Ahmet, Mehmet, Tarek und Ali kennt der Jugendarbeiter Fabian Reicher (rechts) schon seit fünf Jahren. Wenn die Jugendlichen in den Jugendraum von Back Bone kommen, geht es aber nicht immer nur um ernste Themen. Auch gekocht wird ab und zu. © PID/Alexandra Kromus

Ein Tag unter JugendarbeiterInnen: "Erreichen und erreicht werden!"

Wer hält die Stadt am Laufen? MitarbeiterInnen, die von der Stadt Wien gefördert und gestützt werden. Wir begleiten Jugendarbeiter Fabian Reicher. Er sorgt dafür, dass in seinem Bezirk Jugendliche ernst genommen werden.

Fabian, 29, sitzt in einem schmucklosen, spärlich möblierten Zimmer in der Justizvollzugsanstalt Josefstadt. Grau, Braun und Cremeweiß sind die beherrschenden Farben. Sessel und Tisch sind maximal praktikabel. Er hört im Gang nebenan Schritte, die Tür geht auf. Achmed, 17, betritt den Raum und freut sich, Fabian zu sehen. Fabian Reicher ist Jugendarbeiter und der einzige private Kontakt, den Achmed momentan hat. Achmed weiß, dass er gegen das Gesetz verstoßen, dass er seine Mutter enttäuscht und die Chancen in seinem jungen Leben bislang nicht optimal genutzt hat. Doch Fabian macht ihm keinen Vorwurf, auf ihn kann sich Achmed immer verlassen. Spätnachts genauso wie frühmorgens.

Fabian ist bei Back Bone - Mobile Jugendarbeit 20 in der Pöchlarnstraße im 20. Bezirk einer von neun Sozial- oder Jugendarbeiterinnen und -arbeitern. Für seine Schützlinge ist er aber bei Bedarf wienweit unterwegs und jederzeit erreichbar, wenn er im Dienst ist. "Die Jugendlichen, die ich betreue, haben die Nummer von meinem Diensthandy genauso wie ich ihre Nummern eingespeichert habe. Als mobiler Jugendarbeiter ist das das A und O. Erreichen und erreicht werden", sagt er.

Die Justizvollzugsanstalt ist ein Gefängnis mitten in Wien. Achmed muss hier wahrscheinlich nicht lange bleiben. Er ist noch jung und bekommt laut Fabian noch eine Chance. Fabian unterstützt ihn, diese auch zu nutzen. © www.picturedesk.com

Gesetzlicher Vertreter und sicherer Zuhörer

Beim Begrüßen umarmen sich die beiden. Jetzt geht es darum, nach vorne zu blicken und Achmed zu unterstützen, künftig ein geregeltes Leben abseits von Kriminalität zu führen. "Ein Mal in der Woche besuche ich Achmed für eine Stunde. Da kann er sich bei mir aussprechen, schön ist es nicht im Gefängnis. Er ist froh darüber, weil er so endlich einmal aus seiner Zelle rauskommt. Seine Mutter kann sich derzeit nicht um ihn kümmern, weil sie leider sehr krank ist. Einen Vater gibt es nicht. Ich bin daher kurzfristig zum gesetzlichen Vertreter bestimmt worden und Ansprechpartner für Anwalt, Jugendgerichtshilfe, Bewährungshilfe und Familie", erzählt der Jugendarbeiter.

"Ich kenne den Burschen schon seit einigen Jahren. Er ist immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten und hat es bisher leider nicht geschafft, eine Lehrstelle zu halten. Ein Gefängnisaufenthalt hat aber noch nie gedroht. Ich denke, jetzt ist Achmeds Leidensdruck so groß, dass er ernsthaft etwas in seinem Leben verändern will. Das fängt mal ganz einfach bei einer gelungenen Tagesstruktur an. Ich werde ihn dabei mit aller Kraft unterstützen."

