Der Karl-Marx-Hof neben dem Bahnhof Heiligenstadt war der Prunkbau des Roten Wien und ist eine Ikone des Wiener Gemeindebaus. © PID/Christian Fürthner
Im Waschsalon im Karl-Marx-Hof befindet sich heute ein Museum zum Roten Wien. © PID/Christian Fürthner
Auch die Türklinken sehen heute noch so aus wie in den 1930ern. © PID/Christian Fürthner
Sogar die Eingänge zu den Stiegen zeichnen sich durch kunstvolle Gestaltung aus. © PID/Christian Fürthner
Die Eingangstüre zum Waschsalon ist ein Paradebeispiel für den Stil der Wiener Moderne. © PID/Christian Fürthner
Die Blumentöpfe in den Höfen sind mit Tieren und Fabelwesen geschmückt. © PID/Christian Fürthner
Einst betreute das Stadtgartenamt die Gemeindebauten. Heute macht das die Wiener Wohnen Haus- und Außenbetreuung. © PID/Christian Fürthner
Unter Karl Seitz, Parteivorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs (SDAPDÖ) und Bürgermeister von Wien, wurde der Karl-Marx-Hof errichtet. © PID/Christian Fürthner
Vier Keramikfiguren von Josef Franz Riedl schmücken die Fassade am 12.-Februar-Platz. © PID/Christian Fürthner
Die Keramikfiguren von Josef Franz Riedl stehen für Ideale des Roten Wien stehen: Aufklärung, Befreiung, Kinderfürsorge und Körperkultur. Im Bild die Kinderfürsorge. © PID/Christian Fürthner
Selbst die Straßenlaternen rund um den Karl-Marx-Hof sind im Art-decó-Stil gehalten. © PID/Christian Fürthner
Anders als die Loggias im Innenhof haben diese Balkone eine expressionistische Note. © PID/Christian Fürthner
Bei aller historischer Bedeutung ist der Karl-Marx-Hof ein lebendiger Teil der Stadt und direkt neben dem Bahnhof Heiligenstadt gelegen. © PID/Christian Fürthner
Im Karl-Marx-Hof hängen Kränze als Erinnerung an den Kampf gegen den Faschismus, der hier am 12. Februar 1934 stattgefunden hat. © PID/Christian Fürthner
Auch diese Tore sind Originale. © PID/Christian Fürthner
Die massiven Ziegelmauern wurden von 1.500 Arbeitern errichtet. © PID/Christian Fürthner
Alle Stiegenhäuser haben in etwa die selbe Optik. Die Verzierungen fügen sich in das Designkonzept nahtlos ein. © PID/Christian Fürthner
Die rote Schrift ist ein Stilmittel das sich durch den ganzen Gemeindebau zieht, passend zum Roten Wien. © PID/Christian Fürthner

stadtUNbekannt im Karl-Marx-Hof: Wohnen im Versailles der Arbeiter

Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt eine Ikone des Wiener Gemeindebaus und Prunkstück des Roten Wien. Der Karl-Marx-Hof ist nicht nur ein Architekturjuwel, sondern bietet den Menschen, damals wie heute, ein einmaliges Wohnerlebnis.

Wohngebäude, Architekturdenkmal, Geschichtsstätte: Der Karl-Marx-Hof ist kein Wohnkomplex wie jeder andere. Am 12. Oktober 1930 eröffnet, war der Wiener Gemeindebau das Prunkstück des Roten Wien, also jener Zeit zwischen dem Kriegsende 1918 und der Ausschaltung des Parlaments 1934 durch den Austrofaschismus, in der die sozialdemokratische Arbeiterpartei die Mehrheit in Wien hatte. Der Karl-Marx-Hof ist ein Sinnbild dieser Zeit: Auf einer Fläche von 156.000 Quadratmetern und in rund 1.400 Wohnungen für 5.000 Menschen fanden vor allem die Arbeiterinnen und Arbeiter Wiens ein einmaliges Wohnerlebnis vor.

