Zwei Wiener Phonographen. Im Hintergrund Audio-Cheftechnikerin Nadja Wallaszkovits. © PID/Christian Fürthner

Verrückt nach Tönen

Der "Wiener Phonograph" war so schwer wie ein Sack Zement. Trotzdem gelang es damit ForscherInnen des Phonogrammarchivs, bei Expeditionen Sprache und Musik fremder Völker aufzunehmen.

Hinter einer unscheinbaren, blauen Brandschutztür verbirgt sich das Heiligtum des Wiener Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ÖAW. Hier lagern einzigartige Schätze aus über 100 Jahren: alle wissenschaftlich dokumentierte Tonaufnahmen aus aller Welt.

Sicherheitsschleusen, Überwachungskameras, Hightech-Belüftung. So etwas gibt es hier nicht. In einer Ecke des wohnzimmergroßen Raums stehen zwei riesige Feuerlöscher und über der Brandschutztür hängt eine blecherne Klimaanlage. Prall gefüllte Kartons und Kisten türmen sich vor einer braunen Regalwand. Auf den ersten Blick ist klar, hier platzt bereits alles aus den Nähten.

Systematik im Chaos

Helmut Kowar, Direktor des Phonogrammarchivs, sucht einen Weg vorbei an den Schachteln und Kisten zu einem verschiebbaren Regal aus Holz. "Insgesamt verfügen wir über 70.000 Tonaufnahmen. Von Wachsplatten bis Tonbandkassetten ist hier fast alles untergebracht", erklärt der Experte für historische Musikautomaten und Ethnomusikologie. Nur die "Matrizen" aus Metall, die als Master-Kopien der sensiblen Wachsplatten dienten, wurden ins Österreichische Staatsarchiv ausgelagert.

Helmut Kowar, Direktor des Phonogrammarchivs
Helmut Kowar, Direktor des Phonogrammarchivs, erforschte u. a. Wiens Hauskonzertszene und historische Musikautomaten. © PID/Christian Fürthner

Der Wissenschafter zieht eine runde, hölzerne Schachtel aus einem Regal und präsentiert stolz den Inhalt. Was aussieht wie eine kleine Sachertorte, ist eine dunkelbraune Wachsplatte. Darauf ließen sich zwei Minuten aufnehmen: Sprache, Geräusche, Musik. Sie ist eine absolute Rarität. "Vom einst umfangreichen Wachsplatten-Archiv sind nur mehr ganz wenige Originale erhalten", stellt er betrübt fest. "Denn sie wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in ein Depot im Prater in Sicherheit gebracht. Doch traf das Haus eine Fliegerbombe und die Wachsplatten verbrannten alle."

Alles ist protokolliert

Helmut Kowar tänzelt geschmeidig weiter zu einem Regal mit zahlreichen, alten Protokollbänden. Er legt ein in dunklem Leder gehaltenes Exemplar auf eine der Kisten. Kurz blättert der Wissenschafter darin, bis er findet, was er gesucht hat: Die Textniederschrift eines Stimmporträts von Arthur Schnitzler. Unterzeichnet mit dessen persönlicher Unterschrift. Der berühmte österreichische Schriftsteller war nur einer von vielen prominenten Persönlichkeiten seiner Zeit, dessen Stimme für die Nachwelt konserviert wurde. Auch Hugo von Hofmannsthal, Arturo Toscanini oder Marie Ebner von Eschenbach ließen sich aufnehmen. Und natürlich auch seine Majestät Franz Joseph. Schließlich rief er das Wiener Phonogrammarchiv 1899 als wissenschaftliches Schallarchiv ins Leben. Es ist damit das älteste audiovisuelle Archiv der Welt.

Des Kaisers legendäre Worte

"Des Kaisers eigene Worte wurden aber erst 1903 festgehalten", weiß Kowar. Jedoch reihte man die Aufnahme aus Respekt vor ihm nachträglich auf Platz eins der Sammlung vor. Zur Bestätigung legt Helmut Kowar ein mehrfach gefaltetes, braunes Blatt Papier vor, das den handgeschriebenen Originaltext der majestätischen Ansprache darlegt. Die legendäre Redewendung "Es hat mich sehr gefreut" ist auch enthalten. Kein Wunder: War sie doch so etwas wie ein Markenzeichen des Kaisers.