Die Justizvollzugsanstalt ist ein Gefängnis mitten in Wien. Achmed muss hier wahrscheinlich nicht lange bleiben. Er ist noch jung und bekommt laut Fabian noch eine Chance. Fabian unterstützt ihn, diese auch zu nutzen. © www.picturedesk.com

Auf den Straßen Wiens

Mittlerweile ist es früher Nachmittag geworden. Fabian stärkt sich mit einem Jausenbrot, das er unterwegs zu seinem Treffen mit Tugban Uslu verdrückt. Tugban ist eine Kollegin von Fabian. Beide besprechen sich in der Back-Bone-Zentrale und machen sich dann auf den Weg durch den Bezirk. "Streetwork ist der Kern der mobilen Jugendarbeit. Damit erreichen wir auch jene Jugendlichen, die nicht auf uns direkt zugehen und zu unseren fixen Angeboten in die Pöchlarnstraße kommen", erzählt Fabian.

Heute stoßen sie in den Parks nur auf wenige Burschen und Mädchen. Es ist eisig kalt und die Jugendlichen verbringen weniger Zeit im Freien, sondern weichen in die Millennium City aus. Kaum angekommen begegnen Fabian und Tugban einer Gruppe aufgeregter Burschen, die mit dem Sicherheitspersonal wild diskutieren. Streitpunkt: Das Einkaufszentrum ist nur ein halb öffentlicher Raum und man hat sich daher an die festgesetzten Hausregeln zu halten. "Herumhängende" 17-Jährige sind da nicht vorgesehen. "Wir stören doch eh niemanden", sagt Hakan. "Wir wollen nur hier sitzen und reden." Fabian und Tugban gehen auf die Jugendlichen zu und nehmen ihren Unmut ernst.

"Natürlich ist es ungerecht, dass es gerade im Winter wenige Orte gibt, wo man sich als Jugendliche oder Jugendlicher aufhalten kann, ohne etwas konsumieren zu müssen." Fabian und Tugban erklären, was ein Hausrecht ist, dass es per se in einem Einkaufszentrum darum geht einzukaufen. Außerdem machen sie die Jugendlichen darauf aufmerksam, dass eine Gruppe laut sprechender Burschen, allesamt in schwarzer Kleidung, teilweise auf dem Boden hockend, womöglich auf andere Besucherinnen und Besucher des Einkaufszentrums einen beängstigenden Eindruck vermitteln kann.

Das verstehen Hakan und Co. Fabian gibt ihnen den Tipp zu Back-Bone zu kommen. Da können sie wuzeln, Musik machen und neue Leute kennenlernen.

Fabian unterstützt seine Burschen und Mädels auch beim Beantworten von behördlichen Briefen, beim Schreiben von Einsprüchen und Aufsetzen von Briefen oder Bewerbungen. © PID/Alexandra Kromus

Als sich Fabian und Tugban von der Gruppe lösen, sind sie zufrieden. Das war eine gelungene Kontaktaufnahme. Fabian: "Man darf nie denken, nur weil ein Mensch jung ist, könne man mit ihm kein ernstes Thema besprechen. Wer zuhört, wird auch angehört. Wer auf jemanden zugeht und ihr oder ihm Vertrauen schenkt, bekommt Vertrauen zurück. In erster Linie geht es um Anerkennung."

Beim Campingwochenende im vergangenen Jahr regnete es durchgehend. Aber für die Jugendlichen war es trotzdem klasse. Gerne würden sie auch einmal gemeinsam ins Ausland fahren. Kumpels von ihnen waren sogar schon in Israel und Rom. © Back Bone

"Ihr organisiert, wir unterstützen!"

Nach drei Stunden begibt sich das Jugendarbeit-Team zurück ins Büro und hält eine Nachbesprechung zur Streetwork-Runde. Heute ist Donnerstag, Fabian und seine Kollegen Martin Dworak und Harald Figl haben die nächsten drei Stunden den sogenannten Burschentag zu beaufsichtigen, auf den sie sich in einem halbstündigen Austausch vorbereiten. Danach stehen sie in der Jugendeinrichtung jungen Burschen als erwachsene Ansprechpartner zur Verfügung.

Freitags ist wiederum Mädchentag, an zwei weiteren Tagen mischen sich die Geschlechter. Jede und jeder Jugendliche kann selbst entscheiden, worauf sie oder er Lust hat und wann sie oder er die Einrichtung aufsucht. Das Team hilft zum Beispiel Schi- oder Campingwochenenden zu organisieren.