Jede Wohnung mit Zimmer und Küche samt fließendem Wasser, eigenem WC, lichtdurchfluteten Räumen, Gärten direkt im Hof, dazu Kindergärten, Waschsalons, Tröpferlbäder und Geschäfte jedweder Art, von Lebensmitteln über den Kohlehändler bis zum Schuster, direkt in der Wohnanlage. Mit diesem Angebot hat der Karl-Marx-Hof die Wohnwelt der Arbeiterinnen und Arbeiter revolutioniert.

In den 1920ern gab es bei Wohnhäusern kaum Freiflächen. Der Karl-Marx-Hof und seine parkähnlichen Höfe waren eine Revolution. © PID/Christian Fürthner

Menschenwürdiges Wohnen im Karl-Marx-Hof

Damals hatten viele Arbeiterinnen und Arbeiter, die sogenannten Bettgeher, gar keine Wohnung, sondern nur einen Schlafplatz, der ihnen acht Stunden am Tag zur Verfügung stand. Viele lebten in Bassena-Wohnungen in Mietskasernen, die teils menschenunwürdige Bedingungen vorwiesen. Kleine Räume, fehlende Wasseranschlüsse und WCs am Gang waren die Regel. Außerdem waren die meisten Unterkünfte stark überbelegt. Privatsphäre gab es keine. Die Räume waren fensterlos, dunkel, feucht und daher ungesund, zum Beispiel wegen Schimmel. Mieterinnen- und Mieterschutz war ebenfalls ein Fremdwort. Mieterinnen und Mieter konnten jederzeit ihre Wohnung verlieren, zum Beispiel, wenn mit der Wohnung spekuliert wurde.

Die meisten Wohnhäuser waren zu 90 Prozent verbaut, der Karl-Marx-Hof nur zu 18 Prozent. Verbauung betrifft die Grundfläche, auf der ein Gebäude steht. In den Mietskasernen, in denen viele Arbeiterinnen und Arbeiter lebten, war alles verbaut, um möglichst viele Wohnungen auf dem zur Verfügung stehenden Raum unterzubringen. Im Gemeindebau dagegen sorgte man dafür, dass es Platz für Grünflächen gab. Daher waren oft nur rund 20 Prozent verbaut. Ein angenehmer Effekt: Es war dadurch möglich, in fast jedem Raum ein Fenster zu haben. Das stand im krassen Gegensatz zu den Mietskasernen, wo Fenster Mangelware waren. Lichtdurchflutete Räume waren für viele nur Utopie. "Mit all den Geschäften und sozialen Einrichtungen, darunter Büchereien, Mütterberatungsstellen oder Jugendheime, war und ist der Karl-Marx-Hof eine Stadt mitten in der Stadt", sagt Alfred Eggenhofer von Wiener Wohnen, Leiter der Kundenbetreuung Nord und leidenschaftlicher Karl-Marx-Hof-Experte. Schon bald galt der Karl-Marx-Hof als Palast für Arbeiterinnen und Arbeiter oder als Versailles des Proletariats.

Kindergärten, Büchereien, Jugendheime: Der Karl-Marx-Hof war das Sinnbild des sozialen Wohnbaus des Roten Wien. © PID/Christian Fürthner

20 Millionen Kilo Zement

Der Karl-Marx-Hof war das Bestreben nach menschenwürdigen Wohnbedingungen. Und anders als bei den privaten Mietskasernen wurde beim Bau nicht gespart, um möglichst hohen Profit zu erzielen, stattdessen standen Qualität und Komfort für die Bewohnerinnen und Bewohner im Vordergrund. Die massiven Ziegelmauern wurden von 1.500 Arbeitern in die Höhe gezogen. 24 Millionen Wienerbergziegel, Material von hoher Qualität, wurden verbaut. 20 Millionen Kilo Zement und über 600.000 Dachziegel kamen zum Einsatz. "900 der 1.400 Wohnungen hatten auch eine Loggia. Das war damals mehr als nur außergewöhnlich. Es war ein privilegiertes Wohnen, alle wollten damals in den Gemeindebau. Es gab erstmals ein Vergabesystem, das sich nach der Bedürftigkeit richtete", sagt Eggenhofer.

