Martina Sanda-Ritzinger ist Hortpädagogin in der Josefstädter Straße und unterstützt die Hortkinder auch bei der Hausaufgabe. © PID/Markus Wache

 

Ein Tag unter HortpädagogInnen: "Wir geben Kindern Raum zur Entwicklung"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. CLUB WIEN hat Hortpädagogin Martina Sanda-Ritzinger einen Tag lang bei der Arbeit begleitet. In der Josefstädter Straße sorgt sie dafür, dass Kinder nach der Schule für das Leben lernen.

Mit vollgepackten Schultaschen und jeder Menge Tatendrang treffen die ersten Kinder am späten Vormittag im Hort ein. Weit haben sie es nicht, die Schule befindet sich auf der anderen Seite des Innenhofs. Einige Kinder kommen aus den Schulen in der Umgebung oder werden mit dem Fahrtendienst gebracht. Hortpädagogin Martina Sanda-Ritzinger nimmt den Josefstädter Nachwuchs in Empfang.

Hier haben sie nun die Möglichkeit, den Nachmittag ganz nach ihren Interessen und Bedürfnissen zu verbringen, zum Beispiel beim Aufenthalt im Garten, beim kreativen Gestalten, beim Austoben im Turnsaal oder auch beim Verweilen an verschiedenen Rückzugsorten. Die Einnahme der Mahlzeiten gehört ebenso zum Tagesablauf im Hort wie das Erledigen der Hausübungen, welches nicht bei allen Kindern zu den Lieblingsbeschäftigungen gehört.

Im Hort werden rund 140 Kinder betreut. In der Josefstädter Straße beginnt der Tag schon um 6.30 Uhr. "Wir haben einen Frühhort, der die Kinder dann um drei viertel acht zur Schule bringt", sagt Martina. So gegen 11 Uhr treffen dann die ersten für die Nachmittagsbetreuung ein, die bis 17.30 Uhr angeboten wird. Gerade für berufstätige Eltern eine echte Hilfe. "Wir hören oft von Eltern, dass sie gar nicht wüssten, wie sie das ohne Hort schaffen würden", sagt Martina.

 

Unterstützung bei der Hausaufgabe

 "Bei uns beginnt der Tag immer damit, dass wir schauen, was die Kinder für die Schule erledigen müssen. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das ist auch bei uns nicht anders", sagt Martina. Die Schülerinnen und Schüler packen ihre Arbeitsbücher aus. Gemeinsam mit Martina und Kollegin Iris Teichmann nimmt die Hortgruppe fünf Deutsch und Mathematik in Angriff. Die achtjährige Sude muss Worttreppen gestalten. Los geht's mit "ein Pferd". "Na, wie machen wir da weiter?", fragt Martina. "Ein großes Pferd", sagt Sude. Schritt für Schritt bastelt sie den Satz "Ein großes kräftiges Pferd läuft über die Wiese."

Evelyn macht die Mathematik-Hausaufgabe. Dabei wird addiert. 40 + 6 = 46, 70 +3 = 73. Sollte jemand bei der Hausaufgabe Schwierigkeiten haben, gibt Martina ein paar Tipps, immer darauf bedacht, dass die Kinder selbst auf die Lösung kommen. Sind die Aufgaben erledigt, eilen die meisten Kinder zum Mittagessen. Heute gibt es Spaghetti Bolognese. "Die Kinder können jederzeit essen, wenn sie hungrig sind. Am Nachmittag gibt es eine vielseitige gesunde Jause, bei der Obst und Gemüse nicht fehlen dürfen. Ein leerer Bauch studiert ja bekanntlich nicht gerne", sagt Martina.

Um bei den nachmittäglichen Freizeitaktivitäten besonders auf die Bedürfnisse und Interessen der Kinder eingehen zu können, stellen Iris und Martina die verschiedensten Materialien bereit. Unter anderem gibt es ein gut befülltes Bücherregal, aber vor allem der Kreativbereich lässt keine Wünsche offen. "Wir in der Gruppe fünf haben ein Atelier. Bei uns sind darum viele Kinder, die sich gerne kreativ ausleben. Generell können aber alle zwischen den Gruppen wechseln oder auch in den Turnsaal oder in die Bibliothek gehen. An der Tür gibt es eine Magnetwand, auf der ein Magnet für jedes Kind hängt. Wechseln die Kinder den Raum, verschieben sie einfach den Magneten zum entsprechenden Feld und wir wissen dann, wer wo ist", sagt Martina.

Einfühlungsvermögen ist Trumpf

Martina ist seit fünf Jahren in der Josefstädter Straße, den Beruf übt sie seit 16 Jahren aus. Trotzdem ist kein Tag wie der andere. "Jedes Kind hat eine ganz eigene Persönlichkeit und dementsprechend werden wir immer wieder mit ganz neuen Situationen konfrontiert." Einfühlungsvermögen ist die Grundvoraussetzung für den Beruf. "Es kommt oft vor, dass Kinder nach dem Unterricht traurig sind, weil es nicht gut gelaufen ist, während andere bestens gelaunt sind. Wir müssen es da schaffen, die einen zu trösten und uns mit den anderen zu freuen", sagt Martina.

