Die Piatnik-Schnapskarten findet man in sehr vielen österreichischen Haushalten und sie sind ein echtes Kulturgut. CLUB WIEN besuchte den Ort, an dem sie hergestellt werden. © PID/Bohmann

 

stadtUNbekannt: Wiens traditionsreiche Spiele-Schmiede

Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt die Hochburg der Wiener Spielewelt. Mitten in Penzing produziert das Traditionsunternehmen Piatnik Spiele, die Millionen Menschen weltweit Freude bringen. Wir schauen hinter die Kulissen der Spiele-Schmiede.

Vom Schnapsen in der Schule bis zur Partie Tipp-Kick mit dem Opa: Viele Österreicherinnen und Österreicher sind seit der Kindheit mit den Produkten von Piatnik vertraut. Zahllose Erinnerungen sind mit den Spielkarten und Brettspielen verbunden. Der Ort, an dem die meisten davon ihren Ursprung haben, befindet sich mitten in Wien, in der Hütteldorfer Straße in Penzing.

Von außen würde niemand vermuten, dass in diesem unscheinbaren Gebäude Spiele für Millionen von Menschen erdacht und erzeugt werden, und das seit Jahrzehnten. Gäbe es nicht ein kleines Schild mit dem Piatnik-Logo, sähe das Haus aus wie jedes andere. Hinter dieser unscheinbaren Fassade befindet sich Wiens größte Spielefabrik. Einhundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten hier, Hauptaufgabe im Haus ist das Finden und Entwickeln neuer Spielideen sowie die anschließende Produktion, bestehend aus dem Druck, dem Schneiden und Konfektionieren von Karten- und Brettspielen.

 

Geschichte eines Traditionsunternehmens

Der Standort in Penzing hat Tradition: Seit 1891 ist Piatnik hier zu Hause. Davor war die Firma 67 Jahre im 7. Bezirk in der Kaiserstraße angesiedelt. Insgesamt blickt das Wiener Traditionsunternehmen auf fast 200 Jahre Geschichte in Wien zurück. Piatnik will auch weiter in Wien produzieren. Denn Wien ist als Metropole im Herzen Europas nicht nur ein logistisch erstklassiger Standort. Es ist auch eine Herzensangelegenheit. „Wir sind gerne in Wien. Meine Vorfahren, die das Unternehmen begründet haben, stammten auch aus Wien. Insofern ist uns das schon sehr wichtig“, sagt Geschäftsführer Dieter Strehl.

Das Musterzimmer im ersten Stock ist so etwas wie die Ruhmeshalle des Unternehmens. Die Wände sind mit zahllosen Kartenspielen und den größten Brettspielhits der Piatnik-Geschichte dekoriert. Da wäre zum Beispiel „DKT“, mit 80 Jahren einer der ältesten Titel. Oder „Tipp-Kick“, das Tischfußballspiel, mit dem Generationen aufgewachsen sind. Und natürlich „Schwarzer Peter“, nur echt mit der berühmten Katze. Dass bei Besucherinnen und Besuchern bei dem Anblick das innere Kind erwacht, ist fast garantiert.

Unter den Titeln sticht vor allem einer hervor: „Activity“, der größte Erfolg in der Unternehmensgeschichte. „Wir haben alleine in Russland eine Million Stück davon verkauft“, sagt Strehl. Den interaktiven Brettspielklassiker gibt es seit mittlerweile 30 Jahren, ein Ende ist laut Strehl nicht in Sicht. Aktuell ist man besonders stolz auf „Speedy Roll“. Das Spiel, bei dem ein Igel rollen muss, gewann heuer den Titel „Kinderspiel des Jahres“ in Deutschland, quasi den Oscar der deutschsprachigen Spieleindustrie. Für das Quizspiel „Smart 10“ wurde Piatnik heuer außerdem mit dem Österreichischen Spielepreis „Spiel der Spiele“ belohnt. Und das Kinderspiel „Lama Express“ erhielt dieser Tage den Spielzeugpreis „Das Goldene Schaukelpferd“.

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Hinter den Kulissen

Doch wie werden Spiele eigentlich hergestellt? Am Anfang steht die Idee, meist entwickelt von selbstständigen Autorinnen und Autoren. Tausende und Abertausende Spielekonzepte werden jährlich an Piatnik geschickt. Nur die allerbesten werden umgesetzt. Nachdem die Spiele grafisch konzipiert und in aufwendigen Grafikprogrammen aufgebaut wurden, kann die Produktion beginnen, zuerst mit dem Druck.

