Person zwischen Betonbruchstücken
Auf den Spuren der Vergangenheit, zur Dokumentation für die Nachwelt: Der Historiker Dr. Marcello La Speranza vor dem gesprengten Nord-Eingang. © PID/Christian Jobst

stadtUNbekannt: Der "Heldenbunker" am Gallitzinberg

In den Tiefen des Gallitzinberg liegen heute noch Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg verborgen. Das damalige zentrale Luftwarnsystem für ganz Wien war im Schirachbunker untergebracht.

Der Frühling blüht in Ottakring und am Wilhelminenberg spazieren Wienerinnen und Wiener mit ihren Hunden über saftiges Gras. Die meisten von ihnen wissen nicht, was hundert Meter unter ihnen vergraben liegt.

Vor etwa 75 Jahren war das Gebiet um den Gallitzinberg nahe der Jubiläumswarte noch militärisches Sperrgebiet und für die Zivilbevölkerung nicht zugänglich. In den Tiefen des Berges liegen heute noch Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg verborgen: Das damalige zentrale Luftwarnsystem für ganz Wien war im Schirachbunker untergebracht.

Der Historiker Marcello La Speranza beschäftigt sich mit der Erforschung und Dokumentation der baulichen Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg. "Der Bunker ist für mich interessant, weil er zeigt, wie die Organisation, die Koordination der Einsatzkräfte in Kriegssituationen funktionierte", erklärt er auf dem Weg zum verschütteten Eingang des Schirachbunkers.

Kleiner Bunker im Wald
"Ein-Mann-Splitterschutzzellen" sind noch immer am Gallitzinberg zu finden. © PID/Christian Jobst

Stumme Zeitzeugen

Im Wald bei der Jubiläumswarte stehen drei Betonzylinder, sogenannte "Ein-Mann-Splitterschutzzellen". Die drei stummen Zeugen stehen etwas abseits und lassen nur erahnen, was sich hier Mitte des vorigen Jahrhunderts ereignet hat. La Speranza erläutert, dass diese Bauwerke bei Luftangriffen als Schutz für die Beobachtungsposten genutzt wurden. Diese Zellen sind sichtbare Überreste der unterirdischen Bunkeranlage.

Treppen in einem Tunnel
Die Treppen im Inneren der damaligen Luftwarnzentrale Wiens. © Landesverein Höhlenkunde

Luftwarnzentrale für ganz Wien

Am Gallitzinberg wurde der Luftraum überwacht und Maschinen der alliierten Luftflotte gemeldet. Dafür wurden hauptsächlich Gymnasiastinnen als "Nachrichtenhelfer" eingesetzt. Um die Bevölkerung vor Angriffen zu warnen, wurde der gefürchtete "Kuckuck" als Warnsignal über die Radiosender ausgegeben. Wenn die Wienerinnen und Wiener den "Kuckuck" hörten, wussten sie, dass in weiterer Folge die Sirenen der "öffentlichen Luftwarnung" ertönen würden. Die Bevölkerung hatte dann noch eine halbe Stunde Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Dafür waren Bunker-Anlagen notwendig, welche auf Anordnung Hitlers in Städten errichtet wurden.

Der damalige Reichsstatthalter von Wien, Baldur von Schirach (1907 bis 1974), wollte nicht mit dem "gewöhnlichen Volk" in einem öffentlichen Bunker abwarten. Für ihn und die Parteispitze wurde ein eigener Kommando-Bunker am Gallitzinberg, der "Gaugefechtsstand", errichtet. Erst Anfang 1945, kurz vor Ende des Krieges, wurde der kostspielige Bau fertiggestellt. Den Namen "Heldenbunker" gab ihm der Volksmund aus Galgenhumor, da Schirach und sein Einsatzstab sich angeblich immer als Erste in Sicherheit brachten.

Innere einer verfallenen Bunkeranlage
Raum des Gaubefehlsstandes in den 1980er-Jahren. © Landesverein Hoehlenkunde

Das unterirdische Herz der Anlage

Die Bunkereingänge wurden Ende der 1990er-Jahre gesprengt. Heute gibt es keine Möglichkeit mehr, das Innere des Stollens zu erkunden. La Speranza beschreibt den Aufbau des Bunkers: "Der Stollen ragt über 150 Meter in das Erdreich hinein. Zwei Umgehungsstollen sollten verhindern, dass die Druckwellen von Bomben in das Innere gelangten. Der Hauptraum, sozusagen das Herz der Anlage, ist ein fünf Meter hohes Gewölbe, wo ursprünglich zwei Geschosse integriert waren. Dort befanden sich der Gauorganisationsraum, Zeichnungs- und Auswerteraum, wo die Flugbewegungen der US-Bomber registriert wurden." Die technische Ausstattung war leistungsstark, ganz besonders die Funkausrüstung. Die übrige Anlage war spartanisch gestaltet.

Beim Einmarsch der Sowjetarmee im April 1945 wurde der Bunker geräumt. Der Reichsstatthalter Schirach tauchte unter und wurde in Tirol gefangen genommen. Beim Nürnberger Prozess wurde er wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. 1966 wurde er aus dem Kriegsverbrechergefängnis Spandau entlassen.

Skizze des Inneren eines Bunkers
Der Gaubefehlsstand, wie er 1944/1945 eingerichtet wurde, nach einer Skizze des Architekten. © Wiener Stadt-und Landesarchiv Kartographische Sammlung

Ein Mythos erlischt – Kriegsbau statt Luxusbunker

Nach Ende des Krieges wurde die ehemalige Luftwarnzentrale von "Schatzsuchern" heimgesucht und geplündert. Die Anlage war nie, wie lange Zeit angenommen, ein Luxusbunker von Baldur von Schirach, sondern eine einfache, zweckmäßige Einrichtung für die Luftwarnzentrale.

Zum Mythos ist der Schirachbunker deshalb geworden, weil er verschlossen und nicht frei zugänglich ist. "Nicht die vermeintlichen Schätze, sondern die Geschichte der baulichen Hinterlassenschaften sollen von öffentlichem Interesse sein. Bunker faszinieren mich deshalb, weil sie zur Geschichte Wiens gehören, zu den Hotspots der NS-Geschichte zählen und für nachfolgende Generationen noch immer nicht ausreichend dokumentiert sind", betont La Speranza. Der Schirachbunker ist nur eines von vielen unentdeckten, historischen Denkmälern mitten in Wien.

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