbelebte. Jahrzehntelang dominierten Kraftmenschen, Akrobatinnen und Akrobaten oder Illusionistinnen und Illusionisten die Bühne. Das Musical hielt erst 1987 Einzug, damals übernahm das Haus den Welterfolg "Cats". Nach einer umfassenden Renovierung zwischen 2005 und 2008 ist das Ronacher heute das Musicalhaus in Wien und auch Ziel vieler Touristinnen und Touristen.

Das Gasthaus wiegt rund vier Tonnen und wird während des Stücks von bis zu acht Personen bewegt. © PID/Markus Wache

Auf der Bühne des Ronachers zu Hause ist der Leiter der Bühnentechnik, Erich Hull. Momentan steht hier ein riesiges Gasthaus, in dem sich Alfred und der Professor zu Beginn des Stücks aufhalten. Zentrale Elemente der Bühne sind die Drehscheibe mit zwölf Metern Durchmesser und das überschneidende Hubpodium. Das ist ein kleiner Scheibenabschnitt, der gedreht und abgesenkt wird, mit ebenfalls zwölf Metern Breite. So unglaublich es auch scheinen mag, später wird es das vier Tonnen schwere Haus in den Keller verschwinden lassen. Ganze elf Meter fährt das Haus nach unten. Während der Vorstellung sind zwölf Bühnentechniker im Einsatz, die fast alle Dekorationsteile und Requisiten, von kleinen Knoblauchknollen bis zu großen Särgen, händisch bewegen. So auch das Gasthaus. Auf zwei Schienen wird es von sechs bis acht Personen nach vorne geschoben, bis es genau an der richtigen Stelle steht. Dann gleitet es nach unten, wo später ein riesiges "Tanz der Vampire"-Logo nach oben steigt. Das Haus sieht übrigens täuschend echt aus. Tatsächlich ist es kein Holzhaus, sondern eine verkleidete Metallkonstruktion, die teilweise aus Holz und teilweise aus Polyesterteilen besteht.

Der bühnentechnische Ablauf der Produktion ist mindestens so exakt durchchoreografiert wie die Tanzszenen des Stücks. Alles muss stets zentimetergenau an der richtigen Stelle sein. "Ich gebe ein Beispiel", sagt Hull. "Wenn wir das Haus nach vorne schieben, fährt zeitgleich ein Teil vom Schnürboden runter. Die beiden Teile dürfen sich nie berühren, das Timing muss also auf die Sekunde passen." Der Schnürboden ist die 21 Meter hohe Zwischendecke direkt über der Bühne. Mit Laststangen und Seilwinden werden Vorhänge, Dekorationen und ganze Kulissen auf die Bühne gesenkt und danach wieder emporgehoben, darunter mehrere Brücken, Säulen und Holzwände.

Erich Hull kennt die Bühne wie seine Westentasche. Er ist auch mit allen Requisiten, von Statuen über Särge bis hin zu den einzelnen Knoblauchknollen, im Detail vertraut. © PID/Markus Wache

Insgesamt befinden sich im Schnürboden bei "Tanz der Vampire" 46 Einzelteile. Ein Beispiel ist die Ahninnen- und Ahnengalerie, ein zentraler Bestandteil des Stücks. Das ist eine achteinhalb Meter hohe Holzwand mit acht Ausschnitten, die wie Bilderrahmen aussehen. Während der Show stehen dahinter Darstellerinnen und Darsteller, die beleuchtet werden und die Ahninnen und Ahnen darstellen. Würde die beim Hochfahren an einem anderen Teil hängen bleiben, wäre das verheerend. Darum gibt es auf der Bühne eine Vielzahl an Markierungen. "Während der Show ist es auf der Bühne stockdunkel. Darum arbeiten wir unter anderem mit fluoreszierenden Klebebändern auf dem Boden. So weiß man immer, wo die Positionen sind", sagt Hull.

Hull klärt auch noch eines der großen Geheimnisse des Stücks für uns auf: die Grabwand. "Immer fragen mich die Leute: Werden die Darstellerinnen und Darsteller mit der Wand herabgelassen?" So funktioniert es wirklich: Die Grabwand ist das schwerste der Schnürbodenteile und wiegt 1.600 Kilogramm. Der Name rührt daher, dass auf ihr 16 Gräber zu sehen sind, die den Bühnenbereich in einen Friedhof verwandeln. Die Wand wird bis knapp über den Bühnenboden herabgelassen, dann schieben die Bühnentechniker sie ein Stück nach vorne, damit sich die gesamte Wand als Friedhof auf die Bühne legen kann. Ist der Umbau fertig, schlüpfen auch die Darstellerinnen und Darsteller unter die Wand und kommen auch schon aus den Gräbern hervor und sorgen für Erstaunen im Publikum.

Gabi Nussbaumer leitet die Maske im Ronacher. Sie sorgt unter anderem dafür, dass die 69 Perücken immer bestens in Schuss sind. © PID/Markus Wache

Nicht weniger wichtig als die Transformation des Bühnenbilds ist die Transformation der Darstellerinnen und Darsteller vor der Aufführung. Im Make-up-Bereich des Ronachers herrscht vier Stunden vor der Aufführung reger Betrieb. Das Team bereitet Schminke und Perücken vor und sorgt dafür, dass alles bereit ist, wenn die Darstellerinnen und Darsteller eintreffen. "Unsere wichtigste Aufgabe ist sicherzustellen, dass die Qualität des Stücks jeden Abend genauso hoch ist wie bei der Premiere", sagt Gabi Nussbaumer, Leiterin der Maske im Ronacher. "'Tanz der Vampire' ist ein sehr schönes Stück, weil es sehr 'maskenlastig' ist."

