Ein kleiner Raum mit großen Schätzen: Im Mumiendepot des Kunsthistorischen Museum Wien lagern rund 140 Särge, Mumien und Fragmente. © PID / Christian Fürthner

Mumien im Wandschrank

stadtUNbekannt war dieses Mal im Kunsthistorischen Museum Wien. Abseits der bekannten Ausstellungsräume gibt es ein kleines Depot, das nur für Forschungszwecke genutzt wird. Darin aufbewahrt sind jahrtausendealte Särge und Mumien.

Mittwochfrüh vor dem Kunsthistorischen Museum Wien. Auf den Stufen formieren sich die ersten Schulklassen. Reisende machen Fotos. Von sich. Dem Gebäude. Dem Park. Warten auf Einlass. Punkt zehn öffnen sich die schweren Eingangstüren. Das Haus füllt sich mit Besucherinnen und Besuchern aus der ganzen Welt. Meisterwerke von Bruegel, Velazquez und Rubens sind gute Gründe dafür. Ebenso wie die zahlreichen ägyptischen Altertümer, die man so gehäuft in keiner anderen Stadt Österreichs findet.

Depot für Mumien und Särge

Während es in den oberen Etagen zu wuseln beginnt, öffnet Regina Hölzl eine Tür im Untergeschoß des Museums. Sie dreht das Licht auf und betritt einen kleinen Raum. Der Kontrast zu der prachtvoll geschmückten Schau ein Stockwerk höher könnte nicht größer sein. Ein Tisch, ein Sessel, ein Rollwagen und eine große Rollschrankanlage aus Metall. "Mehr brauchen wir hier nicht", sagt Hölzl und erklärt, warum. "Im Grunde genommen ist dieses Mumiendepot auch eine Leichenhalle, denn Mumien sind Verstorbene, und es macht keinen Unterschied, ob jemand sein Leben vorige Woche oder vor 3.000 Jahren verloren hat. Man muss alle Toten mit Respekt behandeln." Auch mit Fingerspitzengefühl. Denn  es handelt sich um ägyptische Mumien, die mehr als 3.000 Jahre alt sind.

Großer Wert auf kleinem Raum

Als Leiterin der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung weiß Hölzl, dass eine fachgerechte Lagerung das Um und Auf ist. Zum Beweis öffnet sie einen der Schränke. Drei große Bündel werden sichtbar, in Regalen übereinander liegend, wie in einem Stockbett. Mumifizierte Menschen, zum Schutz eingewickelt in moderne Leinentücher.

Hölzl geht ein Stück weiter und öffnet den nächsten Schrank. Zum Vorschein kommen bunte Holzsärge, hintereinander senkrecht aufgestellt. Ebenfalls einige tausend Jahre alt. Auch wenn es schwer vorstellbar ist, aber in dem engen Raum lagern rund 140 Särge, Mumien und Fragmente beziehungsweise Teile davon. Wie sich das ausgeht? Hölzl lächelt. "Das Geheimnis liegt an der extra angefertigten Rollschrankanlage. Sie ist so konzipiert, dass wir möglichst viel möglichst platzsparend unterbringen können."

Bewegung bedeutet Stress

Mit einem Handgriff bewegt sie einzelne Teile des Rollschranks, um einen weiteren Vorteil der Anlage zu demonstrieren. "Wir haben oft Anfragen von Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland, die zum Beispiel einen bestimmten Sarg genauer untersuchen möchten", erzählt sie. "Dann müssen wir nicht lange überlegen, ob ein Objekt noch transportfähig ist. Oder wo wir es fachgerecht hinlegen können. In der Rollschrankanlage lassen sich die aufrecht stehenden Särge von allen Seiten problemlos untersuchen, ohne sie zu berühren." Für Hölzl aber noch wichtiger: "Das Objekt wird dadurch geschont. Denn jede Bewegung bedeutet für das Objekt Stress", so die Ägyptologin. Sie zeigt auf einen bunten Holzsarg. "Dieser Stucküberzug zum Beispiel ist bemalt. Durch jede Verlagerung könnte  etwas Farbe abbröseln. Genau das soll aber nicht passieren."