Bei einem Spaziergang durch die fünf Höfe wird auch die Dimension der Anlage erst richtig klar. Mit über einem Kilometer Länge gilt der Karl-Marx-Hof als der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt. Die Höfe unterscheiden sich in Größe und Anordnung voneinander. Ganz im Osten ist der älteste und kleinste, die anderen sind deutlich größer. Die großzügigen Garten- und Grünflächen sollten nicht nur Frischluft, sondern auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Sicherheit bieten. Bis heute ist das der Geist der Wiener Gemeindebauten. Zwei Kindergärten aus der Ursprungszeit sind heute noch in Betrieb, einer der Waschsalons ist mittlerweile zum Museum umfunktioniert worden.

Die klaren geometrischen Formen und der Verzicht auf verschnörkelte Fassaden zeigen deutlich, dass Karl Ehn ein Schüler des Architekten der Wiener Moderne, Otto Wagner, war. © PID/Christian Fürthner

Wohnhaus und Architekturmuseum in einem

Schon im ersten und ältesten Hof, direkt neben der Döblinger Geistingergasse, gewinnt man ein Bild der Idee des Architekten Karl Ehn. Ehn war ein Schüler von Otto Wagner und setzte dessen künstlerische Visionen im Karl-Marx-Hof fort, weswegen er als eines der wichtigsten Werke der Wiener Moderne gilt. Ehn realisierte den Hof als "einen Kilometer Art decó", wie man zu sagen pflegte. Das Motto waren klare, einfache Formen und ein glatter, geschmeidiger Look, der eine moderne und mondäne Erscheinung suggerierte. Übertriebene Schnörkel, wie sie noch im Späthistorismus des 19. Jahrhunderts vor Wagner üblich waren, sucht man hier vergeblich. Stattdessen sprechen die Formen der Architektur für sich. Glasierte Backsteine, Betonblöcke als Kämpfersteine oder Schlusssteine bei Bögen oder als Eckpilaster gliedern die Fassade. Sie dienen einerseits als strukturelle Elemente, sind aber andererseits jenseits ihrer Zweckmäßigkeit Schmuck für das sonst eher zurückgenommene Gebäude.

Die Tür (links) zeigt die charakteristischen Otto-Wagner-Nieten die dessen Schüler und Architekt Karl Ehn gerne verwendete. Rechts eine Gangleuchte im Art-decó-Stil. © PID/Christian Fürthner

Bei einem Spaziergang durch den Gemeindebau findet man noch heute viele der architektonischen Feinheiten des Hofs. An vielen Türen etwa findet man zahlreiche "überflüssige" Nieten. Die technischen Elemente als Ornament sind ein Stilmittel von Otto Wagner, das Ehn hier weiterführte. Dieser Architekturkniff ist durch die Fassade der Wiener Postsparkasse von Otto Wagner bekannt. In vielen Durchgängen hängen noch die Originallampen im Art-decó-Stil. Das heißt: simpel und klar, ohne den überflüssigen Schnörkel des 19. Jahrhunderts, aber doch edel.