Kisten und Kartons
Viele Forschende brachten ihre Schätze ins Phonogrammarchiv damit sie für die Wissenschaft nicht verloren gehen. © PID/Christian Fürthner

Was steckt eigentlich in den vielen Kisten und Kartons, die hier herumstehen? Helmut Kowar schmunzelt, bevor er des Rätsels Lösung verrät. "In ihnen verbirgt sich das Lebenswerk einiger heimischer Forscherinnen und Forscher. Einige sind Nachlässe. Einige Forschende brachten ihre Schätze persönlich ins Phonogrammarchiv, damit sie für die Wissenschaft nicht verloren gehen." Noch ist das Material nicht ausgewertet und katalogisiert. Noch lagert es aus Platzmangel hier. Brandgeschützt und wohltemperiert.

Wundergerät Wiener Phonograph

"Das Wiener Phonogrammarchiv hatte vom Start weg den klaren Auftrag, Sprach- und Musikaufnahmen aus aller Welt sowie Stimmporträts heimischer Persönlichkeiten zu sammeln", weiß der Archiv-Leiter. "Damals war alles von Interesse: von der heimischen Volksmusik und den österreichischen Mundarten über alle Fremdsprachen der Welt bis zu den traditionellen Gesängen der Völker."

Rudolf Pöch, den klobigen Phonographen und staunende Eingeborene
Rudolf Pöch nahm 1909 mit dem klobigen Wiener Phonographen Eingeborene in Papua Neuguinea auf. © PID/Christian Fürthner

Für die Aufnahmetechnik wurde 1900 eigens der Wiener Phonograph entwickelt, der Wachsplatten als Speichermedium nutzte. Doch der Wiener Phonograph wog 45 Kilogramm. Er war fast so schwer wie ein Sack Zement. Für Expeditionen eine enorme körperliche Herausforderung. Trotzdem gelangen damit bei den ersten österreichischen Expeditionen ans Ende der Welt einzigartige Aufnahmen.

Sprache der San in Südafrika

So reiste der Arzt und Ethnograf Rudolf Pöch 1908 zum Stamm der San an die Südspitze Afrikas in der Kalahari. Dort nahm er als Erster ihre Sprache auf, die mit Klicklauten und Zungenschnalzern gespickt ist. Und nur wenige Monate später dokumentierte er in Papua-Neuguinea Legenden, Geschichten und traditionelle Gesänge. Direktor Kowar verweist auf eine etwas verblichene Fotografie, die im Gang des Institutes hängt. Sie zeigt Rudolf Pöch, den klobigen Phonographen und staunende Eingeborene. "Es gab ja Anfang des 20. Jahrhunderts bereits ausführliche Beschreibungen fremder Kulturen", erklärt der Experte, "doch konnte vor der Erfindung des Phonographen niemand nachvollziehen, was die Forscher damals am Ende der Welt wirklich gehört hatten." 1927 wurde schließlich ein Reisephonograph konstruiert, der nur mehr 9,5 Kilogramm wog. Eine enorme Arbeitserleichterung für die Wissenschaft. Denn die Wachsplatten wogen in der Summe auch einiges. Direktor Kowar: "Die Feldforscher überlegten damals genau, was sie aufnahmen und was nicht. Schließlich fiel jedes Tondokument sprichwörtlich ins Gewicht."

Ausgezeichnete Arbeit

Viele der Aufnahmen des Phonogrammarchivs sind so einzigartig und für die Forschung so bedeutend, dass 1999 die UNESCO die historischen Bestände, 1899 bis 1950, in das Weltregister von "Memory of the World" aufgenommen hat. "Das Phonogrammarchiv sammelte immer nur die Schätze der Forschenden. Diese entschieden, wohin sie die Expedition führen sollten."

Zahlreiche einzigartige afrikanische Tonaufnahmen werden im Phonogrammarchiv aufbewahrt. Die inhaltliche Analyse ihres jeweiligen wissenschaftsgeschichtlichen Entstehungs- und Verwendungskontexts ist elementar. Daher erhielt etwa das Projekt „Spiegel österreichischer Afrikaforschung“ eine Wissenschafts- und Forschungsförderung der Kulturabteilung (MA 7) der Stadt Wien.

