Patrick Galehr ist Technischer Referent bei den Wiener Linien. Einen großen Teil seiner Arbeitszeit verbringt er vor Ort auf den Baustellen wie hier am Pius-Parsch-Platz. © PID/Christian Jobst

Ein Tag unter Gleisbauarbeitern: "Dank uns läuft alles auf Schiene!"

Wer hält die Stadt am Laufen? Die MitarbeiterInnen der Stadt Wien. Wir begleiten Bahnbau-Bauleiter Patrick Galehr einen Tag lang bei seiner Arbeit. Er und sein Team sorgen dafür, dass Straßenbahnen und U-Bahnen sicher auf den Gleisen unterwegs sind.

"Heute ist schönes Wetter. Andererseits können wir es uns sowieso nicht aussuchen, sondern müssen bei jedem Wetter anpacken", sagt Patrick Galehr und parkt sein Auto in eine Parklücke am Floridsdorfer Spitz ein. Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, der Frühverkehr ist voll im Gange. Am Franz-Jonas-Platz vor dem Floridsdorfer Bahnhof fahren fast im Minutentakt Straßenbahnen ein und ab. Menschentrauben bewegen sich kreuz und quer über den Platz, hinunter zur U-Bahn oder rauf zur S-Bahn, um rechtzeitig zur Arbeit oder in die Schule zu kommen. "Und wir sind hier mittendrin und tauschen die Gleise bei vollem Straßenbahnbetrieb aus", erklärt der 26-jährige Patrick und zeigt uns die Baustelle am Pius-Parsch-Platz. Einen Monat lang werden hier Gleise und Weichen gewechselt. Gleise haben eine beschränkte Lebenszeit, vor allem auf stark frequentierten Streckenabschnitten wie rund um den Floridsdorfer Bahnhof.

Ein eingespieltes Team

Wir befinden uns auf der sogenannten Strecke Ost. Patrick Galehr ist hier einer der verantwortlichen Bauleiter. Die Strecke Ost zählt 67 Mitarbeiter, acht davon sind Bahnmeister und Aufsichtspersonal. In ganz Wien sind rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in vier Zonen, benannt nach den Himmelsrichtungen, im Bahnbau tätig. Die Strecke Ost umfasst sämtliche Gleisanlagen über dem Donaukanal. Wenn auf den Linien O, 1, 2, 5, 25, 26, 30, 31 oder 33 Gleise getauscht werden müssen, gibt es eine gute Chance, ihn dort anzutreffen. Alle Arbeiter und Techniker tragen ihre persönliche Schutzausrüstung, bestehend aus Sicherheitswarnjacke mit Reflektoren, Sicherheitsschuhen und Schutzhelm.

Nach einer kurzen Besprechung mit seinen Leuten wird auch schon angepackt. Ein Kollege schwingt sich gekonnt auf den Radlader mit dem Hydromeißel. Dieser stemmt durch Vibrationen den Asphalt auf. Sonst steht an Gerätschaften noch ein Kompressor bereit. Eine Baggerschaufel ist zu groß, um den gebrochenen Untergrund wegzuschaffen - deswegen müssen die Arbeiter mit Muskelkraft anpacken. Die Asphaltbrocken und der Untergrund werden mit Schaufeln und Scheibtruhen abtransportiert. "Bei größeren Baustellen und nachts kommt auch eine Fräse zum Einsatz, mit der sich der Asphalt abtragen lässt. Aber ein Teil der Arbeit muss immer händisch erledigt werden. Gleisbauarbeiter haben einen körperlich anstrengenden Job und sind egal ob bei Tag, Nacht, Hitze, Regen oder Kälte im Einsatz." Auch Patrick ist Tag und Nacht im Einsatz, um die Baustelle zu koordinieren und den Baufortschritt zu überwachen.

Ungestörter Straßenbahnbetrieb

Nachts wird vor allem an stark befahrenen Verkehrsabschnitten gearbeitet. Denn eines der wichtigsten Anliegen der Wiener Linien ist, dass der Betrieb weitestgehend störungsfrei weiterlaufen kann. Dazu nützt die Abteilung für Bahnbau auch gerne Ferienzeiten wie Ostern oder Pfingsten. Generell ist die Zeit ab März, April bis in den Spätherbst die Hauptarbeitszeit. Die Ausnahme sind Gebrechen, die müssen sofort behoben werden, egal wie, wann und wo.

"Vorsicht, hier kommt ein Zug von der Linie 26 um die Kurve, den wir kurz anhalten müssen." Der Straßenbahnfahrer hält beim entsprechenden Signal. Der Weichensteller stellt die Weiche. Dies geschieht aufgrund der parallel laufenden Erneuerung der Zuleitungen während der Arbeiten manuell. Die Gleisarbeiter verlassen den Gleisbereich. Patrick gibt dem Straßenbahnfahrer ein Zeichen, dass er den Baustellenbereich passieren kann. 

"Wir sichern die Baustellen so gut wie möglich mit Absperrungen, LED-Warnsignalen und Personal ab. Dennoch schaffen es immer wieder Fahrzeuge in den offenen Gleisbereich, was dann natürlich spektakuläre Medienfotos abgibt", sagt Patrick. Und wie werden sie generell von der Öffentlichkeit wahrgenommen? "Eigentlich durchwegs positiv. Manchmal bekommen wir sogar Dankesschreiben von Anrainerinnen und Anrainern. Voriges Jahr bei einer Baustelle auf der Taborstraße im zweiten Bezirk schrieb uns ein älterer Herr mit Gehbehinderung einen Dankesbrief, wie hilfsbereit die Kollegen stets waren. Beschwerden gibt es nur wenige, weil die Menschen verstehen, was wir hier machen und dass es wichtig für die Aufrechterhaltung des Betriebs ist."