Der "Sämann" ist das vielleicht bekannteste Kunstwerk im Karl-Marx-Hof. Die Bronzestatue stammt von Otto Hofner, Bildhauer der Wiener Moderne. © PID/Christian Fürthner

Der bekannteste Abschnitt ist der Ehrenhof am 12.-Februar-Platz. Der Name rührt daher, dass hier am 12. Februar 1934 heftige Kämpfe zwischen den Arbeitern des sozialdemokratischen Republikanischen Schutzbundes und den christlich-sozialen Heimwehren und Bundeswehr-Einheiten des Dollfuß-Ständestaates entbrannten. Der Karl-Marx-Hof war damals eine der letzten Bastionen des Widerstands gegen die Diktatur. Bekannt ist der Platz für die Bronzeskulptur, den "Sämann" vom Wiener Bildhauer Otto Hofner, auch ein Künstler der Wiener Moderne. An der Fassade sieht man vier Keramikfiguren von Josef Franz Riedl, die jeweils für Ideale des Roten Wien stehen: Aufklärung, Befreiung, Kinderfürsorge und Körperkultur.

Durch die Torbögen am Ehrenhof strömten einst Tausende vom angrenzenden Bahnhof Heiligenstadt zu den Fußballmatches der Vienna auf der Hohen Warte. Das war ein bewusstes architektonisches Statement des Roten Wien. © PID/Christian Fürthner

Die Torbögen des Karl-Marx-Hofs haben einen besonders hohen Wiedererkennungswert. Noch heute sind sie ein imposanter Anblick. "Die Bögen sind auf jeden Fall eine Ansage des Roten Wien und tragen zum Prestige des Baus bei. Damals kamen Tausende von Menschen mit der Bahn nach Heiligenstadt und marschierten dann zur Hohen Warte, um Fußballspiele zu verfolgen. Ihr Weg führte sie direkt unter diesen Torbögen durch und so konnten alle sehen, was hier geschaffen wurde", sagt Eggenhofer.

Helle und lichtdurchflutete Räume, wie sie im Karl-Marx-Hof Standard sind, waren davor für Arbeiterinnen und Arbeiter reine Utopie. Diese Wohnung im Originalzustand wird derzeit saniert. © PID/Christian Fürthner

Karl-Marx-Hof wird zukunftsfit

Eggenhofer führt in eine Wohnung, die noch den Originalzustand erahnen lässt. Die Wohnung ist rund 25 Quadratmeter groß. In ihrem Flur ist die Wasserentnahmestelle. Hier stand wohl die Küche. Direkt dahinter ist ein WC und es gibt einen hellen Raum, in dem die glücklichen Bewohnerinnen und Bewohner schliefen. Die für heutige Standards kleine Wohnung war vor mehr als 80 Jahren absoluter Luxus. "Die meisten Wohnungen im Karl-Marx-Hof sind vom Typ Zimmer und Küche auf 35 Quadratmetern. Es gab aber auch Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnungen mit knapp über 40 Quadratmetern und größere Wohnungen mit zwei Zimmern für Großfamilien", sagt Eggenhofer. Heute gibt es im Karl-Marx-Hof weniger Wohnungen als ursprünglich geplant, da viele der Kleinwohnungen zusammengelegt wurden.

Eine Loggia bei fast jeder Wohnung. Der Karl-Marx-Hof machte menschenwürdiges Wohnen Realität. Noch heute leben hier rund 3.000 Menschen Tür an Tür. © PID/Christian Fürthner

Momentan gibt es im Karl-Marx-Hof 1.266 Wohnungen. Damit ist er Heimat für rund 3.000 Wienerinnen und Wiener. Damit das auch in Zukunft so bleibt, erlebt der Karl-Marx-Hof noch bis 2019 seine zweite Sanierungswelle. Dächer und Kanalanlagen werden erneuert, die Aufzüge und Stiegenhäuser instand gesetzt, Fassaden neu gestrichen.

So bleibt der Karl-Marx-Hof ein lebendiges Stück Geschichte und Monument nicht nur einer Epoche, sondern einer Philosophie: jener der Wiener Gemeindebauten.

Der Karl-Marx-Hof gilt mit einem Kilometer Länge als längster zusammenhängender Wohnbau der Welt. © PID/Christian Fürthner

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