Die Burschen Tarek, Ahmet, Ali und Mehmet kommen bereits seit einigen Jahren regelmäßig in den Jugendtreff. © PID/Alexandra Kromus

Back Bone als elternfreie Zone

Tarek, 19, und die 20-jährigen Ahmet, Ali und Mehmet kennen Back Bone schon lange von ihren älteren Geschwistern und wissen diese elternfreie Zone zu schätzen. Früher waren sie oft zu "Gast", jetzt haben sie alle einen Lehrplatz und weniger Zeit. Auf Fabian sind sie zum ersten Mal im Allerheiligenpark gestoßen. Damals wollten sie ein großes Fußballmatch organisieren und haben um Hilfe gebeten. Das ist jetzt fünf Jahre her. Viel ist seitdem passiert, die Pubertät ist überstanden, sie sind erwachsen geworden und wissen, was es bedeutet, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Das Back-Bone-Team stand ihnen immer zur Seite.

Heute erkundet das Quartett den Proberaum. "Da sind wir sonst nicht so oft. Aber cool ist es hier schon. Da gibt es alles. Vom Mikro über den Computer mit Aufnahme- und Schnittmöglichkeit bis hin zu jeglichen Instrumenten, die man für eine Band braucht", erklärt Tarek.

Vegetarische Döner, Pizza oder Hühnerschnitzel

"Wir kochen häufig", sagt Fabian. "Ob vegetarische Döner, Pizza oder Hühnerschnitzel. Dabei lernt man sich gut kennen. Frisches Obst und Gemüse liefert uns wöchentlich das Biokistl, Kräuter holen wir aus dem Garten im Innenhof der Einrichtung. Auch der Gesundheitsaspekt ist uns wichtig."

Vor und nach jedem Einsatz bespricht sich das Back-Bone-Team rund eine halbe Stunde. © PID/Alexandra Kromus

Teamsbesprechung

Um 20 Uhr müssen die Burschen den Treffpunkt verlassen. Die Kollegen ziehen mit Geschäftsführerin Mella noch ein Fazit des Tages, notieren, welche Themen heute aktuell waren, wer gekommen ist und wie die nächsten Tage gestaltet werden. Nur kurz, denn am kommenden Dienstag steht sowieso, wie jeden Dienstag, die große Teambesprechung an, bei der dann tiefer ins Detail gegangen wird. Geplante Projekte, mit Jugendlichen eingegangene Vereinbarungen und deren personenbezogenen Problematiken werden dabei genauso wie die Dienste der nächsten Woche diskutiert.

Die Back-Bone-Zentrale befindet sich in einer ehemaligen Fleischerei. So haben Verein und Einrichtung auch ihren Namen erhalten: Back Bone - Mobile Jugendarbeit 20 beziehungsweise Verein Alte Fleischerei. © PID/Alexandra Kromus

11.000 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren

Back Bone gibt es seit 1996. Seit damals steht die Einrichtung jeder und jedem Jugendlichen der Umgebung zur Verfügung. Immerhin sind von den 85.815 Einwohnerinnen und Einwohnern des kulturell gemischten Bezirks 11.000 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Im Back Bone treffen sie aufeinander, werden dort in ihren verschiedenartigen Lebensweisen akzeptiert und ganzheitlich wahrgenommen. Manuela: "Unsere Grundprinzipien basieren auf Freiwilligkeit, Anonymität, Vertraulichkeit, Transparenz und Parteilichkeit gegenüber den Jugendlichen. So können sie einen anerkannten Platz in der Gesellschaft erhalten, sich entfalten und an der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft mitwirken."

Jugendarbeit in Wien

Back Bone - Mobile Jugendarbeit 20 des Vereins Alte Fleischerei ist eines der vielfältigen Angebote für junge Menschen, die von der Magistratsabteilung 13 - Bildung und außerschulische Jugendbetreuung gefördert, koordiniert und pädagogisch begleitet werden. Die Stadt Wien nimmt ihre Verantwortung gegenüber der Jugend ernst. So hat der Wiener Gemeinderat erst im Dezember 2016 mehrheitlich eine Förderung für die Kinder- und Jugendarbeit in der Höhe von rund 30 Millionen Euro beschlossen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt bei der offenen Jugendarbeit. "Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft. Die Stadt Wien unterstützt sie mit Aufmerksamkeit und Räumen dabei, ihre Potenziale entwickeln zu können", so die zuständige Stadträtin Sandra Frauenberger.

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