Raumklima ist entscheidend

Auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit können den Objekten zusetzen. Daher wird beides mindestens ein Mal pro Woche genau protokolliert. Das Mumiendepot ist zwar nicht klimatisiert, aber das Museum ist ein altes Gebäude. Hölzl: "Das sorgt für relativ konstante klimatische Bedingungen. Wenn man die wissenschaftlich vorgegebenen Klimawerte nicht immer punktgenau treffen kann, darf es zumindest zu keinen großen Schwankungen kommen." Um zu verdeutlichen, was sie meint, zeigt sie einen schon etwas ramponierten Holzsarg mit Stucküberzug im Rollschrank. "Verändert sich das Raumklima sprunghaft, könnte die Stuckschicht Risse bekommen oder abbröckeln. Das darf natürlich nicht passieren!" Auch aus wissenschaftlichen Gründen.

Forschung ist nie abgeschlossen

In Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Institutionen habe man zwar schon vieles über die Mumien und Särge herausgefunden. Am generellen Wert für die Wissenschaft ändere das aber nichts. "Forschung ist ja nie abgeschlossen", betont Hölzl. "Vor allem, wenn Archäologie im Spiel ist. Wenn neue Grabungen durchgeführt werden, gewinnt man neue Erkenntnisse. Dadurch sieht man viele Dinge plötzlich in einem neuen Licht. Vor 100 Jahren wusste man über bestimmte Kulturen lange nicht so viel wie heute." Auch die Technologie entwickelt sich ständig weiter. Bei der Untersuchung der Mumien kommen mittlerweile Computertomografie und Röntgenstrahlen zum Einsatz. Viele Untersuchungen an Objekten, wie zum Beispiel die Erforschung von Materialien oder von Alters- und Korrosionsprozessen, werden im naturwissenschaftlichen Labor des Museums selbst durchgeführt.

Zum Röntgen ins Donauspital

Die Mumien des Kunsthistorischen Museums wurden zum Beispiel vor Jahren in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit dem Institut für Histologie der Medizinischen Universität Wien und der Röntgenabteilung des Donauspitals mittels Röntgenstrahlen und Computertomografie untersucht. Unter Beteiligung zahlreicher weiterer Fachbereiche wurden auch Endoskopien, chemische Analyseverfahren, DNA-Untersuchungen und vieles mehr angewandt. Beeindruckendes Ergebnis: "So konnten Geschlecht, Alter, oftmals auch Krankheiten und Todesursache festgestellt werden", so Hölzl.

Auch Unschönes wie eine gefälschte Kindermumie kam zutage. Die Täuschung gelang, weil für größtmögliche Authentizität mit Leinenwicklung und Amuletten gesorgt wurde. Hölzl: "Von außen betrachtet schien alles echt. Beim Röntgen der Mumie konnte man die Fälschung klar erkennen. Der Oberkörper war zwar der eines  circa vierjährigen Kindes, die Röhrenknochen der Beine stammten aber von einem elf- bis zwölfjährigen Jugendlichen. Ohne moderne Technik wäre das nie herausgekommen." Das viel beachtete Projekt nahm mehrere Jahre in Anspruch. "Eigentlich müsste man jetzt 20 Jahre später die Mumien erneut untersuchen", merkt Hölzl an. "Weil Forschung immer einen Zeitstempel hat und sich die Technologie inzwischen weiterentwickelt hat."

Schön gemacht für das Leben danach

Apropos Zeitstempel: Warum wurde früher überhaupt mumifiziert? "Das hat mit Jenseitsvorstellungen zu tun", erklärt Hölzl. "In Ägypten glaubte man, dass das Leben nach dem Tod weitergeht. Dafür brauchte man allerdings einen intakten Körper. Verstorbene wurden deshalb in frühester Zeit im trockenen, natronhaltigen Wüstensand begraben. Das führte zu einer natürlichen Mumifizierung. Als man dann um 3100 vor Christus zur Bestattung in schützenden Hüllen wie Körben, Holz- oder Tonsärgen überging, funktionierte das nicht mehr. Also musste man sich eine künstliche Konservierungsmethode überlegen, um den Körper vor Zersetzung zu bewahren." Der erste Schritt war eine Umwicklung des Körpers mit in Harz getränkten Leinenbinden. Ohne Erfolg. Daher verschmierte man das Leinen außen zusätzlich mit Gips. Ebenfalls Fehlanzeige. "Schließlich erkannte man, dass die inneren Organe entfernt und speziell konserviert werden müssen, um die Haltbarkeit des Körpers zu verbessern", so Hölzl.

