Falkturm im Arenbergpark
Im Wiener Arenbergpark ragt neben dem Geschützturm auch der Leitturm als Mahnmal an die dunkle Zeit des Krieges. © PID / Christian Jobst

stadtUNbekannt Flakturm Arenbergpark: Fenster zur Zeitgeschichte

Die Serie stadtUNbekannt gibt Einblicke in den Leitturm im Arenbergpark. Er ist einer der letzten im Originalzustand befindlichen, begehbaren Flaktürme Europas.

Flaktürme, riesige Luftschutzanlagen aus Stahlbeton, wurden während des Zweiten Weltkrieges in Berlin, Hamburg und Wien errichtet. Nach dem Vorbild mittelalterlicher Burgen entwarf der Berliner Architekt Friedrich Tamms die Türme für Flugabwehrkanonen (Flak). Jeder für sich "ein Wehrbau in einzigartiger Symbiose mit einem Schutzbunker für die Zivilbevölkerung und einem 'einschüchternden' Baukörper im Sinne der NS-Architektur-Ideologie", bringt es der Historiker Marcello La Speranza auf den Punkt. Er betont die historische Dimension: "Die Türme stehen in einer langen Kette von militärischen Festungswerken in der Wiener Stadtgeschichte. Zuerst war das Legionslager Vindobona, im Mittelalter die Stadtmauer, später die erweiterte Stadtmauer mit ihren Basteien und Ravelins, es folgte der Kuruzzenwall und im 20. Jahrhundert die Flaktürme, als bisher letzte Bastion der Wehrbauarchitektur."

Video: Die Geschichte der Flaktürme

Sechs Flaktürme aus dem Zweiten Weltkrieg prägen das Wiener Stadtbild. Die Flaktürme aus Stahlbeton wurden in den Jahren 1942 bis 1945 in Hamburg, Berlin und in Wien als Abwehr- und Schutzbauten errichtet. stadtUNbekannt wandelt auf den Spuren der Vergangenheit. © Stadt Wien/Bohmann Verlag

Die oberirdischen Schutzräume, auch Hochbunker genannt, wurden in Wien als drei Gebäudepaare errichtet: Je ein Gefechtsturm für Flugabwehrgeschütze und ein Leitturm für die Feuerleitung, die die Daten ermittelten. Alle sechs Flaktürme wurden rund um den Stephansdom gebaut, um die Innere Stadt vor Luftangriffen zu sichern. Nach dem Krieg wurden sie aufgrund der nahen Wohngebäude nicht gesprengt. Mittlerweile stehen sie unter Denkmalschutz, auch weil es einzigartige Baukörper sind. Ein Turmpaar steht getrennt in zwei Bezirken: der Gefechtsturm in der Stiftskaserne im 7. Bezirk, der dazugehörige Leitturm in Mariahilf, in dem sich seit 1956 das Haus des Meeres befindet. Dort gibt es die permanente Luftschutzausstellung "Erinnern im Innern". Das Paar im Augarten ist aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich zugänglich.

Flakturm im Arenbergpark

Dr. Marcello La Speranza
Der Historiker Dr. Marcello La Speranza mit Arm- und Beinschienen für Verletzte, die im Leitturm erstversorgt wurden. © PID / Christian Jobst

Der Gefechtsturm im Arenbergpark im 3. Bezirk wird vom Museum Angewandter Kunst (MAK) als Depot verwendet. Er ist als Contemporary Art Tower (CAT) auch selbst ein Kunstprojekt geworden. In diesem Turm sind nur noch spärliche Rudimente aus der Kriegszeit vorhanden. Bei Ausstellungen und Events ist dieser Flakturm auf eigene Gefahr geöffnet, eine umfassende sicherheitstechnische Ausstattung ist nicht vorhanden. Der Leitturm gegenüber wird von der Abteilung Bau- und Gebäudemanagement (MA 34) verwaltet. Das Erdgeschoß wird als Gerätelager der Stadtgärten (MA 42) genutzt. Auf dem Dach ist eine Mobilfunkanlage installiert. Aufgrund eingeschränkter Sicherheit und der historischen Bedeutung des Gebäudes ist eine Besichtigung nicht möglich.

