Der marokkanische Torbogen gibt der Feuerhalle Simmering einen leicht orientalischen Look. Die Idee dazu stammt von Architekt Clemens Holzmeister. Die zackigen Zinnen und geometrischen Formen sind Merkmale der expressionistischen Architektur. © PID/Markus Wache

 

stadtUNbekannt: Ein Erbstück des Roten Wien

Entdecken Sie mit unserer Serie stadtUNbekannt die Feuerhalle Simmering. Dort werden rund 6.500 Kremationen im Jahr durchgeführt. Die viel diskutierte Eröffnung 1923 war ein Verdienst des damaligen Wiener Bürgermeisters Jakob Reumann.

Was haben Japanerinnen und Japaner und die Arbeiterinnen und Arbeiter des "Roten Wien" gemeinsam? Eine eindeutige Vorliebe bei der Art der Bestattung: In Japan werden 99 Prozent aller Verstorbenen eingeäschert. In Österreich sind es auch schon über 50 Prozent, Tendenz steigend. Noch vor 100 Jahren wäre das undenkbar gewesen, da eine Kremation lange Zeit aus religiösen Gründen tabu war. 785 wurde das Einäschern von Karl dem Großen als heidnischer Brauch verteufelt und unter Androhung der Todesstrafe verboten. Es dauerte tausend Jahre, bis das Thema überhaupt wieder zur Sprache kam. Eine Wiedereinführung scheiterte jedoch stets am Widerspruch der Kirche.

 

Daran änderte sich bis 1919 nichts. In dem Jahr erzielten schließlich die Sozialdemokraten bei der Wiener Gemeinderatswahl die absolute Mehrheit und brachten Bewegung in die Debatte. Damit kamen sie einem Wunsch ihrer Wählerschaft nach. Vor allem die Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich mit der Religion nicht mehr identifizieren konnten, wünschten sich eine Alternative zur Erdbestattung. Tatsächlich wurde der Bau eines Krematoriums 1921 beschlossen, Architekt Clemens Holzmeister erhielt den Zuschlag. Das Einäschern wurde damit eine der Reformen des Roten Wien, erlebte jedoch erbitterten Widerspruch.

Einen Tag vor der Eröffnung verbot der Sozialminister Richard Schmitz der Christlichsozialen Partei die Feuerbestattung in ganz Österreich. Der damalige Wiener Bürgermeister Jakob Reumann zeigte sich unbeeindruckt und eröffnete die Feuerhalle dennoch. Die Thematik beschäftigte die Gerichte und wurde 1923 endgültig gelöst: Der Verfassungsgerichtshof entschied im Sinne der Stadt Wien: Das Bestattungswesen ist Sache der Länder und nicht des Bundes.

Ein Prunkstück der expressionistischen Architektur

Die Feuerhalle selbst ist auch architektonisch deutlich als Bauwerk der 1920er-Jahre zu erkennen. Damals war der expressionistische Stil in Mode. Die zackigen Zinnen und geometrischen Formen sind zwei Kennzeichen. Den Einfluss der Kunst sieht man deutlich. Das Gebäude sieht fast aus wie das Werk eines Bildhauers und scheint, wie damals sehr beliebt, wie aus Beton gegossen. Ebenfalls sehr deutlich zu sehen sind die orientalischen Einflüsse, die Clemens Holzmeister inspiriert haben. Die in marokkanischer Form gehaltenen Tore geben der Feuerhalle einen Hauch des Orients.

Im Inneren setzt sich der Stil von außen fort. Damals regierte in der expressionistischen Architektur der Hang zum Gesamtkunstwerk. Dementsprechend griff Holzmeister die Form der Tore in einem riesigen marokkanischen Fenster wieder auf. Der Innenraum besteht im Wesentlichen aus einem großen Altarraum und zwei kleineren Nebenräumen. Hier verabschieden sich Trauernde von ihren verstorbenen Angehörigen oder Freundinnen und Freunden im Rahmen einer Zeremonie. Die ist fast immer christlich. Im Islam und im Judentum sind Einäscherungen verboten.