Nach der Entnahme der Organe wurde der Körper mit Natron ausgetrocknet, ausgestopft und mit Leinenbinden umwickelt. Oberstes Gebot: Die Gesamtheit des Körpers durfte nicht zerstört werden. Fehlende Augäpfel wurden zum Beispiel durch Leinenbäusche oder kleine Zwiebel ersetzt. Die entfernten Organe wurden ebenfalls konserviert und in eigenen Gefäßen neben dem Sarg aufgestellt. Amulette auf der Mumie und zwischen den Leinenbinden sollten schützen und Böses abhalten. Leider zogen sie aber Grabräuber an. "Hier kann man das gut sehen", sagt Regina Hölzl und zeigt auf eine der Mumien. Im Bereich des Gesichtes klafft ein riesiges Loch in der Leinenumwicklung. "Die Grabräuber haben den Stoff aufgeschnitten, um nach Schmuck zu suchen."

Ägyptisches Puzzle

Hauseigene Restauratorinnen und Restauratoren sorgen im Normalfall dafür, dass beschädigte Objekte wiederhergestellt werden. Wie viel Arbeit da dahintersteckt, verdeutlichte eine ungewöhnliche Ausstellung im Vorjahr.

1891 wurde in Ägypten in Theben-West ein Felsgrab entdeckt", erzählt Hölzl. "Es entpuppte sich als Cachette, also als Versteck, in dem Priesterinnen und Priester der 21. Dynastie, also um 1000 vor Christus, bestattet waren. Dieses Massengrab enthielt insgesamt 153 Bestattungen, die auf diese Weise vor den Grabräubern versteckt worden waren. Mit Erfolg." Aufgrund des umfangreichen Fundes entschloss sich die ägyptische Regierung damals, einen Teil der Särge und Grabausstattungsgegenstände an verschiedene Staaten zu verschenken.

Das Kunsthistorische Museum erhielt mehrere Sargensembles, bestehend aus Außensarg, Innensarg und sogenanntem Mumienbrett. Darunter war auch der Deckel des Außensarges der Priesterin But-har-chonsu, der in sehr schlechtem Zustand war. "Wir haben ihn dann in Kooperation mit der Akademie der Bildenden Künste wieder zusammensetzen lassen, und zwar von Studierenden, die zu Restauratorinnen und Restauratoren ausgebildet werden", erklärt Hölzl. Das aufwendige Projekt ging über vier Jahre und mündete schließlich in der Ausstellung "Ein ägyptisches Puzzle". Beweggrund des Museums, einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen: "Wir wollten wissenschaftliche Forschung sichtbar machen", so Hölzl, die die Ausstellung gemeinsam mit der Restauratorin Irene Engelhardt sowie Kolleginnen und Kollegen von der Akademie der bildenden Künste kuratierte. "Normalerweise sehen unsere Besucherinnen und Besucher ja nur das schöne, fertige Objekt." Ausgestellt in den prachtvollen Schauräumen der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung. In der Ausstellung wurde der aufwendige Restaurierprozess durch eine große Informationswand veranschaulicht, ergänzt durch verschiedene Restauriermaterialien und Werkzeuge sowie einen kurzen Film.

Weltweit eine der bedeutendsten Sammlungen

Deren Wurzeln gehen übrigens bis in die Zeit um 1560 zurück. Damals erwarb ein Gesandter des österreichischen Kaiserhauses in Konstantinopel die Kniefigur des Gem-nef-hor-bak und legte damit den Grundstein für eine Sammlung von Aegyptiaca. Danach folgten diverse Schenkungen und Ankäufe. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die fast 2.000 Objekte umfassende Sammlung aus dem Besitz Kaiser Maximilians von Mexiko in das Inventar der kaiserlichen Sammlungen übernommen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgten die meisten Sammlungszuwächse durch archäologische Grabungen in Ägypten und Nubien, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert wurden. Den Grabungen auf dem Felsplateau von Giza zwischen 1912 und 1929 verdankt die Ägyptische Sammlung heute einen der bedeutendsten Bestände an Denkmälern des Alten Reiches, darunter der berühmte Ersatzkopf und zahlreiche Grabstatuen.

Derzeit verfügt die Ägyptisch-Orientalische Sammlung über rund 17.000 Objekte, 2.500 davon sind ausgestellt. Der Rest ist in einem Depot am Stadtrand von Wien sowie im Mumiendepot und weiteren Depoträumen im Museum gelagert. Die Ägyptisch-Orientalische Sammlung umfasst Objekte aus einem Zeitraum von fast 4.500 Jahren, von der ägyptischen Vor- und Frühzeit bis in die frühchristliche Epoche. Geografisch reicht ihre Herkunft von Ägypten, Nubien, dem östlichen Mittelmeerraum und Mesopotamien bis zur arabischen Halbinsel.