Eine der aufwendigsten Masken ist jene von Koukol, Krolocks buckligem Diener. "Der Darsteller hat unter anderem fünf Silikonteile im Gesicht kleben. Aber auch der Darsteller des Grafen von Krolock ist sehr interessant, da werden sogar die Hände geschminkt und künstliche Fingernägel angebracht. Der Professor wiederum wird 'alt' geschminkt. Wir verwandeln einen jungen Mann in einen 75-Jährigen. Die faltige Haut zeichnen wir mit Hell-dunkel-Effekten auf das Gesicht." Die Maske ist auch dafür verantwortlich, die Mikrofone festzumachen. Einzige Ausnahme bei der Schminkarbeit ist das Ensemble, das sich selbst schminkt.

Kein Vampir ohne Beißer: Die Zähne wurden für alle DarstellerInnen individuell in einer Zahnklinik gestaltet. © PID/Markus Wache

Jeden Abend sind sieben Personen im Einsatz. "Jede Kollegin absolviert für die Vorstellung einen Siebeneinhalb-Stunden-Arbeitstag", sagt Nussbaumer. Die aufwendigen Masken brauchen jeweils eine gute Stunde. Nussbaumer war bei der historischen Uraufführung vor 20 Jahren schon dabei und kennt jede Rolle in- und auswendig. Jeden Abend spielen 69 Perücken im Stück mit. Inklusive der Zweitbesetzungen sind 121 Perücken vorhanden. Dazu gesellt sich eine Vielzahl an Bärten, Umhängebärten, Koteletten oder Augenbrauen. "80 Prozent unserer Perücken sind Echthaar, zehn Prozent Büffelhaar und der Rest besteht aus Kunsthaaren."

Die Vampirzähne spielen natürlich auch eine große Rolle bei "Tanz der Vampire". Die wurden in einer Zahnklinik hergestellt. "Da war ich auch kürzlich in Behandlung, das war sehr praktisch, weil ich sie dann immer gleich mitnehmen konnte", sagt Nussbaumer. Jede Darstellerin und jeder Darsteller hat zwei Paar. Wenn eines kaputt wird, wird es ausgetauscht.

Die Probebühne ist der Ort an dem das Ensemble seine Szenen einstudiert. Abendspielleiter Fritz Schmid gibt dabei den Takt an. © PID/Markus Wache

Vier Stockwerke darüber, fernab vom regen Treiben nahe der Bühne, gibt es einen Raum, der direkt aus dem Musical stammen könnte. Die sogenannte Probebühne erinnert an ein Tanzstudio. Eine Seite ist mit Spiegeln verkleidet. Dient das eventuell dazu, echte Vampire im Ensemble zu entlarven, so wie die Menschen in der berühmten Spiegelszene des Musicals entlarvt werden? In der Szene tanzen die Vampire in ihrem Ballsaal, die Menschen spiegeln sich im Gegensatz zu den Blutsaugern im großen Spiegel wieder und so beginnen eine Verfolgungsjagd und das große Finale des Musicals. Auf der Bühne wird das dargestellt indem Darstellerinnen und Darsteller die Bewegungen der Hauptcharaktere am anderen Ende der Bühne synchron wiedergeben und so deren 'Spiegelbilder' werden. Abendspielleiter Fritz Schmid gibt Entwarnung: Die Spiegel dienen tatsächlich nur dazu, zu proben. Doch das ist eine große Aufgabe. Schließlich ist jede Rolle mehrfach besetzt und auch die Zweit- und Drittbesetzungen müssen jede Bewegung und jeden Ablauf einstudieren. Hier gibt es auch eine Imitation der Drehscheibe auf der Bühne, um die Positionierung auf eben dieser während des Stücks einzustudieren.

Als Abendspielleiter hat Schmid eine verantwortungsvolle und abwechslungsreiche Position. Während der Probenphase ist er stets an der Seite des Regisseurs und hält den Probeprozess in Schwung indem er sich um die gesamte Organisation kümmert. Außerdem muss er selbst die jeweilige Show erlernen. Ab der Premiere ist Schmid der Mann, der an Ort und Stelle bleibt, während das kreative Team, etwa der Regisseur, das die Show entworfen hat meist zu neuen Aufgaben weiterreist. "Meine Aufgabe ist es dann dafür zu sorgen, dass die Show die Qualität aufrecht erhält und visionsgetreu abläuft und zwar jeden Tag aufs Neue", sagt Schmid. "Ich bin auch dafür zuständig die Zweitbesetzungsproben zu leiten und zu koordinieren. Da braucht es szenische, musikalische und choreografische Proben, Kostümproben und mehr." Auch Änderungen im Ablauf sind sein Metier. Sollte es Überlegungen geben, kleinere Dinge zu adaptieren, steht Schmid in Kontakt mit der künstlerischen Leitung.

Rein theoretisch müsste der Abendspielleiter auch in der Lage sein, im Stück mitzuspielen. Natürlich nur, falls überraschenderweise alle Optionen ausfallen. Das passiert in der Praxis nicht, Fritz Schmid wäre allerdings bestens qualifiziert, diese Aufgabe zu erfüllen. Er spielte vor fast 20 Jahren die Rolle des "Alfred" bei "Tanz der Vampire" in Stuttgart.

Kurz vor der Vorstellung sind alle Requisiten an Ort und Stelle, das Make-up ist fertig und das Ronacher ist einmal mehr bereit für seinen großen Auftritt. © PID/Markus Wache

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