Stefan Frischer, Teamleiter vom Team Wienerwald der MA 45, vor dem Staudamm in den Auhofbecken © PID/Christian Fürthner

Ein Tag unter KulturtechnikerInnen: "Wir verhindern Überschwemmungen im Stadtgebiet"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN begleitet Stefan Frischer von der MA 45 - Wiener Gewässer einen Tag lang bei seiner Arbeit. Er und das Team Wienerwald schützen Wien vor einem Wienfluss-Hochwasser.

Stefan Frischer, Teamleiter vom Team Wienerwald der MA 45 - Wiener Gewässer, macht sich einige Notizen zur Wetterlage, als ein Reiher im Fluss landet. "Den kenne ich", sagt Stefan, "der lebt schon seit Jahren hier." Stefan steht vor der Wienflussaufsicht, einem denkmalgeschützten Jugendstilbau aus dem Jahr 1902, und blickt über die Penzinger Auhofbecken. Das Naturgebiet Wienfluss fasziniert Stefan täglich aufs Neue.

"Die ganze Region und die Auhofbecken, in denen wir uns hier befinden, sind ein Naturjuwel. Unsere Anlage ist Teil eines funktionierenden Ökosystems. Hier finden Fische, Vögel und Säugetiere wie die Biber Lebensraum. Viele solcher Anlagen dienen ausschließlich dem Hochwasserschutz, aber hier in Wien vereinen wir Hochwasserschutz und Ökologie." Damit das so bleibt, wird ökologisch gearbeitet. "Ein Beispiel: Die Wehr wird bei uns niemals zu hundert Prozent geschlossen, um Wasser in die Becken zu leiten."

Nur des Naturidylls wegen ist Stefan aber nicht hier, denn der Wienfluss kann auch ganz anders. "Die Menschen sind sich nicht bewusst, wie schnell so ein Hochwasser kommen kann. In den letzten Jahren hatten wir ja auch glücklicherweise kaum Hochwässer im Wienfluss", sagt Stefan. Das kann sich aber schnell ändern. Im Büro hat Stefan noch Bilder des Hochwassers von 1975. Statt des üblicherweise recht niedrigen Wasserstands sieht man reißende Fluten im Wienfluss-Becken. Für die Wienerinnen und Wiener kein Grund zur Beunruhigung: Sollte der Fall eines Hochwassers eintreten, sind Stefan und sein Team bereit.

Die Wienflussaufsicht an der Penzinger Hauptstraße ist ein Jugendstilbau aus dem Jahr 1902. © PID/Christian Fürthner

Einsatzort Wienerwald

"Im Wienerwaldbereich kann sehr schnell ein Hochwasser entstehen", sagt Stefan Frischer. Er und sein Team sind auch für die Hochwassersicherheit der Wienerwaldbäche zuständig. Ihr Revier erstreckt sich vom Donaukanal bis zur Stadtgrenze. Der Wienerwaldsee ist Bestandteil des Wiener Hochwasserschutzes. "Hier in der Gegend versickert das Wasser schlecht, da wir uns in der Flyschzone befinden." Flysch nennen Geologen Erdschichten, die aus Ton und Sandstein bestehen. Das Regenwasser kann nur sehr schlecht versickern und fließt daher oberflächlich ab. Bei einem heftigen Gewitter wird aus dem Wienfluss schnell ein reißender Strom. "Hier ist das Verhältnis von Nieder- zu Hochwasser 1:2.000. Das heißt, da, wo jetzt ein Liter Wasser fließt, fließen bei einem Hochwasser bis zu 2.000 Liter." Der Wasserpegel kann in nur zehn Minuten einen Meter steigen.

