Die Rennaissance des Kinos in der Leopoldstadt: Mit dem „Kino wie noch nie“ schuf das Filmarchiv Austria direkt vor der eigenen Haustür einen Fixpunkt des Wiener Sommers. © PID/Christian Fürthner

 

stadtUNbekannt: Kinogeschichte erleben im Filmarchiv Austria

Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt eine Schatzkammer des Wiener Films. Im Filmarchiv Austria verhelfen die ArchivarInnen nicht nur alten Filmaufnahmen zu neuem Glanz. Hier lagern historisch wertvolle Streifen aus den Anfangstagen des Kinos.

Carmen Cartellieri hat ihr großes Close-up. Kurz darauf wackelt ein Schauspieler mit buschigem Oberlippenbart und Turban ins Bild. "Die Puppe des Maharadjah" ist ein Film aus dem Jahr 1924, der heute in Vergessenheit geraten ist. Im Filmarchiv Austria wird der Film aktuell für einen großen Carmen-Cartellieri-Schwerpunkt bei der kommenden Ausgabe der Viennale restauriert. Anlass ist die Wiederentdeckung verloren geglaubter Cartellieri-Filme durch das Filmarchiv.

"Carmen Cartellieri war eine Film- und Kinopionierin und vielleicht der erste Kinostar in Wiens Filmgeschichte", erklärt Ernst Kieninger, Direktor des Filmarchiv Austria. Die gebürtige Tschechin war damals auf Plakaten und in den Promi-Berichten in den Zeitungen und Magazinen. Ende der 1910er-Jahre erlebte das Kino die Geburt des Starwesens. Plötzlich wurden Schauspielerinnen und Schauspieler zu überlebensgroßen Figuren, und das in einer Zeit, als das Kino das Massenmedium schlechthin war. "Gegen Ende der Monarchie gab es in Wien 130 Kinos", sagt Kieninger. Alleine im Prater gab es 1922 acht Kinos mit 4.439 Sitzplätzen.

 

Am Puls der Wiener Kinogeschichte

Das Filmarchiv Austria ist die zentrale Sammel- und Dokumentationsstelle für den österreichischen Film. In der Oberen Augartenstraße und in Laxenburg lagern 200.000 Filme, 2.000.000 Fotos, 48.000 Filmprogramme und 15.500 Filmplakate aus 120 Jahren Film. Der Standort im 2. Bezirk ist bewusst gewählt. "Die Leopoldstadt war immer ein Zentrum der Wien Film- und Kinokultur. Hier wurden die ersten Wiener Filme vorgeführt, und zwar im Wiener Prater. In diesem Bezirk lebten viele wesentliche Künstlerinnen und Künstler, darunter Josef von Sternberg und Schauspielerin Elisabeth Bergner", sagt Kieninger. "Darum war es uns ein Anliegen, hier zu arbeiten und auch das Kino zurück in die Leopoldstadt zu bringen. Mit unserem sommerlichen Open-Air-Kino am Augartenspitz ist uns das auch erfolgreich gelungen. "

Das Open-Air-Kino, bekannt als "Kino wie noch nie", befindet sich direkt neben dem Filmarchiv im Augarten. Versteckt, wie ein kleines Schmuckkästchen, wartet es auf seine Besucherinnen und Besucher. Vom verschnörkelten Torbogen mit seinen verspielten Märchenfiguren und kleinen Engeln über den verwachsenen Garten, der Gedanken an Kunstwerke über Feen und Fabelwesen weckt, könnte man meinen, in Shakespeares "Sommernachtstraum" gestolpert zu sein. Ein passende Analogie, schließlich lässt das Filmarchiv hier im Sommer mit Raritäten und speziellen Werken der Kinogeschichte so manchen Filmtraum wahr werden.

1896 gab es die erste Kinovorführung in Wien, damals durch die Gebrüder Lumiere in der Krugerstraße Ecke Kärntner Straße. Im selben Jahr machten die Praterunternehmer das Kino zur fixen Attraktion. Die ersten Spielfilme folgten einige Jahre später. In Wien waren das pikanterweise erotische Filme. Damals boomte die Freikörperkultur und die Filme des Saturn Studios nahmen diese, angereichert mit kleinen Storys, auf und verbreiteten sie weltweit. Diese Aufnahmen aus der Anfangszeit des Kinos sind im Filmarchiv erhalten.