"Die Stadt Wien ist sich ihrer Verantwortung für den Leitturm, seiner Bedeutung als Kriegsmahnmal und der Schaffung der Rahmenbedingungen zum Erhalt eines historischen Bauwerks in hohem Maße bewusst. Daher bietet die Serie stadtUNbekannt geschichtlich Interessierten die moderne und sichere Gelegenheit, anhand eines filmischen Rundganges Geschichte und Bauwerk unmittelbar zu erleben", hält Wohnbaustadtrat Michael Ludwig fest.

Strenge Raumordnung im Leitturm

Die Gartenanlage im 3. Bezirk wurde 1785 vom Fürsten Esterházy angelegt und ging Ende des 19. Jahrhunderts in den Besitz der Adelsfamilie Arenberg über. 1900 erwarb die Gemeinde Wien den Park und öffnete ihn für die Bevölkerung. Das Naziregime ging an der Grünfläche nicht spurlos vorbei: Unter dem Codenamen "Baldrian" wurden von Dezember 1942 bis Oktober 1943 zwei mehrere Stockwerke umfassende Türme errichtet. mit Mauern zwischen zwei und zweieinhalb Metern sowie einer vier Meter dicken Decke.

Im Erdgeschoß waren Zugangspassagen, Gasschleusen und technische Stationen, im 1. Stock eine Rettungsstelle und ein Krankenrevier der nahen Rudolfstiftung untergebracht. Die Stockwerke 2 und 5 boten Schutzräume für die Zivilbevölkerung. Im 4. Stock liefen die Belüftungs- und Heizungsmaschinen nach dem Prinzip eines selbstregulierenden, ökonomischen Wärmehaushaltes. Die Stockwerke 6 bis 8 waren dem Militär vorbehalten. Hier waren die Mannschaftsunterkünfte und verschiedene Kommunikationseinrichtungen, wie die Fernsprechvermittlung und die Feuerleitzentrale untergebracht. Außerdem gab es ein Munitionslager sowie eine Halle für den Rüstungsbetrieb, in der die Seitz-Werke Feinmechanik-Geräte anfertigten. In der obersten Etage standen die Rechenmaschinen für die Feuerleitung. Die markanten halbrunden Erker auf der umlaufenden Galerie, "Schwalbennester" genannt, waren für leichte Flakgeschütze als Objektschutz vorgesehen.

Baum statt "Würzburg-Riese"

Flakturm im Arenbergpark von oben fotografiert
Dort wo einst ein sensibles Funkmessgerät eingesetzt werden sollte, wächst heute ein Baum. © PID / Christian Jobst

Über den von Tauben bevölkerten letzten Treppenabsatz gelangt man auf das Dach des Leitturms, wo 1944/1945 Luftwaffensoldaten und Luftwaffenhelfer wie Helmut Qualtinger ihren Dienst verrichteten. Eine damals hochmoderne Rechenmaschine erfasste die Daten des Parabolspiegels des sensiblen Funkmessgerätes, der feindliche Bomber bis zu einer Entfernung von 80 Kilometern orten konnte. Ebenso waren mehrere optische Zielgeräte auf der oberen Plattform positioniert. Der Schacht, in den das Hightech-Gerät mit dem Code-Namen "Würzburg-Riese" auf einer Hebebühne zum Schutz versenkt werden sollte, ist heute noch vorhanden. Heute wächst dort ein Baum.

Bis zu 8.000 Personen in einem Turm

Turmstiege im Flakturm
Der Turm von innen. © PID / Christian Jobst

Neben der militärischen Funktion waren in den Hochbunker auch Spitäler, Radiosender, Rüstungsbetriebe und bombensichere Räume für Kulturgüter untergebracht. Bei einem Fliegeralarm wurde auch der Leitturm im Arenbergpark geöffnet: Ein Eingang war für das Militär, auf der anderen Seite waren drei Zugänge für die Zivilbevölkerung vorgesehen. Bis zu 8.000 Menschen fanden in einem der Flaktürme Platz und Schutz vor Luftangriffen. Nach der Entwarnung wurde der Turm wieder geräumt.

