Die Kabel- und Freileitungsschule der Wiener Netze ist der perfekte Ort, um die Arbeit auf Hochspannungsmasten zu erlernen. © PID/Gökmen

stadtUNbekannt: Hochspannung beim Training in schwindelerregender Höhe

Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt die Kabel- und Freileitungsschule der Wiener Netze. Auf dem vielleicht spektakulärsten Trainingsplatz der Stadt lernen MitarbeiterInnen der Wiener Stadtwerke, wie sie Wiens Stromversorgung sichern.

Der Campus der Wiener Netze in Simmering ist mit 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine kleine Stadt in der Stadt. Im Herzen der riesigen Anlage befindet sich die Kabel- und Freileitungsschule. Erspähen kann man sie schon aus einiger Entfernung. Die rund 20 Meter hohen Masten sind ein idealer Wegweiser. "Die Anlage besteht aus drei Teilen", erklärt Gerald Kugler, Montageleitung Freileitung. "Die hohen Masten simulieren die Arbeit auf den Hochspannungsmasten, die 400 Kilovolt leiten", sagt Kugler und zeigt auf eine Reihe von Holzmasten. "Daneben befinden sich die Mittelspannungsmasten mit 20 Kilovolt, und ganz hinten, die noch etwas niedrigeren Holzmasten, das sind Niedrigspannungsanlagen mit 1 Kilovolt."

Das ideale Trainingsgelände

Die Kabel- und Freileitungsschule wurde vor rund einem halben Jahr eröffnet. Die Idee dahinter ist schnell erklärt. "Auf diesen Masten können wir unsere Lehrlinge ausbilden und die bestehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterschulen", sagt Kugler. Die Leitungen an den Masten stehen allesamt nicht unter Strom, sie dienen nur dazu, die Handgriffe und Arbeiten zu üben. Die Lehrlinge lernen hier für ihre Arbeit als Energieübertragungstechnikerinnen und -techniker. Um auf die Masten zu klettern, müssen sie mindestens 18 Jahre alt sein.

Marko Drljepan hat die Lehre schon abgeschlossen. Er weiß, diese Arbeit ist nicht für jeden etwas. "Man muss natürlich schwindelfrei sein. Wehleidig sollte man auch nicht sein. Man haut sich sehr oft die Knie oder sonstige Körperteile an. Es ist körperliche Arbeit, davor darf man keine Scheu haben", sagt der Techniker. Angst hatte er von Anfang an keine. "Als ich das erste Mal auf einem 15 Meter hohen Mast war, hatte ich schon Respekt, aber keine Angst." Das Wichtigste bei diesem Job ist für ihn die Konzentration. "Wenn ich da oben bin, habe ich keine Zeit, die Aussicht zu genießen, dafür sind wir viel zu fokussiert. Ganz wichtig ist auch, dass niemals Routine einkehrt, denn dann macht man Fehler."

Perfekte Vorbereitung auf reale Einsätze

Was aber genau wird hier geübt? "Wir unterrichten die Arbeit mit Ausrüstungsgegenständen wie Leiterseilen, Steigprodukten oder Holzmasten und die Sicherheitsregeln", sagt Kugler. Die wichtigsten Sicherheitsregeln: Immer erden und die Kolleginnen und Kollegen im Blickfeld haben. Bei den Einsätzen handelt es sich hauptsächlich um Instandhaltungsarbeiten, Reparaturen oder den Tausch morscher Masten sowie Störungsbehebungen und Kontrollen der Seile. Zu den Instandhaltungsarbeiten zählen die Reparatur von Leiterseilen, der Tausch von Isolatoren und die Überprüfung der Anlage.

Das Wiener Stromnetz hat eine enorm hohe Zuverlässigkeit von 99 Prozent. Arbeit gibt es dennoch genug. Alleine die Kontrolle der Leitungen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Nicht verwunderlich, denn das Freileitungsstromnetz hat eine Gesamtlänge von 3.700 Kilometern. Länger noch ist aber das Kabelnetz unter der Erde. Das hat eine Länge von 19.900 Kilometern. "Erdkabel werden bei uns forciert", sagt Kugler. "Die Freileitungen sind als Technologie aber dennoch State of the Art."