Nackte in der Lobau und das Dekolleté von Carmen Cartellieri zeigen: "Das Kino war eine Gegenwelt zur bürgerlichen Moral, wo man immer wieder versucht hat, dramatische Konstellationen herzustellen, die daraus bestanden, dass jemand gegen die Moral verstößt. Bei Cartellieri war es die Promiskuität: Sie hatte immer viele Männer in den Filmen", sagt Kieninger.

Aus analog wird digital

Archiviert werden die filmischen Originale in den speziellen Klimadepots des Filmarchiv Austria in Laxenburg. Die Digitalisierung und digitale Filmrestaurierung erfolgt in der Technik-Abteilung im Wiener Augarten. Herzstück der Abteilung ist die 35-Millimeter-Digitalisierungsmaschine. Mit einem Lichtstrahl liest diese jedes einzelne Bild alter Filme in hoher Auflösung ein. Man kann damit auch Filme, die seit Jahrzehnten nicht mehr abgespielt werden konnten, digitalisieren. "Das analoge Filmmaterial ist erstaunlich langlebig. Da hilft auch, dass seit den ersten Stunden des Kinos bis ins frühe 21. Jahrhundert dasselbe Format dominiert hat: der 35-Millimeter-Zelluloidfilm. Wir können Aufnahmen, die über 100 Jahre alt sind, problemlos abspielen und archivieren", sagt Kieninger.

Es ist sogar möglich, dass die alten Aufnahmen moderne digitale Kopien überleben werden. Das nennt man in der Branche das 'digitale Dilemma'. Die größte Herausforderung für das Filmarchiv ist aber die Datenmenge. "Wir archivieren Filme in sehr hoher Auflösung. Wir haben berechnet, dass wir mit fünf solchen Spielfilmabtastungen dieselbe Datenmenge produzieren wie das österreichische Staatsarchiv mit seinen Aktendigitalisierungen in einem ganzen Jahr", sagt Kieninger. Ein Bild hat rund 50 Megabyte, der Film 24 Bilder pro Sekunde. Ein 90-minütiger Film hat somit rund 6.500.000 Megabyte oder 6,5 Terabyte. Eine gewaltige Datenmenge. Zum Vergleich: Eine durchschnittliche Festplatte für einen Heim-PC hat rund einen Terabyte.

Direkt neben der Digitalisierungsmaschine hat das Team der Filmrestaurationen seine Arbeitsplätze. Marco Gstettenhofer optimiert das Bild bei einer Dokumentation aus den 1970ern, "Die Kinder vom Lager Nord", ein Film über ein Obdachlosenzentrum, der auf dem allerersten österreichischen Filmfestival 1977 zu sehen war. Aktuell werden Farbkorrekturen vorgenommen. Der Rotstich des analogen Filmmaterials kann am Computer problemlos korrigiert werden. Die Kolleginnen und Kollegen können auch Filme vervollständigen, wie das aktuell aufsehenerregendste Projekt zeigt.

Neues Leben für Filmklassiker

"Die Stadt ohne Juden" entstand 1924. Bisher lag er nur unvollständig vor. Das fehlende Material fand man in Frankreich und das Filmarchiv konnte den Film endlich komplettieren. 2018 soll er zum Jubiläum der Republik Premiere feiern. "Es ist ein ganz bedeutsamer Film, der nach seiner Wiederentdeckung weltweit für Furore sorgte", sagt Kieninger. Der expressionistische Film zeigt die Vertreibung der Juden. Knapp ein Jahrzehnt nach seiner Entstehen wurde der Film von der Realität eingeholt.

Zwischen Filmboxen und 35-Millimeter-Aufnahmen werden im Filmarchiv-Standort Augarten auch Schmalfilme archiviert. Der Ausdruck Schmalfilm bezeichnet alle Formate, die schmäler sind als 35 Millimeter. Hauptsächlich sind es Privat- und Familienaufnahmen, die ein faszinierendes Bild des Lebens aus längst vergangenen Tagen zeigen. Auf dem Bildschirm sieht man eine Küste, die bei einem Familienausflug vom Boot aus aufgenommen wurde. Verträumt streichen die Häuser vorbei und man kann die Urlaubsstimmung direkt spüren.

