Erhan Gül (47) ist seit 13 Jahren Totengräber bei den Friedhöfen Wien. Angefangen hat er als Friedhofshelfer, seit fünf Jahren ist er nun Friedhofsgehilfe. © PID/Christian Houdek

Ein Tag unter Totengräbern: Die Arbeit mit dem Tod

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. Wir begleiten Totengräber Erhan Gül von den Friedhöfen Wien bei der Arbeit auf dem Zentralfriedhof.

Über dem Zentralfriedhof hängt im November tiefer Nebel. Es ist kalt und noch dunkel. Die Grabsteine sind mit kleinen Tautropfen bedeckt und das umliegende Gras hat schon saftiger ausgesehen. Noch ist es still auf dem Friedhof. Nur das Krächzen der Krähen durchbricht die Ruhe. In der Ferne hört man das Scharren einer Schaufel, die in die Erde sticht. Erhan Gül (47) ist schon bei der Arbeit. Um sieben Uhr in der Früh beginnt sein Dienst. Und um acht Uhr gibt es bereits die erste Beerdigung - eine Sozialbeerdigung. Eine solche findet dann statt, wenn die Kosten für die Beisetzung nicht durch den Nachlass des Verstorbenen gedeckt sind oder den Nachkommen nicht ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Dann übernimmt die Stadt die Kosten.

Gül zeigt dem Leichenwagen den Weg zur Aufbahrungshalle. © PID/Christian Houdek

Güls Aufgabe ist es, den Sarg während des Kondukts, also dem Trauerzug, gemeinsam mit einem Kollegen von der Aufbahrungshalle zur Grabstätte zu tragen. Das macht er bereits seit 13 Jahren. So lange arbeitet er schon auf dem Zentralfriedhof. "Ich bin durch einen Bekannten zu diesem Job gekommen. Zuerst habe ich als Saisonarbeiter gearbeitet", sagt er. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Friedhöfe Wien fangen grundsätzlich als Saisonarbeiterinnen oder Saisonarbeiter an und übernehmen zunächst die Aufgaben eines Friedhofhelfers. Dazu gehört etwa, Gräber so umzugraben, dass zu den bereits Beerdigten weitere dazukommen können. Das nennt man im Fachjargon "Beilagen vorbereiten".

Gül bei der "Schließung" eines Grabes im Zuge eines Kondukts (l.). Die Friedhofsgehilfen begleiten vor allem Sozialbeerdigungen und tragen dabei unter anderem die Särge. Begleitet werden Trauerzüge von einem Zeremonienmeister der Bestattung Wien (r.) © PID/Christian Houdek

Exhumieren gehört zum täglichen Brot

Nach fünf Jahren stieg Gül zum Friedhofsgehilfen auf. Seither nimmt er vermehrt Grabzusammenlegungen und Exhumierungen vor. "Als Friedhofshelfer sieht man die Verstorbenen eigentlich nie. Als Gehilfe muss man früher oder später Leichen ausgraben. Das ist vor allem am Anfang nicht ganz einfach", so Gül. An seine erste Exhumierung kann sich Gül noch gut erinnern: "Früher wurden Verstorbene oft in Plastik gehüllt. Wahrscheinlich glaubte man, das Plastik würde irgendwann verrotten. Als ich die verpackte Leiche sah, war das kein schöner Anblick." Gül sagt, er habe sich aber ziemlich schnell an den Friedhof als seinen Arbeitsplatz gewöhnt. Die Kollegen unterhalten sich auch gerne miteinander. Wenn jemanden etwas belastet, dann hilft oft schon reden. Das Totengräber-Team auf dem Zentralfriedhof ist zwar zurzeit ausschließlich männlich, aber dennoch bunt gemischt. Momentan arbeiten hier Wiener mit österreichischen, serbischen, türkischen, rumänischen, ungarischen und kurdischen Wurzeln. "Wir verstehen uns alle sehr gut. Es ist egal, wo jemand herkommt, Hauptsache, man geht respektvoll miteinander um", sagt Gül.

