Für die jahrelange Unterstützung und Begleitung einer Kundin bekam waff-Berufs- und -Bildungsberaterin Waltraud Lehner-Hätönen das Goldene Staffelholz. © PID/Christian Jobst

Ein Tag unter waff-MitarbeiterInnen: "Man muss gut zuhören, um helfen zu können"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN begleitet Waltraud Lehner-Hätönen vom waff bei ihrer Arbeit. Sie hilft Menschen bei ihrer beruflichen Weiterbildung, unterstützt und begleitet sie auch über Jahre hinweg.

Waltraud Lehner-Hätönen ist Berufs- und Bildungsberaterin beim Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds, kurz waff. Sie berät Kundinnen und Kunden, die Abschlüsse nachholen, sich beruflich weiterbilden oder umorientieren wollen, und hilft bei Förderanträgen. Manche sind auch schlicht mit ihrer gegenwärtigen Arbeitssituation unzufrieden und wollen etwas ändern, sind sich aber noch nicht im Klaren was - auch da hilft Waltraud. Für die langjährige Unterstützung und Begleitung einer Kundin wurde Waltraud letztes Jahr ausgezeichnet. Doch dazu später mehr.

Verschlungenen Weg selbst gegangen

Sogenannte "atypische Lebensläufe" kennt Waltraud aus eigener Erfahrung. Sie kann sich deshalb wohl besonders gut in ihre Kundinnen und Kunden hineinversetzen. Die gebürtige Oberösterreicherin besuchte zunächst eine Hotelfachschule und arbeitete zwei Jahre an der Rezeption. Nach einer ersten Umschulung zur Jugendleiterin machte sie eine Ausbildung in personenzentrierter Gesprächsführung und ging für ein Jahr nach Bolivien. Im zweiten Bildungsweg machte sie die Studienberechtigungsprüfung und studierte Soziologie und Spanisch.

Den Weg, den sie gegangen ist, bringt Waltraud in den Beratungsgesprächen gerne als Beispiel: "Manche sagen: 'Jetzt bin ich 29 und hab noch nichts weitergebracht.' Ich selbst hab mit 29 erst zu studieren begonnen. Weil ich nicht in der Hotellerie bleiben wollte, wechselte ich in die Sozialarbeit. Ich wusste, ich muss da eine gute Ausbildung machen, um erstens das Know-how zu haben, aber auch um ein gutes Standbein zu haben. So hab ich eben die Studienberechtigungsprüfung gemacht."

Tag beginnt am Vorabend

Nach dem Studium 1998 begann Waltraud bei Amandas Matz, einer Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen beim Matzleinsdorfer Platz. Diese wurde zwei Jahre später in den waff eingegliedert. Seitdem arbeitet Waltraud dort. "Ich finde es toll, was der waff macht. Nämlich Frauen und Männer zu unterstützen, ihre Chancen im Beruf zu verbessern und damit die Türe in eine neue Jobzukunft aufzustoßen", sagt die Berufs- und Bildungsberaterin.

"Kein Tag ist wie der andere", sagt Waltraud. Für bestimmte Rituale ist trotzdem Platz: Noch bevor ihr Computer hochgefahren wird, gibt es für sie einen Kaffee. Ihre Arbeitstage beim waff mögen dank der Geschichten und Lebenssituationen ihrer Kundinnen und Kunden unterschiedlich sein, eines haben sie gemein: Sie beginnen meist schon am Vorabend. "Welche Termine stehen an? Welche Anliegen haben die Frauen und Männer, die zu einem Beratungsgespräch kommen? Haben sie bereits ein konkretes Förderanliegen oder braucht es noch Beratung? Werden sie von ihrem Umfeld unterstützt? Welche sozialen Netzwerke haben sie?", erläutert Waltraud die Fragen, mit denen sie sich auseinandersetzt. Beraten wird am Vormittag telefonisch, am Nachmittag gibt es dann persönliche Gespräche mit jenen, die im Beruf vorankommen wollen.

Goldenes Staffelholz für jahrelange Unterstützung

Außerdem finden regelmäßig Teamsitzungen statt, bei denen man sich austauscht und aktuelle Fälle bespricht: "Wir unterstützen uns gegenseitig sehr - sei es am Gang oder in unseren Sitzungen. Denn in der Beratung bin ich zwar mit der Kundin oder dem Kunden alleine und muss Dinge alleine entscheiden. Aber ohne unser Team von der Psychologin bis zur Soziologin und ohne Erfahrungsaustausch könnten wir nicht so kompetent helfen."

Manche ihrer Schützlinge begleitet Waltraud nun schon seit Jahren. Letzten Herbst wurde sie für ihr langjähriges Engagement für eine Kundin mit dem Goldenen Staffelholz ausgezeichnet. Diese Trophäe für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt Wien wird seit 2015 verliehen. 2017 stand sie unter dem Motto "Arbeiten für Wien, deshalb macht mein Job Sinn - Erzähl uns dazu Deine Geschichte!".

Der Traum vom Studium

Die Geschichte von Waltraud und ihrer Kundin, Frau K., beginnt 2009. Da betrat die damals 22 Jahre junge Frau erstmals das Büro der waff-Berufs- und -Bildungsberaterin. Ursprünglich aus Rumänien, arbeitete sie seit zwei Jahren in einem Kaffeehaus. Um ihren Arbeitsplatz abzusichern, wollte sie einen Barista-Kurs machen, bei dem unterrichtet wird, wie Kaffee exakt geröstet und zubereitet wird. Ihr eigentlicher Traum war aber zu studieren - Frau K. war jedoch der Meinung, dass für sie diesbezüglich der Zug abgefahren war. Waltraud hingegen zeigte ihr auf, welche Möglichkeiten es für sie gibt: mit ihrer zweijährigen Erfahrung im Café zuerst ein Lehrabschluss als Restaurantfachfrau, danach Berufsreifeprüfung und schließlich Studium.

"Da hat sie mich mit großen Augen angeschaut: Das geht?", erinnert sich Waltraud. Als kurzfristiges Ziel riet sie Frau K., zunächst den Barista-Kurs zu machen. Immerhin braucht man für die weiteren Schritte einen langen Atem, und zwar über Jahre. Aber Frau K. stellte sich nach kurzer Bedenkzeit der Herausforderung, meisterte nach bestandenem Lehrabschluss im Rahmen der Berufsreifeprüfung Matura und Englisch bravourös, scheiterte aber zunächst an der Deutschmatura.

Mensch im Fokus

"Sie hat sich zwischendurch immer gemeldet, doch dann herrschte ungefähr ein Jahr lang Funkstille. Da dachte ich mir: Oje, oje, sie wird doch nicht aufgegeben haben", so Waltraud. Letzten Herbst aber kam ein Anruf von Frau K.: Die Berufsreifeprüfung war bestanden, der Bachelor fast fertig. Außerdem hatte sie geheiratet und ein Kind bekommen. Im Februar schließlich kam sie mit dem Bachelor-Zeugnis bei Waltraud vorbei, im Sommer wird sie den Master machen.

Das sorgt natürlich auch bei Waltraud für große Freude, steht für sie der Mensch doch bei jedem Fall im Fokus: "Ich finde es spannend, was die Menschen an Geschichten mitbringen. Jede Person kommt nicht nur mit einer anderen Erwerbsbiografie, sondern ebenso mit einer privaten Geschichte. Da werde ich natürlich auch mit verschiedenen Schicksalen und Problemen konfrontiert. Deshalb ist mein Ziel: Wenn die Person rausgeht, soll es ihr besser gehen."