Marko legt schon einmal seine Montur an. Das Wichtigste ist der Sicherheitsgurt. Daran hämgen mehrere Karabiner, mit denen er sich an den Verstrebungen der Masten absichert. Beim Aufstieg nutzt er Bolzen, die an der Seite des Masts eine kleine Leiter bilden. Die 20 Meter der Übungsmasten sind schon imposant. Im Feld geht es aber noch viel höher. Die höchsten Masten mit 80 Metern findet man bei den Donauüberspannungen, etwa in Langenzersdorf. Von der Höhe abgesehen, sind die Masten aber baugleich. Die Arbeit kann daher punktgenau simuliert werden.

Isolatortausch in 20 Metern Höhe

Der Aufstieg geht überraschend schnell vonstatten. Nach jedem Schritt sichert sich Marko mit einem Karabiner. Neben ihm klettert ein Kollege empor. Denn bei den Wiener Netzen gilt die Regel: Keine Arbeit wird alleine geleistet. Immer sind mindestens zwei Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter dabei. Bei einem Isolatortausch, wie Marko ihn hier übt, sogar noch mehr. Neben zwei Kletterinnen bzw. Kletterern gibt es noch zwei Personen als Bodenpersonal. Die stellen den Lastenaufzug auf und ziehen dann den neuen Isolator hoch, um anschließend das verschlissene Teil in Empfang zu nehmen. Der ganze Einsatz dauert nur wenige Minuten. Während der Isolator entfernt wird, sichert Marko die Leitung ab. Bei den Profis sitzt jeder Handgriff, das Ganze sieht fast spielerisch leicht aus.

Im Anschluss zeigt Gerald Kugler die Holzmasten. Hier funktioniert der Aufstieg anders. Zwei Lehrlinge üben das gerade. Beide schlüpfen in Steigeisen, die man wie Schneeschuhe anzieht. Die Eisen sind mit Zacken versehen. Der Mast wird zwischen Zacken und Fuß eingeklemmt, so sichert man seinen Halt, außerdem sind zwei Sicherheitsgurte im Einsatz. Mit den Steigeisen sieht der Aufstieg elegant aus, der Weg zum Mast scheint fast schwieriger, zwingen die Steigeisen die Lehrlinge doch zum Watschelgang.

Leitungsfahrwagen und Trafostation

Spektakulär ist die Arbeit mit dem Leitungsfahrwagen. Das Fahrzeug sieht aus wie eine Miniplattform und wird mit einem Lastenaufzug hochgehoben, um wie eine Gondel zwischen den Leitungen zu sitzen. So fährt man dann im Wagen die Strecken ab, um sie zu kontrollieren. Sämtliche Seile werden in regelmäßigen Abständen abgefahren und auf Herz und Nieren überprüft. So sieht man Bruchstellen im Seil, Brandstellen nach einem Blitzschlag und prüft den Abstand zwischen den Seilen, der immer gleich sein sollte. Außerdem merken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ob das Seil zu stark vibriert, und können sehen, ob alles fest und gut fixiert ist. Jeder noch so kleine Mangel wird von den Wiener Netzen umgehend behoben.

Der letzte Teil des Übungsgeländes ist eine nachgebaute Trafostation. Hier übt man den Einbau und die Kontrolle von Transformatoren und die Lehrlinge lernen, wie man eine Trafostation richtig betritt. "Beim Betreten der Station muss man immer die Sicherheitsausrüstung tragen, man darf nur in Verbindung mit einem konkreten Auftrag eintreten und auch niemals alleine sein. Außerdem zeigen wir den Lehrlingen, welche Stellen unter Strom stehen und wo man keinesfalls hingreifen darf", sagt Kugler.

Einmalige Einrichtung

Die Anlage ist österreichweit in dieser Größe einzigartig. Es kommen auch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern extra nach Wien, um hier zu trainieren. In den ersten Monaten hat sich die Schule absolut bewährt. Sicherheit ist bei der Arbeit der Wiener Netze das höchste Gut und die Anlage setzt in Sachen Ausbildung neue Maßstäbe.

Die Arbeit auf den Masten ist vielleicht nicht das Richtige für jede und jeden, spannend ist sie aber im wahrsten Sinne des Wortes. Auch Marko möchte die Arbeit in schwindelerregender Höhe nicht missen. "Der Job taugt mir sehr. Sonst würde ich ihn auch nicht machen", sagt Marko, während er seine Sicherheitsausrüstung ablegt.