Gül hebt ein Grab mit seiner Schaufel aus. Neben einer Schaufel zählen ein Besen und ein Fahrrad zu seinen Arbeitsgeräten. © PID/Christian Houdek

Ohne Fahrrad geht nichts

Nach der Beerdigung um acht Uhr fährt Gül mit dem Fahrrad zu einem anderen Grab, das ausgehoben werden muss. "Der Zentralfriedhof ist so groß, ohne Fahrrad würden wir für unsere Wege zu lange brauchen", sagt er. Der Zentralfriedhof gehört zu den größten Friedhöfen Europas. Auf einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern befinden sich rund 330.000 Gräber. Darunter sind zahlreiche Ehrengräber wie etwa von Falco und Udo Jürgens, aber auch von hochrangigen Politikerinnen und Politikern. Heute hebt Gül ein Grab für keinen prominenten Menschen aus. Trotz niedriger Temperaturen und unangenehmen Regenwetters legt er seine Jacke ab. Er greift zur Schaufel und beginnt zu graben. "Für ein Grab brauche ich je nach Menge der Erde und Grabtiefe zwischen zwei und vier Stunden. Dieses Grab ist zwei Meter siebzig tief. Allerdings liegen hier schon zwei Verstorbene, deshalb schaufle ich jetzt nur einen Meter achtzig tief", sagt Gül keuchend. Auf dem Zentralfriedhof werden rund 80 Prozent aller Gräber händisch ausgehoben. Insbesondere bei Gräbern, die direkt an einem Weg liegen, kommt aber auch der Bagger zum Einsatz. Wegen der schmalen Wege zwischen den Grabstätten werden die meisten Gräber mit der Schaufel gegraben.

Wenn Erhan Gül mit einem Grab fertig ist, fährt er mit dem Fahrrad zum nächsten Einsatzort. © PID/Christian Houdek

Trauerrituale: Ein Achterl zu Ehren des Verstorbenen

Während Gül schaufelt, erzählt er von einer Beerdigung, die ihn besonders berührt hat: "Zur Beisetzung eines Jugendlichen, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, kamen mehr als 200 Leute. Normalerweise hört man auf dem Friedhof immer ein leises Gemurmel. An diesem Tag war es aber totenstill. Zu Ehren des Verstorbenen spielten die Trauergäste das Lied 'Tears in Heaven' von Eric Clapton. Diese Beerdigung werde ich nie vergessen." Weniger besinnlich und still ging es bei einer anderen Trauerfeier zu. Gül erzählt von einer Gruppe von Freunden, die sich gerne beim Heurigen zum Musizieren und geselligen Beisammensein getroffen hat: "Ein Mitglied der Gruppe war verstorben. Die Gäste haben während der Beerdigung aber nicht im Stillen getrauert, sondern Musik gemacht, launig miteinander gesprochen und Wein getrunken. Man sieht, es gibt viele Arten zu trauern."

Der Wiener Zentralfriedhof ist einer der größten Friedhöfe Europas. Etwa 330.000 Gräber befinden sich hier. © PID/Christian Houdek

Arbeiten bei jedem Wetter

Es fängt stärker an zu regnen. "Die Gräber müssen ausgehoben werden. Egal bei welchem Wetter: ob bei minus 10 Grad oder bei 40 Grad im Schatten." Im Winter kann es schon einmal vorkommen, dass der Boden zufriert. Dann muss zuerst das Eis gebrochen und entfernt werden, bevor geschaufelt werden kann. Heute ist nur der Regen eine Erschwernis. Trotzdem hat Gül nach nicht einmal zwei Stunden ein ganzes Grab ausgehoben. Durchnässt stützt er sich auf seiner Schaufel ab und blickt in die Ferne. "Manche sagen es nicht so gerne, dass sie Totengräber sind", sagt er. "Ich mache meinen Job aber gern und mache auch kein Geheimnis daraus. Ich weiß, dass ich einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leiste", meint Gül und fügt hinzu: "Manche können sich keine Beerdigung leisten. Deshalb finde ich es toll, dass die Stadt Wien allen Menschen eine würdevolle Beisetzung ermöglicht und die Kosten übernimmt."

Um 15 Uhr endet seine Schicht. Bevor es nach Hause geht, legt Gül seine Arbeitsmontur ab und schlüpft in trockene und saubere Kleidung. Nach einem Tag unter Toten sucht Gül oft das bunte Treiben. "Am liebsten treffe ich mich in der City mit meiner Familie und mit Freunden. Während andere nach einem Arbeitstag Ruhe brauchen, habe ich es gerne lebhaft."

Nach einem Tag auf dem Friedhof freut sich Erhan Gül auf seine Familie und Freunde. © PID/Christian Houdek

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