Relikte einer dunklen Zeit geben in ehemaligen Luftschutzkellern der Wiener Innenstadt immer noch die Richtung an. © PID/David Bohmann

stadtUNbekannt: Zeitreise in die Tiefen der Stadt

stadtUNbekannt begibt sich auf die Spuren des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte: in den Luftschutzkellern der Inneren Stadt aus dem Zweiten Weltkrieg.

In Begleitung des Historikers Marcello La Speranza und seiner kräftigen Taschenlampe geht es zunächst die steile Kellerstiege in einem Altbau der Tuchlauben und dann in einen Keller in der Singerstraße in der Wiener Innenstadt hinab. Je mehr er über die dunkle NS-Zeit erzählt, desto beklemmender werden die bombensicheren Gewölbe und die engen, verzweigten Gänge, die seinerzeit Schutz vor Fliegerbomben bieten sollten.

Die Erforschung und Dokumentation sei ein Wettlauf gegen die Zeit. Dabei deutet er auf das Wort "Schutzraum", bei dem sich das "S" schon in der feuchten Mauer verliert. Er zeigt mit dem Lichtkegel seiner Lampe auf phosphoreszierende Markierungen an der Wand, deren Leuchtfarbe immer noch grünlich schimmert, verweist auf Richtungstafeln und Beschriftungen an den Wänden. Zu lesen sind "Sanitätsraum", "Ruhe bewahren" oder "Fassungsraum 69 Personen", was gründliche Berechnungen bezeugt.

Unterirdische Stadt in der NS-Zeit

An anderer Stelle wird mit "Gasschleuse" auf einen speziellen Bereich in den Sammelschutzräumen hingewiesen, der hermetisch verschließbar gegen chemische Kampfstoffe schützen sollte. Quietschende, schwere Stahltüren sowie druck- und splittersichere Blenden an Wänden sollten denselben Zweck gegen Bomben erfüllen. Es offenbart sich ein ursprünglich einheitliches Leitsystem, das tausenden Menschen das Leben gerettet hat. Selbst Vorratskammern waren eingerichtet, in denen die Schutzsuchenden mit Lebensmittelmarken bezahlen konnten.

Spannende und zugleich bedrückende Einblicke in das unterirdische Wien gibt La Speranza: "Mehrere Etagen reichen die Bauwerke in die Tiefe, die Zeugnis über das dunkelste Kapitel unserer Geschichte abgeben". Besucht habe er schon hunderte ehemalige Luftschutzkeller. In jedem zwanzigsten bis dreißigsten Wiener Altbau seien solche Räume zu finden, aber wenige davon zugänglich. Wenn er die Erlaubnis habe, könne er diese Räume aufsuchen und "die noch erhaltenen Rudimente des Zweiten Weltkriegs dokumentieren", betont er. Denn versperrte Zugänge in Privathäusern, feuchte Wände und moderne Kellerausstattungen erschweren die Erforschung zunehmend.

Luftschutztaugliche Keller

Insgesamt 53 Mal wurde Wien 1944 und 1945 aus der Luft angegriffen, 110 Mal heulten die Luftschutz-Sirenen. Etwa 9.000 Menschen starben. Diese Zahl wäre ohne Luftschutzkeller unbestritten noch weit höher gewesen. "Schon 1943 wurden alte Wein- und Lagerkeller umfunktioniert. Manche stammen noch aus dem Mittelalter. In den Tiefen der 2.000 Jahre alten Stadt finden sich ebenso noch Mauerreste aus der Römerzeit", erklärt La Speranza. In den folgenden Jahrhunderten wurden innerhalb des damaligen Festungsgürtels, der Ring- und der Stadtmauer, historische Keller vorangegangener Epochen wieder "entdeckt". "Jene unterirdischen Labyrinthe, die in der NS-Zeit als 'luftschutztauglich' geeignet schienen, wurden zum 'Luftschutz-Raumnetz Innere Stadt' ausgebaut", weiß der Historiker.

Spuren aus der Zeit des Bombenkrieges sind noch heute, rund siebzig Jahre nachdem die Wiener Bevölkerung in Katakomben und Kellern Schutz suchte, erkennbar. "Erhalten sind neben den Aufschriften und Tafeln auch Notausstiege und Mauerdurchbrüche, die in den Nachbarkeller oder nächsten Häuserblock führten, wenn die eigene Kellerstiege und Umgebung verschüttet waren. Oder lange Verbindungsgänge, die bis in trümmerfreie Parkanlagen oder Plätze wie den Morzin- und Rudolfsplatz leiteten", so La Speranza. Wer genau auf die Gehsteige achtet, kann einen der typisch gekennzeichneten Notausstiege überirdisch entdecken: Neben einem Restaurant in der Wollzeile im 1. Bezirk befindet sich in der schmalen Gasse ein vermeintliches Kanalgitter mit der Aufschrift "Mannesmann Luftschutz". 

Siebzig Jahre sind nur eine Sekunde

Aus historischer Sicht ist die Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Wimpernschlag in der Geschichte. So gesehen ist es wenig verwunderlich, dass die klassische Archäologie kein enormes Interesse an der jüngeren Zeitgeschichte hat: "Jede Pfeilspitze aus der Römerzeit findet Beachtung und wird archiviert. Aber Kriegsarchitektur wie Luftschutzkeller, Bunker und Flaktürme werden noch zu wenig beachtet", meint La Speranza, der selbst in Carnuntum im römischen Legionslager gegraben hat. Seit rund 25 Jahren untersucht und dokumentiert er die "Hinterlassenschaften der Wiener Bunkerlandschaft", auch für die Wiener Stadtarchäologie. "Die meisten Wienerinnen und Wiener wissen um ihre mehrere Etagen unterkellerten Häuser. Aber nur wenige wissen, dass dort unten bauliche Rudimente des Zweiten Weltkrieges schlummern. Vieles ist inzwischen umgebaut. Wie zum Beispiel der ehemalige Tiefbunker zur Garage unter dem Park des Friedrich-Schmidt-Platzes", erinnert La Speranza.

 

 

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