Die Schienenwerkstätte ist das Herzstück der Hauptwerkstätte der Wiener Linien. © PID/Christian Fürthner

Menschen und Maschinen im "Öffi-Herzstück"

Die Serie stadtUNbekannt besucht die Hauptwerkstätte der Wiener Linien. Im "Krankenhaus für Öffis" werden die über 35 Meter langen "Patienten" aufs Podest gehoben, zum Glänzen gebracht und neu ausgestattet.

Die Signalpfeife ertönt. Eine Straßenbahn fährt geräuschvoll in die riesige Werkhalle der Hauptwerkstätte Simmering ein. Die grauen Abdeckungen, hinter denen das Herz der Niederflurstraßenbahn schlägt, sind entfernt. Die Antriebseinheiten sind freigelegt. Ein Laie würde hier nur ein Gewirr aus Metallteilen, Kabeln und Behältern sehen. Rudolf Hauenschild hingegen kennt jedes dieser Teile und weiß alles über ihr Zusammenspiel. "Ich bin mit Herz und Seele Techniker", erklärt der Leiter der Hauptwerkstätte Simmering. Seine Leidenschaft für Maschinen aller Art kann er in der Zentralwerkstätte der Wiener Linien am besten ausleben: "Wir sind das Herzstück für die Instandhaltung und Wartung der Fahrzeuge der Wiener Linien." 

Ein Herr mit längeren weißen Haaren und einer gelben Arbeitsjacke blickt konzentriert in die Kamera.
Rudolf Hauenschild leitet die Hauptwerkstätte seit zehn Jahren. © PID/Christian Fürthner

Mit Herz und Seele Techniker

Rudolf Hauenschild ist seit 1981 in verschiedenen Funktionen in der Werkstätte tätig. "Anfangs war ich für die Instandhaltung der Infrastruktur zuständig, also etwa für die Kräne", erzählt er und zeigt auf die mächtigen Kranhaken an der hohen Decke. Seit zehn Jahren leitet er die gesamte Werkstätte mit ihren rund 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Hier werden Instandsetzungsarbeiten, Bedarfsreparaturen, Reparatur und Aufarbeitung von Kraftfahrzeugteilen sowie Untersuchungen durchgeführt. Besonders wichtig und aufwendig ist die Hauptuntersuchung, die alle acht Jahre durchgeführt wird. Dabei wird das Fahrzeug quasi in seine Einzelteile zerlegt und technisch neuwertig wieder zusammengebaut. "Wenn wir Klassen zu Besuch haben, sagen wir den Kindern, dass wir ein Krankenhaus für Öffis sind", fasst Hauenschild lachend zusammen. Ihre "Patienten" sind bis zu 35 Meter lang, etwa die langen Modelle der Niederflurstraßenbahn ULF. Deshalb erstreckt sich die Anlage auch über beeindruckende 270.000 Quadratmeter. "Diese Fläche ist fast 32 Mal so groß wie der Wiener Rathausplatz. Die große Halle, in der wir uns befinden, ist 80.000 Quadratmeter groß, also vier Mal so groß wie die BahnhofCity Wien", berichtet Hauenschild auf dem Weg ins Zentrum der großen Werkstatthalle stolz.

Eine große graue Platte, die von Schienen durchzogen ist und zu den einzelnen Arbeitsgleisen führt.
Die gewundenen Schienen der Verschiebeeinrichtung bringen Straßenbahnen in jede Ecke der Schienenwerkstätte. © PID/Christian Fürthner

Aufs Podest gehoben

Wären da nicht die knallorange gestrichenen Ränder, würde die Verschiebeeinrichtung zwischen den vielen Maschinen und Fahrzeugteilen nicht weiter auffallen. Die bewegliche und mit Schienen durchzogene Bühne kann tonnenschwere Schienenfahrzeuge in jede Ecke der Schienenwerkstätte transportieren. Die Verschiebeeinrichtung wird von jeweils zwei speziell ausgebildeten Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern bedient. "Die Plattform rollt auf Schienen, genauso wie die Straßenbahnen, wird aber von Gummirollen bewegt, die von Motoren angetrieben werden", erklärt Hauenschild das Prinzip. Außerdem ist sie ein hervorragender Aussichtspunkt auf alle 23 Werkgleise.

