Valentin Wollenek übt seinen Beruf mit Leidenschaft aus und kann gut auf die Sorgen und Ängste der kleinen Patientinnen und Patienten eingehen. © PID/David Bohmann

 

Kinderarzt für die Seele

Auch Kinder und Jugendliche haben psychische Krisen. Und selten ist die Diagnose einfach. Der angehende Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Valentin Wollenek (27) leistet im Neurologischen Zentrum Rosenhügel Detektivarbeit.

CLUB WIEN: Es duftet nach Palatschinken und überall liegt Spielzeug: Wie lange sind die jungen Patientinnen und Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

Valentin Wollenek: Meist dauert es vier bis acht Wochen, um abzuklären, wie wir dem Kind helfen können. Bei akuten Krisen reichen oft ein paar Tage Aufenthalt, um diese zu überwinden. Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Physio-, Ergo-, Musik- und Kunsttherapeutinnen und -therapeuten, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Psychologinnen und Psychologen arbeiten zusammen. Wir sind für die Familien oft die letzte Hoffnung.

Wie geht es den Kindern, wenn sie herkommen?

Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Es gibt Kinder, die gekränkt sind, weil die Eltern sie herbringen. Manche sind aber froh, dass sie endlich über ihr Problem sprechen können. Sie fühlen sich ja selbst nicht wohl und wissen, dass bei ihnen etwas nicht gut läuft. Die Kinder fühlen sich erleichtert, dass sie hier mit jemandem reden können, der damit umgehen kann. Mit Selbstmordgedanken zum Beispiel will kein Kind seine Eltern belasten. Wir haben auf der Station zwölf Betten, es fühlt sich ein bisschen an wie im Ferienlager. Ich stelle mich als Kinderarzt für die Gefühlswelt und die Seele vor, und die Kinder fassen recht rasch Vertrauen zu mir.

Haben Sie sich deshalb für diese Fachrichtung entschieden?

Eigentlich wollte ich in die Gerichtsmedizin, das hat im Fernsehen spektakulär ausgesehen. Nein, ernsthaft: Das ist ein extrem spannendes Fach. Aber weil das Praktikum dafür nur acht Wochen dauert, musste ich noch etwas dranhängen. Das war dann die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Da habe ich mein Herz verloren. Ich kann gut mit Kindern und sie mit mir. Ich helfe auch bei den Pfadfinderinnen und Pfadfindern, ich mag den Umgang mit Kindern. Sie sind weniger darauf gedrillt, was man sagen und tun darf, als wir Erwachsene. Medizinisch gesehen ist das Fach so interessant, weil die multidisziplinäre Arbeit wichtig ist. Wir leisten Detektivarbeit, deuten nonverbale Zeichen, sprechen mit den Eltern, beobachten beim Spielen und in den Therapien. Wichtig ist, die Kinder nicht in eine Schublade zu stecken. Diagnosen sind für Erwachsene gemacht, Kinder zeigen oft Aspekte verschiedener Krankheitsbilder.

Ist es eine besondere Herausforderung, mit kranken Kindern zu arbeiten?

Kinder sind keine offenen Bücher. Ihre Probleme sind vielschichtig, es gibt psychische, biologische und soziale Faktoren. Du kannst keinem Kind helfen, ohne das Umfeld miteinzubeziehen. Gewalt und Missbrauch können ein Thema sein, das ist sehr sensibel. Was für uns alle wichtig ist: bei aller Empathie auch professionellen Abstand halten. Und positiv bleiben, denn wir können fast immer helfen.

Welchen grundsätzlichen Rat können Sie Eltern für die Erziehung geben?

Kinder lieben und fördern, altersadäquate Grenzen setzen und ihnen vernünftige Verantwortung geben.