Der verwilderte Innenhof der Alten Universität. Bis 2020 soll hier ein Begegnungsort für WissenschafterInnen entstehen. © PID/Christian Fürthner

stadtUNbekannt: Alte Universität wird zum neuen Akademie-Campus

In der Wiener Innenstadt entsteht ein neues Wissenszentrum. Ein versteckter Hinterhof und eine einst prunkvolle Bibliothek werden dadurch wieder öffentlich zugänglich. stadtUNbekannt hat sich auf die Spuren des alten Universitätsviertels begeben.

Anna Mader-Kratky öffnet das Fenster. "Hier sieht man den ehemaligen Garten der Jesuiten", sagt die Kunsthistorikerin und zeigt nach unten. Der Ausblick ist unspektakulär. Ein rechteckiger Innenhof mit wuchernden Gräsern und Sträuchern. Rund herum Gebäude, die in die Jahre gekommen sind. An vielen Stellen bröckelt der Putz, die alten Holztüren sind verwittert, den Fensterrahmen fehlt Farbe. Der einzige Baum ist jahreszeitlich bedingt kahl. "Derzeit gleicht das Areal einer G'stettn, wie man in Wien sagt", bringt es die Kunsthistorikerin auf den Punkt. Für Anton Zeilinger sogar die schönste G‘stettn des ersten Bezirks. Als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die Teile des Gebäudes nutzt, muss er es wissen. 

Lange wird die Hinterhofidylle allerdings nicht mehr so wüst und brach sein: In den nächsten Jahren soll auf dem Areal des alten Universitätsviertels ein neuer Wissenschaftscampus entstehen. Was aus dem derzeit gesperrten Garten wird, ist noch nicht endgültig entschieden. "Jetzt starten die Projektplanungen", sagt Mader-Kratky. "Fest steht jedenfalls, dass der begrünte Hof erhalten bleibt und öffentlich zugänglich wird." Im Rahmen von Veranstaltungen zum Beispiel.

ÖAW bekommt neue Büros

Der rechteckige Gebäudekomplex zwischen Bäcker-, Post- und Schönlaterngasse wird zum Teil schon jetzt wissenschaftlich genutzt. Rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ÖAW haben hier ihren Arbeitsplatz. Die renovierungsbedürftigen Büros und Verwaltungsgebäude entsprechen allerdings nicht mehr den notwendigen technischen Anforderungen. In den Büroräumen stapeln sich die Bücher bis an die Decken und die alten Strukturen sind rundherum spürbar. Das heißt auch: die Räume sind schwer zu heizen im Winter, kaum zu kühlen im Sommer. "Dennoch hat es einen Charme, in historischen Räumlichkeiten zu arbeiten, und wir empfinden die zentrale Lage in der Innenstadt als großes Privileg", wie Mader-Kratky betont.

Denkmalschutz ist eine Herausforderung

Zweieinhalb Trakte werden von der ÖAW derzeit genutzt. "Wir arbeiten in jenen Zimmern, die den Jesuiten früher zur Verfügung standen", sagt Mader-Kratky. Durch die Generalsanierung soll sich die Situation verbessern. Geplant sind Büros mit moderner Infrastruktur, ergänzt um Seminar- und Veranstaltungsräume sowie „shared spaces“ als Orte des wissenschaftlichen Austauschs. Kein einfaches Unterfangen, da die Gebäude unter Denkmalschutz stehen.

Ältester Uni-Standort Wiens

Zu Recht, wenn man sich die Geschichte des Platzes anschaut. "Das Jesuitenkolleg ist der älteste erhaltene Standort der Universität Wien. Schon der mittelalterliche Vorgängerbau, das 1384 gegründete Collegium Ducale, hatte hier seinen Sitz. "Das Areal wurde aber bald zu klein, weil die Zahl der Studierenden stark gestiegen ist." Ab dem 16. Jahrhundert änderte sich das. In Wien wütete die Pest, in Deutschland wurden mehrere Universitäten gegründet. Viele Studierende wanderten dahin ab. Um die Universität Wien wieder in Gang zu bringen, musste man sich also etwas überlegen. Kaiser Ferdinand I. holte daher den Jesuitenorden, einen katholischen Männerorden, nach Wien. Dieser übernahm die Lehrstühle der philosophischen und theologischen Disziplinen. Mittlerweile ist Mader-Kratky im Erdgeschoß angekommen. Sie geht hinaus auf die Postgasse, biegt in die Bäckerstraße ein, vorbei an der Aula der Wissenschaften und steht auf dem Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, direkt vor der Jesuitenkirche. Links befindet sich der Eingang zur Alten Universität aus dem 18. Jahrhundert, heute das Hauptgebäude der ÖAW.

Jesuiten sollten Abwanderung verhindern

"Unter den Jesuiten begann eine rege Bautätigkeit", sagt Mader-Kratky. "Der Bau des Jesuitenkollegs samt Jesuitenkirche ab 1624 veränderte Wiens Straßenbild. Der riesige Vierkanter sollte das Viertel hier ganz bewusst dominieren. Wenn man alte Stadtpläne studiert, sieht man, dass die Riemergasse ursprünglich durchgehend verlaufen ist. Mit dem Jesuitenkolleg wurde sie getrennt. Man wollte eine in sich geschlossene Welt schaffen. Selbst die Straßen rundherum wurden mit Ketten abgesperrt, sodass kein Durchzugsverkehr möglich war, um den Universitätsbetrieb nicht zu beeinträchtigen."