Ein Mitarbeiter der Wiener Linien arbeitet an einer in die Höhe gehobenen Niederflurstraßenbahn.
Alle Straßenbahnmodelle können an den Hebevorrichtungen auf knapp drei Meter angehoben werden. © PID/Christian Fürthner

Schwebende Züge

Neben der Straßenbahn mit den offenen Abdeckungen ist eine zweite zu sehen. Sie scheint etwa 20 Zentimeter über dem Boden zu schweben. Dabei steht sie sicher auf hochgezogenen orangefarbenen Schienen. "Es wird gerade ein Wechsel der acht Radpaare durchgeführt. Die Metallräder der Schienenfahrzeuge verschleißen zwar langsamer als Gummiräder, müssen aber dennoch nach knapp 300.000 Kilometern gewechselt werden", erklärt Hauenschild. Die Straßenbahnen können auch durch spezielle Hebevorrichtungen an der Karosserie auf bis zu drei Meter angehoben werden. Zusätzlich erleichtern vier Meter tiefe Arbeitsgruben die Arbeit unter den Fahrzeugen.

Ein Mann, der die Abdeckung einer Klima-, Heizungs- und Lüftungsanlage anhebt.
Alexander Facco ist Experte für die Klima-, Heizungs- und Lüftungsanlage am Dach der neuen Straßenbahngeneration. © PID/Christian Fürthner

Temperatur und Technik

An 17 Arbeitsgleisen sind zusätzlich Hochstände eingebaut. Diese Plattformen bieten bequemen Zugang zum Dach der Niederflurstraßenbahn. Denn die Straßenbahnen der neuen Generation haben viele technische Komponenten, wie etwa Heizung oder Klimaanlage, auf dem Dach. "Einfach weil bei den Niederflurstraßenbahnen wegen der niedrigen Einstiegshöhe unten kein Platz ist", sagt Alexander Facco. Der Werkmeister in der Detailwerkstätte für Elektromechanik ist normalerweise für 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und rund 20 Lehrlinge zuständig. Heute präsentiert er die moderne Klima-, Heizungs- und Lüftungsanlage auf dem Dach der neuen "Ultra Low Floor"-Straßenbahngeneration. "Wir warten, reinigen und desinfizieren die Klimaanlage und stellen sie ein", erklärt er. "Wir versuchen es allen recht zu machen und müssen dabei vieles beachten: die Fahrgastzahlen, die Tageszeit, die Außentemperatur und natürlich das Temperaturempfinden der Fahrgäste, das sehr unterschiedlich ist. Das Ziel ist letztlich, im Sommer immer fünf Grad weniger in der Straßenbahn zu haben als außerhalb." Temperaturen, die darunter liegen, wären unangenehm und ungesund für die Fahrgäste.

Eine Straßenbahn unter der sich eine Arbeitsgrube zu sehen ist.
Vier Meter tiefe Arbeitsgruben bieten einen bequemen Zugang zu den Radpaaren der Straßenbahnen. © PID/Christian Fürthner

Lang lebe die Straßenbahn

Vom Hochstand aus ist ein älteres Straßenbahnmodell zu sehen. Es hat zwar keine Klimaanlage, ist aber keineswegs auf dem Abstellgleis. "Schienenfahrzeuge haben eine Lebensdauer von bis zu 40 Jahren. Die jüngsten Modelle der alten Bauweise sind 1991 gebaut worden, sind also erst rund 25 Jahre alt. Wir brauchen sie noch und könnten gar nicht darauf verzichten", erklärt Facco. Die lange Lebensdauer der Schienenfahrzeuge stellt oft das Können und die Kreativität seines Teams auf die Probe. "Der Fortschritt in der Elektromechanik ist schnell. Wir müssen oft alte Laptops für die Programmierung der älteren Modelle suchen oder elektronische Teile nachbauen. Das liegt daran, dass die Firmen, die sie früher erzeugt haben, schon verschwunden sind oder sie nicht mehr herstellen", erklärt Facco.

Der ausgetauschter Teil eines älteren Straßenbahnmodells wird von einem Wiener Linien Mitarbeiter geschliffen.
Nach einem kleinen Auffahrunfall wir ein älteres Straßenbahnmodell wieder auf Hochglanz gebracht. © PID/Christian Fürthner

Kitten, schleifen und lackieren

Am Vorderteil des älteren Modells wird emsig gewerkt. Offensichtlich hatte es einen kleinen Auffahrunfall. Das kann schnell repariert werden. "Das Blech wird ausgetauscht, gekittet, geschliffen und lackiert", erklärt Werkstättenleiter Hauenschild. Die Schleifgeräusche unterbrechen ihn, es riecht nach erhitztem Metall.