"Mutter u. Kind" sowie "Rasch gehen!" steht schwarz an den Wänden geschrieben. © PID / Christian Jobst

Im Inneren sind noch heute Ordnungs- und Hinweisaufschriften "Rasch gehen!" und "Mutter und Kind" gut lesbar. Auch massive Stahltüren, Luftleitungen aus Spanplatten sind noch vorhanden. Selbst der Aufzug ist ein Original, der aber verrostet und ausgedient im Erdgeschoss verharrt. Vieles ist jedoch verbrannt. In einem Stockwerk sind noch Brandspuren vorhanden, die aus den letzten Tagen des Krieges stammen könnten.

Graffitis der Zwangsarbeiter

Graffiti auf Innenmauern des Leitturms im Flakturm
Die Innenmauern des Leitturms zeugen vom Unmut der Zwangsarbeiter, die Dienst machen mussten, wie die Graffitis belegen. © PID / Christian Jobst

Für den Bau waren immer weniger österreichische Arbeiter verfügbar. Sie waren im Fronteinsatz. Daher wurden Zwangsarbeiter aus ganz Europa, nachweislich unter anderem aus Italien und Frankreich, später auch Kriegsgefangene, vorwiegend aus Russland, eingesetzt. Zeugnis von ihrer Gemütsverfassung geben heute noch im Stiegenhaus und in vielen Kammern die leicht zu übersehenden, fragilen gekritzelten Inschriften mit Blei-, Kreide- oder Kohlestiften.

Parolen und Unmutsbekundungen sind zu sehen. Auch über die Heimatländer der Arbeiter erfährt mehr, wer die Graffitis in ihrer jeweiligen Landessprache auf den Innenwänden des Leitturms genauer betrachtet: "Mailand noch einmal sehen und sterben" ist ebenso eindeutig wie die Unmutsäußerung "Laval an den Galgen!" "Pierre Laval war der damalige französische Ministerpräsident, der mit der deutschfreundlichen Vichy-Regierung kollaborierte", gibt La Speranza Einblick in "eine Blase der Geschichte, die von einer mutwillig zusammengewürfelten Gesellschaft zeugt". An den Wänden verteilt finden sich weitere Zeichnungen von Flugzeugen, Schiffen, Panzern, aber auch Namen, banale Sprüche und mehr. Ebenso die mit Buntstift aufgemalten Blumen und Sonnen, offensichtlich von Kindern gezeichnet, die während der Bombenangriffe in den Gängen und Kammern mehrere Stunden ausharren mussten, geben trauriges Zeugnis.

Luftwaffenhelfer Qualtingers Notizheft

Im Inneren des Flakturms
Dieser Raum im 5. Stock könnte als Museum adaptiert werden. Wertvolle Sammelstücke stehen schon jetzt zur Verfügung. © PID / Christian Jobst

Der damals 16-Jährige Helmut Qualtinger (1928 bis 1986) versah nachweislich als Luftwaffenhelfer im Leitturm seinen Dienst. Er war damit einer von unzähligen Schülerinnen und Schülern, die dafür eingesetzt wurden. Qualtinger war scheinbar schon damals vom Theater fasziniert: La Speranza stellte im Leitturm des Arenbergparks ein Kartenabrissheft sicher, mit Notizen von Helmut Qualtinger, der für seine Kollegen das Nestroy-Stück "Nur keck" inszeniert hatte. Als Darsteller des grantigen Wieners, der wie eine Fahne im Wind der Mehrheit schön tut, wie es besonders gelungen im "Herrn Karl" umgesetzt wurde, ging Helmut Qualtinger in die Theatergeschichte ein.

Dieses Kartenheft ist nur eines von zahlreichen archäologisch wertvollen Fundstücken, die La Speranza in Vorbereitung auf ein Museum im 5. Stock des Leitturms aufbewahrt. Darüber hinaus hat er medizinische Objekte, ein säuberlich ausgefülltes Sanitätsbuch, Feldpostbriefe, Zahlungsbelege der Flakturmbatterie, Postkarten, Uniformteile, Kinderspielzeug - darunter ein kleines holzgeschnitztes Pferd - und Märchenbücher im Schutt gefunden. "Insgesamt rund 5.000 Gegenstände, jedes Dokument ein Einzelstück, habe ich geborgen. Es war wie eingefroren im Staub und Schmutz, um Generationen später entdeckt zu werden", so der Historiker.

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