Plakate und Fotos

Eine wahre Schatztruhe ist das Filmplakatarchiv. Hier lagern sämtliche Plakate des Filmarchivs. Die meisten sind luftdicht verpackt, ein paar bemerkenswerte Exemplare können jedoch in voller Größe bewundert werden. Ganz groß sieht man "Das Recht aufs Dasein", ein Poster aus dem Jahr 1914. Es ist einer der allerersten Filme aus dem Genre Krimi. Gedreht hat ihn der Österreicher Joseph Delmont in Berlin. Im Hintergrund hängt das Poster von "Ein Sommernachtstraum", die einzige US-Regiearbeit des legendären Max Reinhardt aus dem Jahr 1935.

Nicht minder spannend ist die Fotosammlung. Zwischen raumhohen Rollkästen gelagert, ermöglicht sie einen Einblick in die Geschichte des Kinos, von den Anfängen bis heute. Den Hauptteil der Sammlung machen Szenen-Fotos und Starfotos aus. Ernst Kieninger holt ein Album mit Fotografien von Hedy Lamarr hervor. Die Wienerin war eine der ganz großen Diven und wurde von Hollywood in den späten 30ern und frühen 40ern als schönste Frau der Welt vermarktet. Ihren großen Durchbruch feierte sie mit dem Wiener Film "Ekstase" - ein Film, der in seiner Zeit als Skandal-Streifen galt. In einer Szene reitet sie nackt auf einem Pferd durch das Bild. In den USA wurden Produzenten auf den Streifen aufmerksam und Lamarr wurde vom Fleck weg nach Hollywood geholt.

Zwischen den Fotos und Plakaten gibt es auch einige ganz besondere Stücke der Filmgeschichte. Ernst Kieninger zeigt den Schminkkoffer der Wiener Stummfilmikone Liane Haid, bekannt aus Wiener Klassikern wie "Lucrezia Borgia". Der Koffer beinhaltet Flacons, Tiegel und Spiegel der Diva.

Raritäten und vergessene Schätze

"Hier habe ich noch ein besonderes Stück", sagt Ernst Kieninger und schreitet zu den Filmboxen, die in der Augartenstraße gelagert sind. Obwohl der Großteil in Laxenburg aufgehoben wird, gibt es auch hier einige Juwele. "Das hier sind die 'Wiener Bilderbögen'", sagt Kieninger. "Diese Aufnahmen stammen aus den 1920er-Jahren von Louis Seel und sind die ersten Wiener Trickfilme, echte Pionierwerke!" Louis Seel erkannte früh das Potenzial des Stop-Tricks, sprich Aufnahmen anhalten, in andere Bilder einsetzen und damit Aufnahmen schneller machen oder lustige Szene künstlich zu kreieren.

Ein anderer Wiener Film dieser Zeit ist "Ja, warum fahren's denn ned?" und beschäftigt sich mit dem Straßenleben Wiens und auch dem öffentlichen Verkehr. Der Regisseur Peter Eng hat daraus kleine "Hoppalas" gebastelt, um das Publikum zu amüsieren. Eine typische Szene wäre wie folgt: Ein Bus fährt über den Ring, plötzlich liegt ein Mann drunter und auf einem Insert steht: "Hoppala, der Herr ist zu früh ausgestiegen!" Ob der Humor heute noch gut ankäme, das sei dahingestellt, damals hatte Eng aber die Lacher auf seiner Seite.

Zu guter Letzt bringt die Führung Kieninger zum Kinosaal im Inneren des Filmarchivs. Nicht nur unter freiem Himmel, auch hier werden Filme gezeigt. Teilweise besteht das Publikum aus Kulturwissenschafterinnen und -wissenschaftern, zum Teil gibt es hier aber auch öffentliche Vorführungen. Der kleine dunkle Raum ist gemütlich und erinnert an Kinotage in riesigen Filmcentern und ebenso großen, gefüllten Kinosälen. Einzig die Projektionstechnik ist nicht retro, sondern modern. Die Vorführung erfolgt auch hier mittlerweile digital.

Das Filmarchiv Austria sammelt Filme nicht zum Selbstzweck. Die Aufnahmen können und werden den Menschen zugänglich gemacht. Egal ob im Open-Air-Kino, dem Metro Kinokulturhaus, bei der Viennale oder online. Filme sind dazu da, gesehen zu werden. Wer sich für die Arbeit des Filmarchivs und die Geschichte des Wiener Kinos interessiert, ist dort gut aufgehoben und mit Anfragen willkommen.

Audiovisuelles Zentrum Augarten

Obere Augartenstraße 1 e
1020 Wien
Tel.: +43 1 216 13 00
E-Mail: augarten@filmarchiv.at

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Sekretariat: Mo-Do 10-17, Fr 10-16 Uhr
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