Am gegenüberliegenden Ende der Halle liegt der schwere Geruch von Lack in der Luft. Rechts befindet sich die Lackiererei für Kleinteile. Wobei die Kleinteile bis zu drei Meter groß sein können. Der Name bezieht sich darauf, dass hier nicht die gesamten Karosserien lackiert werden. Das wird nebenan gemacht. "Obwohl in der großen Werkhalle hauptsächlich Schienenfahrzeuge repariert werden, kommen auch Busse und U-Bahn-Züge zum Lackieren hierher", erzählt Hauenschild. Die Lackiererei ist zwar Teil der Halle, wird aber von Wänden und Toren mit großen Fenstern begrenzt. Hinter dem Fenster ist ein Mitarbeiter zu sehen, der an einem Fahrzeugdetail schleift. "Er bereitet es zum Lackieren vor", so Hauenschild. Plötzlich fährt ein Radfahrer grüßend am Chef vorbei: "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Dienstfahrräder, mit denen sie auf dem riesigen Areal unterwegs sind. Das geht schneller und macht auch mehr Spaß", erklärt der Leiter.

Ein Mitarbeiter radelt an seiner Straßenbahn vorbei, im Hintergrund sind andere Mitarbeiter zu sehen, die zu Fuß gehen.
Die Diensträder sind bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hauptwerkstätte besonders beliebt. © PID/Christian Fürthner

Ein großer Rundgang

Die große Werkhalle für Schienenfahrzeuge ist von zahlreichen weiteren Werkhallen umgeben, die durch breite Gänge verbunden sind. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen, radeln und fahren durch die Korridore. Oft begegnen sie kleinen Lastfahrzeugen oder der Milktram. Das ist ein kleines Fahrzeug mit zahlreichen Anhängern, das Ersatzteile in die einzelnen Abteilungen liefert, die es zuvor im großen Lager abgeholt hat.

Ein Mitarbeiter fährt mit einem Gebelstapler durch die Regale des Lagers.
Die Regale im Lager der Hauptwerkstätte reichen in die luftige Höhe von zehn Metern. © PID/Christian Fürthner

Das moderne Lager mit Gabelstaplern, die eine Höhe von zehn Metern erreichen, und einem computerverwalteten Ablagesystem bietet Platz für alles rund um die Öffis, von der Schraube bis zum Rad. In einigen Hallen werden die großen Radpaare der Straßenbahnen und U-Bahnen gelagert. Eine große Halle ist für die Reparatur von Bussen reserviert. Sie ist an der großen Auswahl riesiger Reifen erkennbar. In wieder anderen Hallen reihen sich Arbeitsplätze für bestimmte handwerkliche Tätigkeiten und Gerätschaften aneinander. Zwischen großen Arbeitsgeräten sind immer wieder grüne Flecken zu sehen. "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lieben Pflanzen. Sie fühlen sich sichtlich wohl in den weiten, hellen Hallen", so Hauenschild.

Eine Straßenbahn fährt durch den Hof der Werkstättenanlage.
Die Straßenbahnen verlassen die Hauptwerkstätte im einwandfreien Zustand. © PID/Christian Fürthner

Die Räume des Lehrlingstraktes sind kleiner. Neben moderner Ausstattung finden sich hier ausrangierte Fahrzeugteile zum Üben und Reparieren. Hier genießen über 200 Lehrlinge eine praxisnahe Ausbildung in technischen Bereichen wie Mechatronik, Nachrichtentechnik, Elektrotechnik, Maschinenbau und Kfz-Technik. In der Mittagspause gehen einige von ihnen raus in den Innenhof. "Er ist nach dem Umbau entstanden. Durch die moderne Infrastruktur, etwa die Verschiebeeinrichtung, konnten wir Platz einsparen, da wir nicht mehr so viele Gleise zum Wenden und Manövrieren brauchen", so Hauenschild. Die Gleise im Freibereich der Hauptwerkstätte werden für Testfahrten oder auch Wettbewerbe genutzt und natürlich für das Zu- und Abfahren von Schienenfahrzeugen. Eines passiert gerade den Innenhof und verlässt die Werkstätte. Die frisch gewartete Straßenbahn glänzt in der Sonne. Als sie unter dem offenen Schlagbaum durchfährt, zwinkert ihr ein Lichtsignal zum Abschied nach.

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