Computerbildschirm
Nur mehr fünf Mitglieder eines indigenen Volkes in Brasilien sprechen perfekt ihre Stammessprache. Das Phonogrammarchiv hat sie erst vor kurzem gefilmt und damit dokumentiert. © PID/Christian Fürthner

Ein besonders beliebtes Ziel war offensichtlich Madagaskar. "Wir haben weltweit die größte Sprach- und Musik-Sammlung der Insel", bekennt Helmut Kowar nicht ohne Stolz. Sie enthält detailliert dokumentiert das kulturelle Erbe Madagaskars. "Daher bat uns die Nationalbibliothek des afrikanischen Landes, ihnen diese zu überlassen. Denn sie selbst besaßen nie Aufnahmen in dieser Form." Das unzählige Stunden umfassende Material wurde digitalisiert und auf einer Festplatte bei einem feierlichen Staatsakt überreicht. Die Medien in Madagaskar berichteten tagelang ausführlich über die "Rückführung der identitätsstiftenden Aufnahmen". In Wien war das Ereignis nur eine Randnotiz.

Weltberühmt, nur nicht in Wien

In seiner Heimatstadt erhielt das Phonogrammarchiv selten besondere Aufmerksamkeit. Das verwundert auch Helmut Kowar. Vielleicht liegt es daran, dass die Stadt meist nur als Trainingscamp für die Feldforschung diente, um die Technik und strenge Methodik zu erlernen.

Fotos von Menschen
Forschungsthema Volksmusik: seit Anbeginn wurden im Phonogrammarchiv wichtige Zeugnisse der österreichischen Volksmusik archiviert. © PID/Christian Fürthner

Dabei wurde sozusagen als Nebenprodukt die Musik der Vorstädte, der Migrantinnen und Migranten, der jüdischen und anderer Religionsgemeinden sowie die Wiener Hausmusik systematisch erfasst. Und noch etwas Interessantes: "Wir haben die Geräuschkulissen zahlreicher Plätze dokumentiert, um den Wandel der Zeit akustisch und visuell zu zeigen." Das war ein von der EU geförderter Auftrag.

Wandel der Technik

Seit 1927 ist das Phonogrammarchiv im ehemaligen k. u. k. Ackerbauministerium in der Liebiggasse Nummer 5 untergebracht. Es umfasst gut ein Dutzend Zimmer, die wie Perlen an einem schmalen Gang aufgereiht sind. Verwaltung, Studioplätze, Bibliothek, Forschung: alles auf wenigen Hundert Quadratmetern vereint.

Der Archiv-Direktor öffnet ein Zimmer mit schwarzem Schallschutz an den Wänden. Es ist vollgeräumt mit technischen Geräten. Tonbandmaschinen, Kassettenrekorder, Videoequipment: Ein zwölfjähriges Kind würde staunen, wie viele audiovisuelle Geräte die Menschheit bis zur Entwicklung des Smartphones erfunden hat.

Forscher Dietrich Schüller
Dietrich Schüller war von 1972-2008 Direktor des Phonogrammarchivs. Er ist im Vorstand der Österreichischen UNESCO-Kommission (Beratungen in organisatorischen und technischen Archivangelegenheiten). © PID/Christian Fürthner

Profis bei Re-Recording

Die technische Gerätschaft von über hundert Jahren lagert im Haus. Und was noch wichtiger ist: Das Phonogrammarchiv verfügt über enormes technisches Wissen sowie langjährige Erfahrung bei der Übertragung und Digitalisierung historischer Tonträger. Vor allem im Bereich Re-Recording von Datenträgern ist es rund um den Globus gefragt. So hat das Institut zum Beispiel 2014 ein patentiertes Verfahren zur Rettung und langfristigen Verbesserung von beschädigten Magnettonbändern aus dem Ton- und Filmbereich entwickelt. Denn auch Magnettonbänder haben eine begrenzte Lebensdauer, viele haben Jahrzehnte unbeschadet überstanden, andere wieder zeigen dramatische Zerfallserscheinungen.

Das Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung lagert nahezu ein Jahrhundert Mediengeschichte. Eine Handvoll ambitionierter Menschen kümmert sich um das historische Material. © Stadt Wien/Bohmann Verlag

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