„Spielkarten werden im Offsetdruck gedruckt und zwar auf einem speziellen Spielkartenkarton, der aus mehreren Kartonschichten, die mit einem dunklen Kleber zusammengeklebt sind, besteht“, sagt Strehl. Die vielen Schichten sorgen für die nötige Steifheit, der dunkle Kleber verhindert, dass man gegen das Licht sehen kann, was das Gegenüber in der Hand hat. Ein Mythos, mit dem Strehl schon konfrontiert wurde, ist, dass an einem Tag nur Herz-Asse gedruckt werden, am nächsten Tag Karo-Buben und so weiter. „Das stimmt nicht. Wir drucken immer nur ganze Sets.“

Auf dem Weg durch den Produktionsbereich gehen wir zuerst durch das Stanzareal. Hier werden bereits gedruckte Bögen in einzelne kleinere Teile gestanzt. Spielkarten werden so etwa in Form gebracht. Momentan bearbeitet der Stanzer eine italienische Ausgabe von „Activity“. Die Karten, auf denen die Aufgabenstellungen für die Spielerinnen und Spieler stehen, werden sorgfältig(st) ausgestanzt. „Wir drucken und produzieren in einer Vielzahl an Sprachen, von Litauisch bis Chinesisch“, sagt Strehl. Die Fülle an Titeln in diversen Sprachen muss auch aufbewahrt werden, dazu hat man Lager in diversen Ländern. In Wien befindet sich in Simmering ein großes Außenlager.

Jedes Spiel hat ein Layout

Auf dem Weg Richtung Drucksaal erklärt Strehl, warum man so große Lager braucht. „Die Spielebranche ist eine saisonale. Es ist nicht so arg wie bei Christbaumkugeln, aber die allermeisten Spiele werden in der Vorweihnachtszeit verkauft. Produzieren muss ich aber natürlich das ganze Jahr über, dementsprechend ist der Lageraufwand hoch.“ Produziert wird in der sogenannten Kampagnenfertigung. „Das heißt, wir sammeln Aufträge in bestimmten Größen, zum Beispiel alle Aufträge in einer bestimmten Schachtelgröße. Die werden dann nacheinander gedruckt und geschnitten und assembliert. So halten wir den Rüstaufwand niedrig und müssen die diversen Werkzeuge und Stanzeinsätze nicht so oft tauschen.“

Im nächsten Bereich findet man die elektronische Bildverarbeitung. Designerinnen und Designer aus aller Welt schicken ihre Layouts hierher und das hausinterne Team bereitet sie für den Druck vor. „Hauptaufgabe ist hier, die diversen Übersetzungen in das Layout einzupassen. Auch das ist ein enormer Aufwand.“ Wenn alles passt, werden die Daten auf Druckplatten übertragen, die dann in die Druckerei wandern. Beim Verlassen der Grafik hören wir schon das Stampfen und Zischen der Druckmaschine, die den ganzen nächsten Raum einnimmt. Mit rund 15 Metern Länge und drei Metern Höhe eine imposante Maschine.

Herzstück Druckmaschine

„Wir drucken Spielkarten im Offsetverfahren“, sagt Strehl. Offset bezeichnet ein Druckverfahren, bei dem die Druckplatte und das zu bedruckende Material nicht direkt in Berührung kommen. Stattdessen wird indirekt über ein Gummituch aufgedruckt. So können große Mengen schnell und ohne Qualitätsverlust hergestellt werden, und das ist auch nötig. „Wir verkaufen jährlich zwanzig Millionen Kartenspiele und zwei Millionen Brettspiele. Die werden zwar nicht alle hier produziert, aber doch zu einem sehr großen Teil.“ Auf der großen Druckmaschine steht gerade ein Mitarbeiter, der einen riesigen Eimer Farbe eingießt. „Dort oben befindet sich das Farbwerk“, erklärt Strehl.

Die große Druckmaschine ist ohne Zweifel das Herzstück des Hauses. Die letzte Station ist aber das Assembling, sprich der Zusammenbau der Brettspiele. „Die Boxen, in denen alle Bestandteile der Brettspiele eingelegt werden, produzieren wir auf mehreren Schachtelmaschinen. Anschließend werden sie an einem Montageband befüllt “, sagt Strehl. Beim Assembling läuft die Box auf einem Fließband, an dem mehrere Mitarbeiterinnen sitzen, durch. An jeder Station werden Einzelteile dazugepackt. Zuerst sieht man Kartensets, dann Spielmünzen und auch Spielfiguren. „Viele dieser Einzelteile, etwa diese Münzen, produzieren wir nicht selbst. Wir sind auf die Bearbeitung von Papier und Karton spezialisiert.“ An dieser Station wird gerade „Roundforest“ produziert, ein Brettspiel, bei dem sich alles um die Schatz- und Münzjagd in einem verwunschenen Wald dreht.

Nach dem Assembling werden die Spiele in Transportkartons verpackt und kommen entweder in ein Lager oder direkt ins Geschäft. Die Endstation ist aber immer eine Spielerunde, egal ob im Kreis der Familie oder mit Freundinnen und Freunden. Und dort machen die Titel von Piatnik genau das, was sie schon seit 200 Jahren tun: Sie machen Freude und bringen Menschen zusammen.