Stephan Ulver ist Lehrer aus Leidenschaft. Der Mathematikunterricht zählt zu seinen Lieblingsaufgaben. © PID/Markus Wache

 

Ein Tag unter LehrerInnen: "Wir lernen auch von den Kindern"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN hat Volksschullehrer Stephan Ulver einen Tag lang bei der Arbeit begleitet. Der Pädagoge und seine KollegInnen sorgen für eine bestmögliche Förderung der Kinder.

Die erste Stunde in der Volksschule Am Kaisermühlendamm 2 ist in vollem Gange. Auf dem Stundenplan steht Mathematik, eines der Lieblingsfächer von Volksschullehrer Stephan Ulver. Er hält ein Bild hoch und fragt: "Wie heißt dieser Körper?" Als Antwort schallt ein lautes "Quader!" durch die Klasse. Die Antwort stimmt. "Und was ist das Besondere an einem Quader?", will Stephan wissen. "Wie erkläre ich jemandem, der noch nie einen Quader gesehen hat, was das ist?" Da sind sich die Schülerinnen und Schüler nicht ganz so sicher.

Quader oder Kugel?

Stephan zeichnet eine Kugel auf die Tafel. "Ist das ein Quader?" Nein, sind sich alle einig. Gemeinsam bespricht die Klasse, was zum Quader fehlt. "Man muss es viereckig machen", sagt ein Schüler. "Die ganzen Flächen müssen rechteckig sein", sagt ein anderer. Nach und nach korrigiert Stephan nach den Vorschlägen der Schülerinnen und Schüler den Körper auf der Tafel. Am Ende steht dort ein perfekter Quader.

 

Das sogenannte Rechenzimmer ist in verschiedene Stationen unterteilt, an denen die Kinder diverse Optionen haben. Neben spielerischen Elementen wie Bauklötzen oder Karten gibt es auch Bücher und Rechenutensilien. So können alle individuell lernen. Stephan unterrichtet eine Mehrstufenklasse, einer der bildungstechnischen Schwerpunkte dieser Schule. In den Klassen werden Kinder von der Vorschule bis zur vierten Klasse gemeinsam unterrichtet und in der Regel von zwei Lehrerinnen oder Lehrern gleichzeitig betreut.

"Der große Vorteil für mich ist, dass wir in diesen Klassen noch mehr Chance haben, den Kindern das eigene Lerntempo zu erlauben", sagt Stephan. "Wenn ein Kind zum Beispiel etwas länger braucht, eine bestimmte geometrische Form zu lernen, ist das kein Drama. Durch die einzigartige Dynamik in den Klassen macht es gar nichts, wenn etwas ein bis zwei Wochen später nachgeholt wird."

Lernen ist keine Einwegstraße

An dieser Volksschule liegt der Schwerpunkt darauf, sich an den Kindern zu orientieren und individuelle Lern- und Arbeitsprozesse sowie Interessen zu berücksichtigen. Für Stephan war das der Hauptgrund, an diese Schule zu wechseln. Und auch heute noch ist er vom Modell überzeugt. Gerade wenn er bemerkt, dass Kinder aus den höheren Klassen den Erstklässlerinnen und Erstklässlern unter die Arme greifen, ist er sich sicher, dass das Modell ein gutes ist. "Wir sehen regelmäßig, dass sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig helfen. Oft erwarten wir das gar nicht und dann lernen auch wir Lehrerinnen und Lehrer noch etwas von den Kindern."

Gemeinsam lernen ist ein Erfolgsrezept

Nach der Unterrichtseinheit führt der Weg des Volksschullehrers in das Lehrerinnen- und Lehrerzimmer. "Hallo Stephan", begrüßt eine Kollegin Stephan Ulver. "Kannst du mir vielleicht bei einer Frage weiterhelfen?" Stephan ist nicht nur Volksschullehrer, er ist auch Schulvertrauensperson und Personalvertreter für den gesamten Bezirk. In der Funktion trudeln den ganzen Tag über Anfragen bei ihm ein. "Das reicht vom Schulwechsel, wie in diesem Fall, bis hin zu zwischenmenschlichen Problemen", sagt Stephan.

Kollegialität ist dem kommunikativen Stephan extrem wichtig. Er tauscht sich gerne aus, egal ob mit anderem Lehrpersonal, Eltern oder der Direktorin Petra Feldhofer-Mahmoudian. "Gerade in den Mehrstufenklassen, die hier angeboten werden, ist das essenziell", sagt Stephan.

Zwischen Mathematik und Osterbasar

Nachdem er seine Kollegin vertraulich beraten hat, schaut Stephan noch einmal in das Amtsbuch. Hier checkt er jeden Morgen und jeden Tag vor dem Nach-Hause-Gehen, ob er eine Stunde supplieren muss. Heute sieht es nach Stunde eins nicht so aus, aber der Tag ist noch jung und im Schulalltag kommt unverhofft oft. Der zweite Blick richtet sich auf das Whiteboard im Lehrerinnen- und Lehrerzimmer. Hier sind alle besonderen Ereignisse der gesamten Woche aufgelistet, von Elternsprechtagen bis zu speziellen Projekten. Am Donnerstag gibt es ein Meeting wegen des Osterbasars der Schule. "Da basteln die Kinder verschiedene kleine Werkstücke für Ostern und die werden dann für einen guten Zweck verkauft", sagt Stephan. Der Osterbaum im benachbarten Raum sieht schon so aus, als wäre er bereit für die Osterwoche. Die von den Kindern bemalten Eier werden das Highlight des Basars.