Sicherheit geht vor

Die Gleise werden zwei Mal jährlich mit Messzügen abgefahren. Dabei werden unter anderem die Spurweite und die Gleislage kontrolliert. Expertinnen und Experten entscheiden dann aufgrund der Messergebnisse sowie diverser anderer Parameter, wann Gleise ausgetauscht werden müssen. Gefertigt und so weit wie möglich vorbereitet werden sie in der Oberbauwerkstätte der Wiener Linien. Vom Kurvenradius bis zur Weichenanlage wird dort alles vorab geplant und zusammengebaut. Für den Transport müssen diese Gleisanlagen jedoch wieder in transportable Einzelteile zerlegt werden. Millimeterarbeit ist gefragt, damit am Ende wieder alles zusammenpasst.

Den Überblick bewahren

Auf dem Pius-Parsch-Platz rattert der Hydromeißel und die Gleisbauarbeiter sind erfolgreich dabei, die Gleise freizulegen. Dafür wird die 30 Zentimeter starke Gleistragplatte, also die Tragschicht aus Beton unter der Gleisunterkante, abgetragen. Unter die Gleise werden provisorische Holzklötze gelegt, damit die Straßenbahn ungehindert weiter auf den Schienen fahren kann. "Dafür verwenden wir auch ausgediente U-Bahn-Holzschwellen. Niemand braucht Angst zu haben, dass ein freigelegtes Gleis einbricht, wenn die Straßenbahn darüberfährt", erklärt Patrick Galehr. "Das hält!"

Die neu einzusetzenden Gleisteile liegen bereits an der Seite. Die alten Gleise müssen mit einer Art großer Flex durchtrennt werden, damit sie herausgenommen werden können. Am Ende wird die Gleistragplatte wieder betoniert und mit einer Oberflächeneindeckung, das sind vorgefertigte Betonplatten, abgedeckt. Der junge Bauleiter überprüft die Pläne und ob alles wie vorgesehen läuft. Jedes Detail bis hin zu Bäumen und Hydranten rund um die Baustelle sind in dem Plan eingezeichnet. "Zum Planverständnis hilft mir meine Lehre als bautechnischer Zeichner, die ich bei der Magistratsabteilung 28 - Straßenverwaltung und Straßenbau und der Magistratsabteilung 31 - Wiener Wasser abgeschlossen habe." Mittlerweile hat Galehr die Matura auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und lernt für seinen Abschluss des Studiums zum Bauingenieur. "Wenn alles glatt geht, schließe ich im September das Studium als Diplom-Ingenieur ab." Derzeit besucht er vier Mal pro Woche abends Lehrveranstaltungen.

Von der Baustelle ins Büro

Während sein Team weitermeißelt, schaufelt und sägt, ist für Patrick Galehr die Arbeit hier momentan erledigt. Alles verläuft wie geplant und er beschließt daher, in sein Büro nach Erdberg in den dritten Bezirk zu fahren, wo sich die Direktion der Wiener Linien befindet. "Der Reiz an meinem Job ist unter anderem die Vielfalt. Neben der Betreuung der Gleisbaustellen ist meine Abteilung auch mit Forschung und Entwicklung beschäftigt." Für viele Baustellen, vor allem größere, wird auch mit externen Firmen zusammengearbeitet. Von der Vergabe über die Abrechnung bis zur Baustellenaufsicht ist ebenfalls seine Abteilung zuständig. "Es bedarf vorab einer umfangreichen Koordination, wenn wie hier am Pius-Parsch-Platz eine Baustelle umgesetzt wird. Die Baustellen müssen mit verschiedenen Magistratsabteilungen der Stadt Wien wie der MA 31 - Wiener Wasser, der MA 46 - Verkehrsorganisation und technische Verkehrsangelegenheiten oder auch Wien Kanal und auf jeden Fall mit dem Baustellenkoordinator der Stadt Wien abgestimmt werden." Ebenso erfolgt eine Abstimmung mit den Blaulichtorganisationen sowie im Bedarfsfall mit Taxibetreibern und Regionalbusunternehmen.

"Im Büro wartet eine Menge Unterlagen auf mich, die ich für eine kommende Baustelle in der Klosterneuburger Straße bearbeiten muss. Hier wird seit Juni zwischen der Wexstraße und dem Gaußplatz der gesamte Gleisbereich inklusive der Schienen erneuert."

Heuer stehen in ganz Wien insgesamt rund 40 Gleisbaustellen auf dem Plan. Eine der größten ist jene am Johann-Nepomuk-Berger-Platz, weil die Linien 2 und 44 eine neue Streckenführung bekommen. Da es aber nicht die Strecke Ost betrifft, sind dafür Galehrs Kollegen von der Strecke Nord zuständig. "Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir einen wichtigen Teil dazu beitragen, dass die Wienerinnen und Wiener sicher und zuverlässig durch die Stadt kommen", sagt Patrick Galehr und verabschiedet sich für heute von seinem Bauteam.

Video: Gleisbau in Wien