Tumba und Keller

Herzstück dieser Räume ist die Aufbahrung des Sarges auf einer Tumba. Die Tumba, auch Hochgrab genannt, bezeichnet ein frei stehendes steinernes oder metallenes Grabmal in Form eines Sarkophags. Am Ende der Verabschiedungsfeier schließt sich der Deckel des Sarkophags und der auf der Aufzugsplattform stehende Sarg wird in das Untergeschoß des Gebäudes hinabgelassen. Dort wird der Sarg von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Krematoriums in Empfang genommen. Anschließend wird der eigentliche Kremationsvorgang gestartet. Ein populärer Mythos ist, dass sich der Sarg hier direkt in den Kremationsofen senkt. Dem ist nicht so.

Der Sarg wird durch die Tumba in den Keller hinuntergelassen. Der teilt sich grob in eine Einfahrtsgarage, einen Kühlraum, den Hauptraum mit den Öfen und die Leitstelle auf. Der Kühlraum dient klarerweise der Aufbewahrung der Särge bis zur Einäscherung. Kremationen dürfen laut Wiener Leichen- und Bestattungsgesetz nur einzeln durchgeführt werden.

Einerseits hilft der Sarg bei einer geordneten Aufbewahrung und Einäscherung. Andererseits spielen Pietäts- und Hygienegründe eine wichtige Rolle. Für die Kremation dürfen nur solche Särge, Sargbeigaben und sonstige Materialien verwendet werden, die keine Gefahren für die Gesundheit von Menschen, für die Beschaffenheit der Umwelt und für die Einäscherungsanlage mit sich bringen.

Leistungsstarker Gasofen

Im Hauptraum befinden sich ein gasbetriebener und zwei elektrisch betriebene Kremationsöfen, die jeweils an riesige Lüftungsschläuche angeschlossen sind. Der dreieinhalb Meter hohe Gasofen alleine hat ein Gesamtgewicht von 34 Tonnen. Das entspricht etwa dem Gewicht von 24 VW Golf. Das Ofenstahlgestell wiegt rund 2,5 Tonnen, dies entspricht dem Gewicht eines VW-Transporters inklusive einer vierköpfigen Familie.

Das Volumen der Hauptbrennkammer beträgt rund zwei Kubikmeter und man kann darin ein Gesamtgewicht von bis zu 350 Kilogramm einäschern. Im Ofen werden Temperaturen von rund 1.200 Grad erreicht. Zum Vergleich: Die Schmelztemperatur beträgt bei Blei 327 Grad, bei Magnesium 650 Grad, bei Aluminium 660 Grad, bei Bronze 900 Grad und bei Kupfer 1.084 Grad. Um so hohe Temperaturen zu erreichen, braucht es neben Gas auch jede Menge Sauerstoff. Dem Ofen kann durch die Verbrennungsluftanlage bis zu 2.700 Kubikmeter Luft pro Stunde zugeführt werden.

Die beiden elektrischen Öfen wiegen jeweils 16 Tonnen, die verbauten Schamottsteine 14 Tonnen. Das Volumen der Hauptbrennkammer beträgt rund eineinhalb Kubikmeter. Täglich können acht bis zehn Kremationen durchgeführt werden. Jeder Ofen verfügt über vier Heizzonen, in denen Heizspiralen in das Mauerwerk eingebaut sind. Jede Heizzone hat eine Leistung von 20 Kilowatt. In diesen Öfen werden Temperaturen von bis zu 1.500 Grad erreicht. Einem elektrischen Ofen kann durch die Verbrennungsluftmotoren bis zu 1.500 Kubikmeter Luft pro Stunde zugeführt werden.

Hinter den Öfen befindet sich die Leitstelle. Hier laufen alle Informationen über den Kremationsablauf der einzelnen Öfen zusammen. Die Mitarbeiter wissen immer Bescheid, wie heiß es im Ofen wird, wie viel Luft es braucht und ob alle Teile korrekt funktionieren.

Feuerhalle schrieb Geschichte

Genau hier, in diesen Räumen, kam es am 17. Jänner 1923 zur ersten Einäscherung. Nachdem zuvor die ordnungsgemäße Funktionsweise des neu erbauten Kremationsofens an zwei Schweinen getestet wurde, war eine Altkatholikin, die sich aus tiefstem Herzen eine Einäscherung gewünscht hatte, die erste Wienerin, die kremiert wurde. Bürgermeister Jakob Reumann und sein Vizebürgermeister Georg Emmerling waren zugegen.