Orden übte starken Einfluss aus

Auch an anderer Stelle zeigte sich bald die Macht der Jesuiten. "Der Orden hatte bis ins 18. Jahrhundert eine Vormachtstellung an der Universität. 95 Prozent der Hochschüler studierten an der Artistenfakultät und der theologischen Fakultät unter der Leitung der Jesuiten." Schließlich wurde der Einfluss der Jesuiten in ganz Europa zu groß und der Orden wurde sukzessive in diversen Ländern verboten. "Maria Theresia verhielt sich allerdings zurückhaltend und machte ein Verbot von der Entscheidung des Papstes abhängig, das 1773 erfolgte und zur Auflösung des Ordens führte. Die Jesuiten mussten daraufhin alle Räumlichkeiten verlassen, als Lehrende blieben dennoch viele von ihnen an der Universität."

Ein Trakt für Jesuiten bereitgestellt

"Das Kolleg stand in weiterer Folge ausschließlich der Universität zur Verfügung und wurde später der ÖAW übergeben", erzählt Mader-Kratky auf dem Rückweg zum Eingang in der Postgasse. Sie durchquert das Stiegenhaus, nimmt den Schlüssel aus der Tasche und sperrt eine alte Tür auf. Die führt direkt in den Garten. Schräg gegenüber sieht man eine überwucherte Ziegelmauer, die Türme der Jesuitenkirche und darunter drei Fenster. "Dahinter befinden sich Räumlichkeiten der Jesuiten. Das Gebäude gehört ihnen allerdings nicht mehr , obwohl den Mitgliedern nach der Wiedereinsetzung des Ordens wieder ein separater Trakt zur Verfügung gestellt wurde. Das wird sich auch nach der Sanierung nicht ändern. Verwaltet werden die Gebäude heute von der Bundesimmobiliengesellschaft."

Alte Bibliothek wird öffentlich zugänglich

Sehr wohl ändern wird sich aber etwas im ersten Stock des Gebäudes. Mader-Kratky geht zurück ins Stiegenhaus und links die Stiege hinauf. Wieder sperrt sie eine Tür auf. "Das ist die alte Bibliothek der Jesuiten", sagt sie. Ein barockes Juwel, allerdings jahrzehntelang vernachlässigt. Die Fenster schwarz verkleidet, der Boden abgenutzt, in der Mitte des rund 240 Quadratmeter großen Raumes zwei Tafeln. Eine zeigt die ursprüngliche Einrichtung mit barocken Holzregalen. "Die Bibliothek wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgebaut", erklärt sie. "Ursprünglich zeigte Fürst Liechtenstein für eines seiner Schlösser Interesse daran, aus dieser Übernahme der Möbel wurde aber nichts. Heute weiß man nur noch von einem Tisch mit integrierten Sesseln, der in die Sammlung des Museums für angewandte Kunst (MAK) gelangt ist. Die Bücher gingen in andere Bibliotheken über, darunter auch die Österreichische Nationalbibliothek." Die zweite Tafel zeigt ein Foto des gut erhaltenen Deckenfreskos aus dem 18. Jahrhundert.

Deckenfresko im Original erhalten

Das Original geht quer über die gesamte Decke und stammt vom schwäbischen Maler Anton Hertzog. In prächtigen Farben zeigt es Allegorien der Wissenschaften. "Wie im 18. Jahrhundert üblich, sind die einzelnen Fachrichtungen personifiziert dargestellt. Anhand der Attribute in ihren Händen wird deutlich, wofür die einzelnen Figuren stehen. Die Frau mit der Erdkugel für Erdkunde, der Mann mit der Feder für die Geschichtsschreibung. Später ging man zu realitätsnahen Darstellungen über, wie sie das Fresko im Festsaal der ÖAW zeigt." Das hintere Drittel des ehemaligen Bibliothekssaales ist durch provisorische Zwischenwände abgetrennt und wird derzeit als Lager genutzt. Der Holzboden ist sichtbar beansprucht worden. "Das kommt daher, dass der Polizeisportverein den Saal jahrelang als Tischtennishalle genutzt hat", lautet die Erklärung. Auch Postsparkasse, Fremdenpolizei und Passamt waren kurzzeitig eingemietet. Nach der Instandsetzung des Gebäudes soll der Saal wieder zur öffentlich zugänglichen Bibliothek werden Die Besucherinnen und Besucher können hier künftig auf die umfangreichen Bestände der Bibliothek der ÖAW und ihrer wissenschaftshistorischen Sammlungen zugreifen. Betrachten des Deckenfreskos inklusive.

Drei Jahre Umbauzeit

Für den neuen Campus stellt das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft 30 Millionen Euro zur Verfügung. Derzeit rechnet man mit drei Jahren Bauzeit. Die neuen Räume in der Postgasse werden dann vor allem von den geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten der ÖAW genutzt. Zu den bereits bestehenden Arbeitsplätzen sollen weitere 200 hinzukommen.

Video: Österreichische Akademie der Wissenschaften