Ein Drahtseilakt, der nicht immer leicht ist. Martina setzt in jedem Fall auf Authentizität. "Die Kinder brauchen eine Partnerin, die ihnen zuhört und die sich nicht verstellt. Das spüren sie gleich. Sie wissen es auch zu schätzen." Iris kann einiges von der erfahrenen Kollegin lernen. "Martina hat einen tollen Umgang mit den Kindern, stellt sich super auf die Hortkinder ein. Da schau ich mir schon das eine oder andere ab", sagt Iris.

Dabei war Martina selbst gar nicht so gerne im Kindergarten. "Ich war immer die Erste, die da war, das hat mir nicht so gefallen. Aber ich hatte eine Kindergartenpädagogin, die ich sehr geliebt habe und die mich inspiriert hat, Kindern dieses Gefühl der Geborgenheit weiterzugeben." Als Teenager ging Martina an die Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädogogik Ettenreichgasse. Ein Entschluss, den sie bis heute nicht bereut hat.

Kinder brauchen Bewegung

Nach dem Mittagessen sind die Kinder voller Energie. Beim Hort gibt es einen großen Außenbereich, in dem man unter anderem mit Fahrzeugen fahren kann. Martina begleitet die Gruppe nach draußen und achtet darauf, dass es keine Karambolagen gibt. Wer keine Lust auf frische Luft hat, kann auch in den Turnsaal gehen. Bis zu sechs Kinder dürfen dort gleichzeitig Basketball spielen oder auf den Matten turnen. Immer wieder gestalten die Pädagoginnen vielfältige Bewegungseinheiten für die Kinder.

Martina ist eine Spezialistin in Sachen Psychomotorik. "Dabei geht es darum, Kinder durch Bewegung zu fördern. Das sieht so aus, dass wir Material anbieten, aber keine Vorgaben geben, was damit gemacht werden soll. Das können Bälle sein, aber auch Kastanien, Blätter oder Zeitungspapier. So wollen wir die Kinder herauslocken und sie animieren, in der Gruppe gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen", sagt Martina. Das fördert das Sozialverhalten ebenso wie das Selbstbewusstsein und hilft den Kindern herauszufinden, was sie gerne tun.

"Mir ist wichtig, dass die Kinder sich selber kennenlernen und gleichzeitig die Fähigkeit bekommen, in der Gruppe zu agieren", sagt Martina. Da gibt es schon mal einen Streit und auch Tränen, aber auch das sind für Martina und Iris Gelegenheiten, den Kindern zu zeigen, wie es besser geht. "Wir versuchen ihnen Wege aufzuzeigen, sich auszusprechen, statt sauer zu sein. Auch das muss man lernen."

Kreative Angebote sind immer ein Highlight

Es wird etwas ruhiger in der Gruppe, die sportliche Energie ist langsam, aber sicher aufgebraucht. Die Kinder finden sich im Atelier ein. Heute hat Martina eine herbstliche Aktivität vorbereitet. "Wir malen gemeinsam ein Kürbisgesicht", sagt die Hortpädagogin. Zuerst wird ein Teller orange gefärbt, dann wird darauf mit schwarzem Tonpapier ein Gesicht angebracht. Die Kinder lieben die Aktivitäten mit Martina. Ilirik zum Beispiel findet super, dass Martina besonders nett ist und immer bei der Hausübung hilft. Das findet Mavie auch. "Martina ist super", sagt die Volksschülerin. Ob sie denn auch mal streng ist? "Manchmal schon. Aber nur manchmal."

Für Martina ist auch das Teil der Arbeit. "Das ist für mich nichts Negatives. Kinder brauchen Strukturen. Man muss ihnen aufzeigen, was erlaubt ist und was nicht. Das ist auch Sozialkompetenz und davon profitieren sie ihr ganzes Leben lang." Auch wenn die Kinder den Nachmittag frei gestalten können, gibt es Regeln, die für alle gelten.

Kinder sollen sich selbst einbringen. Darum hat Ende September nicht nur Österreich gewählt, auch im Hort gab es eine Wahl; jene für das Kinderparlament. Aus jeder Gruppe sind zwei Schülerinnen und Schüler in dieses eingezogen. Jetzt trifft man sich ein Mal im Monat. Mavie ist auch dabei. "Wir setzen uns dann zusammen und fragen, ob es in allen Gruppen allen gut geht, und sammeln Ideen für den Hort." Auf Initiative des Kinderparlaments wurden zum Beispiel Fußballtore mit Netzen besorgt und das Einmaleins auf den Treppen im Stiegenhaus angebracht. "Wir alle mögen den Hort und bei Martina fühlen wir uns besonders wohl", sagt Mavie und widmet sich wieder ihrem Kürbisgesicht.