Alles im Blick: Stefan kann den Wasserstand von seinem Arbeitsplatz aus kontrollieren. © PID/Christian Fürthner

Das Büro befindet sich in der Wienflussaufsicht, in einem im Jugendstil erbauten Gebäude aus dem Jahr 1902 in der Penzinger Hauptstraße, direkt neben den Auhofbecken. Die Rückhaltebecken Auhof bestehen aus insgesamt sechs riesigen Becken, die im Ernstfall bis zu 1.000.000 Kubikmeter Wasser fassen können. Neben einem Staudamm gibt es dort auch sechs Wehranlagen. Ein Wehr ist ein Absperrbauwerk und Teil einer Stauanlage. Man kann sich das vorstellen wie eine riesige Tür, die im Notfall geschlossen wird. Den Wasserstand kann Stefan ganz leicht von seinem Büro aus überprüfen. Neben einer Kamera gibt es beim Wehr auch einen Radarsensor, der den Wasserstand misst und die Daten an die Zentrale weiterleitet. Die Bedeutung der Arbeit ist Stefan mehr als bewusst. Durch die Hochwasserschutzeinrichtungen der MA 45 kann die Stadt auch vor großen Hochwässern geschützt werden.

Der Radarsensor links misst den Wasserpegel. Die Stauanlage ist aus Sicherheitsgründen versperrt. © PID/Christian Fürthner

24 Stunden täglich bereit

"Unser Tag beginnt damit, den Wasserstand zu prüfen und die Wetterprognose zu studieren. Unwetter können in wenigen Minuten entstehen, daher haben wir das immer im Auge und es gibt auch eine 24-Stunden-Hochwasserbereitschaft", sagt der gelernte Kulturtechniker. Kulturtechnik beschäftigt sich mit den Naturwissenschaften und deren ingenieursmäßigen Anwendungen, wie etwa diese Stauanlage. Die Wehranlage schließt sich bei einem gewissen Wasserstand zwar automatisch, Kontrolle ist aber immer von Nöten. Die Sicherheit der Wienerinnen und Wiener wird hier großgeschrieben. Auf das Hochwasserschutzsystem der Stadt Wien ist Stefan stolz: "Das Niveau des Systems ist wirklich sehr hoch, insgesamt kann die MA 45 über eine Million Kubikmeter Wasser nur für den Wienfluss zurückhalten."

Mit dieser Armatur im Inneren des Kontrollhäuschens kann Stefan das Wehr steuern. © PID/Christian Fürthner

Am Computer ist alles im grünen Bereich. Stefan startet den Lieblingsteil seiner Arbeit: den Kontrollgang. Über eine kleine Brücke gelangen er und Kollege Bernd Sommer zur Anlage. Die Stauanlage ist rund sieben Meter hoch, links und rechts befinden sich zwei Wehranlagen. Stefans Weg führt ihn zum sogenannten "Sperrwerk". Von hier aus kann er bei Bedarf das Wehr auch manuell schließen oder öffnen.

Dieses Gerüst wirkt wie ein Rechen, der das Vorbecken von Treibgut freihält. © PID/Christian Fürthner

Unter Denkmalschutz

Auf der anderen Seite erstreckt sich eine brückenartige Konstruktion auf Dutzenden Stützen nach vorne. Was aussieht wie ein Weg über das Becken, ist eigentlich ein sogenannter Rechen. "Diese Stützen funktionieren wie die Zinken eines Rechens. Im Fall eines Hochwassers verfangen sich Treibholz und andere Schwemmgüter in den Zinken und gelangen nicht in das Becken, wo sie den Wasserfluss stören könnten." Dieses Rechensperrwerk steht übrigens unter Denkmalschutz und entstand wie die gesamte Anlage schon Ende des 19. Jahrhunderts.

Bernd Sommer und Stefan dokumentieren alle Mängel auf einem Tablet. Das Team nutzt ein elektronisches Erfassungssystem, mit dem auch Reparaturaufträge vergeben werden. © PID/Christian Fürthner

Bernd und Stefan haben einen Tablet-Computer aus dem Büro mitgebracht. Dieser ist dazu da, Mängel zu dokumentieren und deren Behebung in die Wege zu leiten. Beim Wehr 1 befindet sich ebenfalls ein Rechen, allerdings ist dieser aus Holz und nur einen Meter hoch. Da hier aber der Fluss im Gegensatz zum Wehr 2 regulär durchfließt, ist allerhand Geäst, vor allem Äste, Treibholz und Reisig, darin verhangen, im Fachjargon nennt man das "Verklausung".