Am Vormittag hat Stephan in der Regel zwei bis drei Stunden Unterricht. Zumeist ist er in Mehrstufenklassen. Nach der kurzen Pause führt ihn der Weg zurück ins Rechenzimmer wo er sich noch etwas mehr mit Geometrie beschäftigt. "Ich unterrichte alles außer Religion. Mathematik, Turnen und Deutsch sind meine Lieblingsfächer", sagt Stephan. "An Mathe mag ich besonders, mit den Schülerinnen und Schülern verschiedene Lösungswege für Rechenaufgaben zu finden." Pünktlich zum Läuten der Glocke kommt Stephan in die Klasse und setzt den Unterricht fort.

Nachdem die Mathe-Stunde aus ist, hat Stephan ein Loch, also eine Freistunde. Die nutzt er, um ein paar Schulaufgaben vorzubereiten. Er laminiert ein paar Übungen für den Deutschunterricht. "Das Laminieren ist so eine Sache, die es eigentlich nur in der Schule gibt", sagt Stephan. "Für uns ist das praktisch, da die Kinder die Lösungen draufschreiben und wir das dann einfach abwischen und wiederverwenden können." Die Aufgaben bestehen aus dem Zusammenfügen von richtigen Wortfolgen. Mit dem Stift muss man die korrekten Elemente verbinden, zum Beispiel "eine Katze streicheln" oder "einen Satz lesen".

Familie macht Stephan zum besseren Lehrer

Stephan ist auch selbst Vater und die Geburt seiner Tochter hat nicht nur sein Leben, sondern auch seine Arbeit als Lehrer verändert. "Ich habe seitdem eine neue Sichtweise. Seit ich sah, wie nervös meine Tochter am ersten Schultag war, verstehe ich die Kinder besser. Und ich habe jetzt auch einen besseren Draht zu den Eltern, einfach weil ich weiß, wie viel Arbeit es ist, ein Kind zu erziehen." Besteht die Gefahr, zu Hause mehr Lehrer als Papa zu sein? "Meine Tochter hat es da doppelt schwer, denn meine Frau ist auch Lehrerin", lacht Stephan. "Spaß beiseite, ich denke, die Gefahr ist eher, dass man nach dem Schultag komplett überladen mit Fragen, Informationen und all den Anliegen ist. Um dann zu Hause noch die nötige Geduld für meine Tochter zu haben, hilft es mir, zum Beispiel nach der Schule ein Eis essen zu gehen."

Mit den Vorbereitungen ist Stephan fertig. Am Nachmittag stehen meist Lernstunden und Förderklassen auf dem Programm. "Die Lernstunde ist einfach eine Einheit, in der die Kinder ihre Aufgaben und Hausübungen erledigen können. Die Förderklasse ist eine zusätzliche Stunde, in der Kinder, die dem Wochenplan vielleicht ein bisschen hinterherhinken, in kleiner Gruppe und mit erhöhter Lehrerin- oder Lehreraufmerksamkeit aufholen können."

Die Arbeit mit den Kindern hat Stephan schon immer Spaß gemacht. Schon bevor er Lehrer wurde, arbeitete er ehrenamtlich mit Kindern. "Ich habe Ferienlager betreut und auch Spielbusse. Den Kasperl spiele ich heute noch und auch Ferienanimation mach ich weiterhin", sagt Stephan. Der Job als Lehrer war da die logische Fortsetzung. Stephan findet, einen guten Lehrer macht auch aus, dass er Kinder mag. "Das ist für mich etwas, das man nicht lernen kann. Das hat man oder das hat man nicht." Natürlich ist auch wichtig, die Balance im Unterricht zu finden. "Am Anfang war ich vielleicht etwas zu gutmütig und nachsichtig. Die Jahre danach strenger. Mit der Zeit findet man das Gefühl dafür. Mir hat auch da die Geburt meiner Tochter sehr geholfen."

Kinder individuell fördern

In der Förderklasse gibt es Nachholbedarf in Sachen Deutsch. David und Sophie, haben ihre Bücher schon auf dem Tisch und gehen mit Stephan die Aufgaben durch. Es geht darum, aus zwei Sätzen einen zu machen. "Ich kann es nicht glauben. Ich habe den Ring verloren." Nach ein paar sanften Tipps von Stephan finden die beiden die Lösung alleine. "Ich kann nicht glauben, dass ich den Ring verloren habe."

Weiter geht’s mit dem Texteschreiben. Auf einer Seite gibt es zahlreiche Fakten zu Schmetterlingen, zum Beispiel dass sie Eier legen und wie aus Raupen Schmetterlinge werden. Diese Infos müssen die Kinder nun in einen Satz verpacken. "Das passt auch hervorragend zu unserem Monatsthema 'Tiere und Natur'." In der Förderklasse haben Kinder auch die Chance, selbst Aufgaben zu wählen. "Die Schülerinnen und Schüler haben wirklich ein sehr gutes Gespür dafür, welche Übungen zu ihrem Level passen. Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, die Kinder zu überfordern, ohne ihnen auch Erfolgserlebnisse zu geben. Das ist nur frustrierend für sie."

Nach der Förderklasse geht Stephan noch einmal ins Lehrerinnen- und Lehrerzimmer und schaut, ob er supplieren muss oder ob der Schultag aus ist. Heute muss er nirgendwo einspringen. Ganz startet der Feierabend aber dennoch nicht. "Bei uns Personalvertreterinnen und -vertretern klingelt nach dem Unterricht sehr oft das Telefon. Immerhin betreuen wir rund 30 Schulen und mehr als 1.300 Lehrerinnen und Lehrer", sagt Stephan.