Gerald Amon im Gemeinderatssitzungssaal mit seinem Protokollheft. © PID/Markus Wache

 

Ein Tag unter StenografInnen: "Wenn fünf durcheinanderreden, wird es schwierig"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN hat Stenograf Gerald Amon einen Tag lang bei der Arbeit begleitet. Dem Stenograf entgeht nichts, alles wird genau protokolliert.

Von seinem Platz am grünen Tisch in der Mitte des Gemeinderatssitzungssaals hat Gerald Amon alle 100 Mandatarinnen und Mandatare im Blick. Am Rednerinnen- und Rednerpult direkt hinter ihm spricht eine Grünen-Abgeordnete. In den Reihen der FPÖ wird es unruhig. Amon dreht seinen Kopf nach links in den Saal und schaut in die Reihen der Mandatarinnen und Mandatare. Jede Wiener Gemeinderatssitzung wird protokolliert. Das Wortprotokoll kommt ins Archiv und ist auf der Internetseite der Stadt Wien abrufbar. Was am Rednerinnen- und Rednerpult gesprochen wird, wird für die Mitschrift auf Band aufgezeichnet. Was im Saal passiert, ist darauf aber nicht zu hören. "Die Aufgabe einer Stenografin beziehungsweise eines Stenografen ist, Zwischenrufe und Reaktionen aus dem Saal aufzuzeichnen und Personen zuzuordnen", sagt Amon. Auch Applaus oder Buhrufe kommen ins Protokoll. Amon schreibt in einer speziellen Kurzschrift mit.

Mit der Steno kann Amon bis zu 200 Silben in der Minute schreiben. Drei Geschwindigkeiten gibt es: die vergleichbar langsame Verkehrsschrift, die Eilschrift und die Redeschrift. Für uneingeweihte schaut Steno aus wie eine Geheimschrift. Um Zeit zu sparen, werden keine einzelnen Buchstaben geschrieben, sondern Kürzel. Desto schneller die Schrift, desto knapper die Zeichen. Zeichen ersetzen oft benutzte Buchstabenfolgen oder ganze Vokabeln. Auch für Namen gibt es Kürzel oder Symbole: "Czernohorszky ist recht lang. Das geht sich beim Mitschreiben nicht aus", sagt Amon.

 

Nach der Sitzung wird das Protokoll aus der Audio-Aufzeichnung und den Notizen der Stenografinnen und Stenografen redigiert. Eine Stunde am Stück sitzt Gerald Amon an seinem Platz mitten im Politgeschehen, Block und Bleistift vor sich, und schreibt mit. Danach übernimmt eine Kollegin oder ein Kollege.

Steno hat der 53-Jährige während seiner Lehre als Bürokaufmann bei der Stadt Wien gelernt. "Das Fach hieß Stenografie und Textverarbeitung - also Schreibmaschinen- und Steno-Schreiben. 120 Silben pro Minute musste man schaffen", sagt Amon. Er brachte schnell 160 Silben und mehr aufs Blatt. Sein gutes Händchen für die Kurzschrift brachte den Lehrling in den 1980er-Jahren zu internationalen Schnellschreib-Wettbewerben nach Dresden, Amsterdam oder Lausanne - und nach dem Lehrabschluss als Stenograf in den Gemeinderat. Sechs Wahlperioden und drei Bürgermeister hat er schon mitgeschrieben. "Nach jeder Wahl kommen neue Gesichter in den Gemeinderat, die muss ich mir dann einprägen", sagt Amon. Es gibt zwar einen Sitzplan, die Mandatarinnen und Mandatare halten sich aber nicht immer daran. "Schwierig wird es, wenn gleich vier oder fünf Leute gleichzeitig reden", sagt Amon.

Gerald Amon ist einer der letzten Stenografinnen und Stenografen aus den Reihen der Gemeindemitarbeiterinnen und -mitarbeiter und ist eigentlich bei der MA 62 für die Erneuerung beziehungsweise Weiterentwicklung der Wahl-IT zuständig. Seine Stenografie-Kolleginnen und -Kollegen arbeiten hauptsächlich im Parlament und sind bei Gemeinderats- und Landtagssitzungen im Rathaus im Einsatz. "Steno beherrschen nicht mehr sehr viele", sagt Amon. Die Schnellschrift steht nicht mehr auf dem Lehrplan - wer sie erlernen möchte, kann an der VHS oder bei Stenografie-Vereinen Kurse belegen. Wer Steno beherrscht, Texte druckfertig redigieren kann und sich für einen Einsatz als Gemeinderatsstenografin oder -stenograf interessiert, kann sich bei Harald Korn und der Geschäftsstelle Landtag, Landesregierung und Stadtsenat der Magistratsdirektion melden.