Bernd überprüft, wie viel Schotter im Wasser ist. Die Baumstämme wirken wie ein Rechen und fangen Äste und Co auf. Solche Ansammlungen aus Treibholz nennt man "Verklausungen". © PID/Christian Fürthner

Der Schotter und seine Tücken

Bernd zieht seine Gummistiefel an und geht ins Wasser. Er checkt den Schotterstand im Fluss. Stefan erklärt: "Flüsse führen immer Schotter mit sich. Wird die Wassergeschwindigkeit geringer, bleibt der Schotter liegen. Das kann den Wasserstand dermaßen erhöhen, dass der Wasserspiegel steigt und dadurch rascher Hochwasseralarm ausgelöst wird. Darum entfernen wir den Schotter in diesem Bereich regelmäßig." Vorsichtig bewegt sich Bernd durch das Wasser. Es kann passieren, dass der Schotter in Bewegung kommt und Bernd einsinkt. Darum sind bei solchen Kontrollbegehungen immer zwei Kollegen gemeinsam unterwegs.

Das Wehr 2. Bei einer Hochwasserbedrohung schließt sich das Wehr fast zur Gänze. © PID/Christian Fürthner

Stefan ist mit dem Rundgang zufrieden. Mängel sind kaum vorhanden, die Stauanlage funktioniert einwandfrei. "Im Fall eines Hochwassers schließt sich Wehr 1", sagt Stefan. "Das Wasser staut sich im Vorbecken und fließt ab einer gewissen Höhe in den Mauerbach daneben. Das hat den einfachen Grund, dass immer genug Rückhaltevolumen frei bleiben muss, sollte es zu einem besonders starken Ereignis kommen. Mit unserer Anlage können wir das Wasser so steuern, wie es die Situation erfordert."

Stefan ist sehr naturverbunden, deshalb ist die Arbeit rund um die Wienerwaldbäche sein Traumjob. Im Bild: das große Auhofbecken. © PID/Christian Fürthner

Stauanlage ist auch ein Naturjuwel

Zu den Aufgaben von Stefans Team zählt nicht nur der Hochwasserschutz. Er beauftragt auch Räumungsarbeiten in der Region, prüft, ob Sanierungsarbeiten, etwa bei Ufermauern, von Nöten sind, und kümmert sich auch um gärtnerische Erhaltungsarbeiten. Baumschnittmaßnahmen und Mäharbeiten stehen an der Tagesordnung. Auch dieser Aufgabe geht Stefan mit Stolz nach: "Wenn ich von Menschen höre, dass die Wienerwaldbäche so schön gepflegt sind, dann freue ich mich besonders."

Das Team Wienerwald pflegt die Kommunikation mit den Menschen. Ein Radfahrer erkundigt sich bei Stefan nach den Bibern im Wienfluss. © PID/Christian Fürthner

Das Team ist auch Ansprechpartner

Auch die Rad- und Fußwege auf dem Areal der 45er betreut die Mannschaft. Stefan und seine Kollegen stehen dabei auch als Ansprechpartner und für Beschwerden zur Verfügung. Zum Abschluss seines Rundgangs hält ein Radfahrer neben Stefan und erkundigt sich nach dem Baumschutz. Grund für seine Sorge sind die Biber, die gerne an den Bäumen rund um den Fluss nagen. Stefan versichert ihm, dass die wichtigen und erhaltenswerten Bäume mit Gittern geschützt sind, und kehrt in die Wienflussaufsicht zurück.

SOKO Gewässer

Für notwendige Reparaturen- und Aufräumarbeiten in der Nähe von Gewässern ist die MA 45 zuständig. Wir haben die Mitarbeiter bei ihrer Arbeit begleitet. © Stadt Wien/Bohmann

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